Die „Tagesschau“ im neuen Gewand

Alle Nachrichtensendungen werden von Sonnabend an in einem brandneuen, hochmodernen Studio in Lokstedt produziert

Hamburg. Wenn Jan Hofer an diesem Sonnabend um Punkt 20 Uhr vor die Kameras tritt, um die Hauptausgabe der „Tagesschau“ zu moderieren, bleibt einerseits alles wie es ist. Nur dass andererseits einiges anders ist. Denn das Nachrichtenflaggschiff der ARD startet am 19. April mit der Übertragung aus einem völlig neu gestalteten und neu konzipierten Studio, das seit 2009 geplant, gebaut, verschoben und verbessert wurde.

Eigentlich sollten die täglichen Nachrichten im Ersten schon seit dem 60. Geburtstag der „Tagesschau“ im Dezember 2012 in neuem Glanz erstrahlen. Doch die Software machte der ARD einen Strich durch die Rechnung. Schwierigkeiten bereitete das Herzstück des neuen Studios, die knapp 18 Meter breite, gebogene Medienwand. Deren Form macht komplexe Computerberechnungen in Echtzeit erforderlich, um Verzerrungen auf den Bildschirmen der Zuschauer zu verhindern. 16 Monate lang wurde getüftelt, nun laufen alle Systeme „fehlerfrei und zur völligen Zufriedenheit“, wie Kai Gniffke, der erste Chefredakteur von ARD-aktuell, stolz erklärt.

Jetzt, da alles wie geplant funktioniert, ist das Ergebnis tatsächlich spektakulär. Sieben Projektoren ermöglichen das nahtlose Bespielen der Medienwand, die kleinen Bildkacheln, die die „Tagesschau“ bislang begleiteten, gehören der Vergangenheit an. Stattdessen stehen die Moderatoren und Sprecher künftig mitten in den Fotos, die die Nachrichten begleiten. „Wir verlangen in Zukunft sehr viel mehr von den Moderatoren“, sagt Thomas Hinrichs, der zweite Chefredakteur. Denn das Studio bedeutet auch das Ende der Männer und Frauen ohne Unterleib, die statisch hinter einem Tresen stehen: Gerade in den moderierten Ausgaben der „Tagesschau“, bei den „Tagesthemen“ und im „Nachtmagazin“ spielt künftig auch Bewegung eine Rolle. Drei Kameras an schwenkbaren Roboterarmen und drei weitere schaffen die Möglichkeit für eine Vielzahl von Perspektiven; auf die Medienwand können auch Infografiken und Videoeinspieler übertragen werden; durch die Computertechnik ist es sogar möglich, einzelne Objekte für den Zuschauer dreidimensional erscheinen zu lassen; gesendet wird natürlich in HD.

Das alles geschehe aber nicht aus Selbstzweck, wie Gniffke und Hinrichs betonen, sondern diene der besseren Vermittlung der Inhalte. Hinrichs erklärt: „Wir haben nach Möglichkeiten gesucht, den Menschen die Nachrichten näher zu bringen.“ Dazu gehöre auch, dass man im Ersten bewusst auf Virtualität verzichte. Alles, was der Zuschauer sehe, sei echt: Ein kleiner Seitenhieb in Richtung der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz aus Mainz, die ihre Hauptnachrichten in einem so genannten Green Room produziert, in dem nur das Mobiliar real ist.

Sogar die Eröffnungsfanfare der „Tagesschau“ wurde dezent aktualisiert

Um sich auf das Arbeiten im neuen Umfeld vorzubereiten, laufen „Tagesschau“ und Co. bereits seit mehr als fünf Wochen im Parallelbetrieb: Während im alten Studio für den Zuschauer produziert wird, stehen gleichzeitig auch im neuen Moderatoren und gewöhnen sich zusammen mit den Kollegen von Technik und Regie an die neuen Arbeitsabläufe. Dass diese reibungslos funktionieren, ist essenziell: Sämtliche Nachrichten kommen künftig aus dem neuen Studio, es wird „24/7, 365 Tage im Jahr“ betrieben, sagt Gniffke. Damit gibt die ARD auch ein Stück Sicherheit auf. Zwar gibt es für alle möglichen Probleme bis hin zum Totalausfall sogenannte „Havariepläne“, aber ein zweites Studio wie bisher, das gibt es aus Kostengründen nicht mehr. Zwar konnte trotz der Verzögerungen der finanzielle Rahmen von 23,8 Millionen Euro eingehalten werden, aber für ein Ersatzstudio weiteres Geld zu investieren, das hätte vermutlich Sendergremien wie Gebührenzahler verstimmt.

Man habe „keine Angst vor Emotionen“ bei der „Tagesschau“, sagt Gniffke, solange sie dem journalistischen Zweck dienten. Und im Überschwang erklärt er: „Die 20-Uhr-Ausgabe bleibt das journalistische Stahlmantelgeschoss“, das in den vergangenen 20 Jahren fast eine Millionen Zuschauer hinzugewonnen habe und aktuell allabendlich fast neun Millionen Menschen vor dem Bildschirm vereine. Um auf diesem Kurs zu bleiben, stehe auch weiterhin die Nachricht im Vordergrund. Vieles bleibt also genau wie bisher. Und manches ist doch anders. Sogar die Eröffnungsfanfare, die im Tonstudio von Hollywood-Starkomponist Hans Zimmer dezent aktualisiert wurde.