Hamburger Autorinnen und Autoren schreiben exklusiv im Abendblatt einen Fortsetzungskrimi: Ein Autor beginnt, der zweite setzt die Geschichte fort, dann übernimmt der dritte … Acht Wochen lang. Immer donnerstags erscheint eine Folge

Aus dem Radio dudelte Schnulzenrock, NDR 2: The Black Crowes. Die schwarzen Krähen, dach-te Kommissarin Philine Clausen, ausgerechnet, und wechselte mit einem Druck auf die kleine Fernbedienung den Sender. Deutschlandfunk, Nachrichten, besser.

„Hey, was soll das?“, protestierte ihr Chef und Kollege Peter Meran. „Schalte wieder um! Ich mag die Band! Erinnern mich an meine Jugend!“

„Du hattest mal eine Jugend?“, sagte Clausen und blickte demonstrativ über den Schreibtisch auf Merans deutlich sichtbaren Bauchansatz.

„Haha“, entgegnete Meran trocken. Er zog trotzdem den Bauch ein, dann stand er auf. „Ist auch egal, wir müssen jetzt sowieso zur Vernehmung.“

„Denkst du, Jochen Kettels ist reif?“

„Wir haben ihn mehr als zwei Stunden in dem engen Raum schmoren lassen. Wenn er irgendetwas mit dem Tod seiner Frau zu tun hat, werden wir das schon aus ihm rauskitzeln.“

„Hauptkommissar Peter Meran - der große Psychologe!“, spöttelte Clausen. Sie schob ihre Akten zusammen, stand ebenfalls auf und folgte ihrem Kollegen in Richtung der Verhörräume.

„Aber so was von“, nuschelte Meran in seinen Bart. Und dann irgendetwas, das nach CSI Hamburg City klang. Clausen holte auf, bis sie neben ihm ging. Jetzt war er wieder besser zu verstehen. „Du musst schon zugeben, dass die beiden ein merkwürdiges Ehepaar abgegeben haben“, hob Meran an, als sie im Gleichschritt die langen Korridore hinuntergingen. „Er ist doppelt so alt wie sie, Professor für Ornithologie, gilt als eine echte Kapazität auf seinem Fachgebiet. Irina Jung dagegen war nur eine schlecht bezahlte Pflegekraft. Eine Russlanddeutsche ...“

„Wieso nur?“

„Nur?“

„Du hast nur gesagt. Sie sei nur eine schlecht bezahlte Pflegekraft aus Osteuropa.“

Meran wurde rot. Ein bisschen jedenfalls.

„Sei nicht dauernd so schrecklich politisch korrekt!“

„Sei nicht dauernd so schrecklich politisch inkorrekt!“

„Worauf ich hinaus will ...“

„Ein alter Knacker mit Geld und Erfolg heiratet eine junge, scharfe Russenschnitte!“

„Geht doch“, lobte Meran und grinste. „Genau. Der Vogelforscher und sein Täubchen.“

„Und jetzt ist das Täubchen tot. Eine Krähe hat sie sich geholt.“

„Ach, Krähe, dieser betrunkene Obdachlose und sein Geplapper! Lass uns mal schön bei den Fakten bleiben.“

Meran öffnete die Tür des Verhörraums. Jochen Kettels bot ein Bild des Elends. Obwohl der Mann erst 56 Jahre alt war, sah er aus, als sei bereits jedes Leben aus ihm gewichen. Die Haare grau und schüttern, zerknitterte Haut, Ringe um die Augen. Körperspannung gleich null.

Er sieht aus wie eine traurige, alte Eule, dachte Clausen. Beinahe spürte sie so etwas wie Mitleid mit dem gebrochen wirkenden Mann. Aber das war unprofessionell. Das durfte ihr nicht passieren. Sie schluckte das Gefühl hinunter. Meran und sie nahmen gegenüber von Kettels an einem abgenutzten, wackeligen Resopaltisch Platz.

„Kaffee? Tee? Vielleicht ein Brötchen?“, fragte Meran aufmunternd.

Die alte, traurige Eule blickte zu ihnen auf.

„Gerne“, sagte Kettels leise.

„Vielleicht später“, befand Clausen barsch. „Nach unserem Gespräch.“ Sie legte ihr Smartphone auf den Tisch und aktivierte die Sprachaufnahmefunktion. Ihr Chef gab ihr unterhalb der Tischplatte anerkennend einen Knuff auf den Oberschenkel. So war es richtig: guter Bulle, böser Bulle. Sie würden Kettels knacken wie eine morsche Walnuss. Wenn es denn überhaupt etwas zum Knacken gab.

„Sie sind Ornithologe?“, begann Meran.

Kettels nickte stumm.

„Was fällt Ihnen zu Krähen ein?“, fragte Clausen.

Kettels starrte beide verwirrt an.

„Zu Krähen?“

Meran blätterte in seinen Papieren.

„Genau.“

„Nun ja. Die Raben und Krähen bilden zusammen die Gattung Corvus in der Familie der Rabenvögel“, begann Kettels unsicher und blickte dabei abwechselnd von einem Ermittler zum anderen. „Die größeren Vertreter werden als Raben, die kleineren als Krähen bezeichnet, auch wenn das keine korrekte taxonomische Einteilung ist. Die Gattung umfasst mehr als 42 Arten ...“

„Stopp!“, unterbrach ihn Clausen. „Wir sind nicht hier, um uns ein Referat über Vogelarten anzuhören.“

„Aber Sie haben doch ...“

„Haben Sie ein Vogelkostüm, Herr Kettels?“

„Wo haben Sie Ihre Frau kennengelernt, Herr Kettels?“

„Hatte Ihre Frau einen Liebhaber, Herr Kettels?“

„Was sagt Ihnen der Name Gerda Lehnbrinck, Herr Kettels?“

„Wann waren Sie zum letzten Mal im Michel, Herr Kettels?“

„Warum haben Sie Ihre Frau gehasst, Herr Kettels?“

Das war zu viel. Der Mann brach weinend vor ihnen zusammen. Sein unter Armen verborgener Kopf und sein Oberkörper bebten auf der Resopalplatte. Der ganze Tisch wackelte. Clausen hob schützend ihr Smartphone hoch, das absurd teuer gewesen war.

„Vielleicht doch einen Kaffee?“, fragte Meran.

„Bach“, schluchzte er undeutlich. „Sie liebte Bach. Und ich liebte sie!“

„Was sagt er?“, fragte Meran. „Ein Fluss?“

„Bach. Carl Philipp Emanuel. Der Komponist. Sohn vom großen J.S. Das Grab aus dem Michel, du weißt schon. Wo wir sie gefunden haben“, erklärte Clausen.

„Ach so.“

Die Tür des Verhörraums öffnete sich. Ein Uniformierter trat ein.

„Ich störe ja ungern, aber es gibt wichtige Neuigkeiten. Eine Schießerei an der Elbchaussee.“

„Was hat das mit unserem Fall zu tun?“, wollte Meran wissen.

„Wir arbeiten hier!“, stellte Clausen unfreundlich fest.

„Es gibt da scheinbar einen Verletzten, Claudius Lehnbrinck. Der Sohn der Toten aus dem Alsterfleet.“

Gerade als Gesche die Ampel erreichte, schlug sie auf Rot um. Die Passantin neben ihr, eine Mutter mit Kind an der Hand, blieb stehen, Gesche zögerte ein Moment, dann eilte sie auf die andere Straßenseite. Eine Rentnerin mit Einkaufstüten, die ihr entgegenkam, schüttelte den Kopf. Es war Vormittag und wenig los vor dem S-Bahnhof Ohlsdorf. Eine Schülergruppe, begleitet von zwei Lehrern, war mit ihr aus der S-Bahn gestiegen, hatte sich zügig Richtung Alstertal aufgemacht und der Lärm der hellen Stimmen war so schnell aus dem Bahnhofsgebäude verschwunden, wie er gekommen war. In dem kleinen Blumenladen neben der Rolltreppe hatte Gesche Osterglocken in einem Plastiktopf gekauft. In ihrer Handtasche lag die kleine Schaufel und Gesche freute sich schon darauf, die Zwiebeln in der Erde zu vergraben. Beim großen Tor bog sie auf den Friedhof ein. Zwischen schnell dahinfliegenden Wolkenfetzen schaute die Sonne raus und ließ die weitläufige Parkanlage für einen Moment in ihrem Licht baden. Gesche schloss die Augen und sog die milde Frühlingsluft in ihre Lungen. Obwohl sie zum anderen Ende des Friedhofs musste, entschied sie sich gegen den Bus und machte sich langsam auf den Weg durch die Nebenallee. Zu ihrer linken Seite lagen die ganz alten Grabstätten und später würde sie an den Soldatengräbern des Ersten Weltkrieges vorbeikommen. So viele Leben und so viel Tod, dachte sie. Seltsam, dass das Sterben für die Menschen heutzutage etwas so Fremdes geworden war, etwas, das in die Lebenskonzepte nicht mehr hineinpasste. Doch Sterben ließ sich nicht planen, nicht aufschieben und vor allem nicht rückgängig machen. Hatte man einmal die Chance des Abschieds verpasst, ließ es sich nicht mehr ändern. Jedenfalls nicht in diesem Leben. Eine harte Lektion, auch für sie.

Sie griff um den Ring in ihrer Manteltasche, fühlte mit den Fingerspitzen die Wölbungen nach und erinnerte sich, wie schön er auf dem welken Finger der sterbenden Frau ausgesehen hatte. Von Elli hatte sie sich verabschiedet, für Elli hatte sie sich Zeit genommen und von Elli hatte sie den Ring. Er war wie ein Pflaster auf einer unverheilten Wunde, dachte sie und spürte dabei einen Schmerz in der Brust. Wenn sie damals nur für einen kurzen Moment aus ihrem getakteten, durchgeplanten Alltag ausgestiegen wäre, sich einmal zugestanden hätte, nachzufühlen und die ganzen Verpflichtungen ruhen zu lassen. Wäre dann alles anders gekommen?

Niemand hatte sich nachher dafür bei ihr bedankt, dass sie, statt ihre eigene Mutter am Sterbebett zu pflegen, pflichtbewusst jede Schicht im Krankenhaus übernommen hatte. Wenn es notwendig war, auch die Überstunden. Im Nachhinein schien ihr das alles so unwirklich. Dass sie so von der Vorstellung eines heilen, glücklichen Familienlebens in dem Reihenhaus mit Garten geblendet gewesen war, dass sie alles getan hatte, um es zu erreichen. Bis ihr Leben wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen war. Als ihre Mutter starb, war sie auf einer Zehn-Stunden-Schicht gewesen. Als sie hochschwanger unter Krämpfen zusammenbrach und das Kind verlor, war sie auf einer Zehn-Stunden-Schicht gewesen. Und als ihr Mann Thomas vier Monate später schließlich zu seiner Ex-Freundin zog und nichts außer einem pathetischen Brief zurückließ, war sie auf einer Zehn-Stunden-Schicht gewesen. Sie hatte das Reihenhaus verkaufen, ihr ganzes Hab und Gut einschließlich des Autos und Mutters Familienschmuck verschachern müssen, um den Kredit bei der Bank auszulösen. Dann hatte sie ganz von vorne beginnen müssen. Ein neues Leben.

„Entschuldigt bitte“, murmelte sie, wie immer, wenn sie sich vor das Grab ihrer Eltern kniete. Sie betete. Anschließend grub sie ein Loch für ihre Osterglocken.

Der Ausblick aus dem Einzelzimmer im 12. Stock der Asklepios-Klinik Altona war atemberaubend. Man sah weit über die Elbe hinweg, über den ewig summenden, brummenden Hafen, in dem die blauroten Riesenkrähne wie ferngesteuerte Science-Fiction-Wesen ihren Dienst taten, bis zu den Harburger Bergen und ins Alte Land, wo Hauptkommissar Meran als Kind auf einem Bauernhof aufgewachsen war. So weit hast du es ja nicht geschafft, dachte er, gerade einmal über die Elbe. Von einem Leben auf dem Bauernhof in das tägliche Irrenhaus, das sich Polizeidienst nannte. Die Sonne brach durch die Wolken, das Wasser des großen Flusses schillerte. Bach, dachte er. Beinahe musste er lächeln. Die Stimme seiner Kollegin Philine Clausen holte ihn zurück in die Gegenwart.

„Ein glatter Durchschuss also?“

Claudius Lehnbrinck rang sich unter Schmerzen ein Lächeln ab. Seine linke Schulter war bandagiert.

„Sagt der Chefarzt jedenfalls. Ich habe wohl ziemliches Glück gehabt, ich Trottel.“ Wieder lächelte er. „Man sollte keine Waffe reinigen, wenn man sich vorher nicht vergewissert hat, dass sie ungeladen ist. Ein Anfängerfehler, ich weiß.“

„Woher stammt die Pistole?“, fragte Clausen scharf. „Haben Sie überhaupt einen Waffenschein?“

„Ein Erbstück meines Vaters. Ich weiß, dass ich mich längst um einen Schein hätte kümmern sollen. Aber wie Sie wissen, zwei Schicksalsschläge in so kurzer Zeit ...“

Er hielt sich die rechte Hand vor die Augen, als müsse er plötzlich weinen. Natürlich wussten sie. Es war keine Woche her, dass sie Lehnbrinck zum Tod seiner Mutter befragt hatten. Natürlich war er verdächtig gewesen. Als Alleinerbe des Reederei-Imperiums. Aber er hatte ein glaubwürdiges Alibi, einen beruflichen Termin, den sein Vetter Konstantin Lehnbrinck, der Geschäftsführer der Lehnbrinck AG, sowie eine weitere Mitarbeiterin der Firma bestätigt hatten. Claudius’ Vater, der alte Lehnbrinck, war vor knapp einem Jahr bei einem Reitunfall ums Leben gekommen. Für Merans Geschmack ein bisschen zu viel Tod in dieser Familie. Und jetzt noch diese Schussverletzung ... etwas ungewöhnlich war der Schusswinkel für einen angeblichen Unfall beim Waffenreinigen schon, wenn man genauer darüber nachdachte. Oder fing er auch bereits an, Gespenster zu sehen? Oder gar Krähen?

Wieder lockte ihn der Ausblick aus dem Fenster. Weit über den Hafen, ins Alte Land. In die Heimat, wo die Apfelbäume blühten. Über dem großen Fluss kreisten Möwen.