Interview

Hamburgs Stadtkuratorin: „Mit Schulterzucken kann ich leben“

Es ist ein einzigartiges Projekt: Sophie Goltz ist Hamburgs erste Stadtkuratorin. Ein Gespräch über Denkmäler im öffentlichen Raum, die Freiheit des Betrachters und ihre ersten Projekte in der Hansestadt.

Hamburg. Zwei Jahre wird sich Sophie Goltz um Kunst im öffentlichen Raum kümmern – sie ist Hamburgs neue Stadtkuratorin. Ach, was heißt neu: So etwas hat es im Kulturleben der Stadt noch nie gegeben. Ausgestattet wird sie mit Mitteln der Kulturbehörde. Goltz stammt aus Dresden, zuletzt hat sie in Berlin und Wien gelebt. Wir treffen sie in der Admiralitätstraße, hier hat sie in einer Anwaltskanzlei vorläufig Unterschlupf gefunden.

Hamburger Abendblatt: Wenn Sie einem Kind erklären müssten, was Sie tagtäglich machen – wie würde das klingen?

Sophie Goltz: Eine Stadtkuratorin trifft viele Künstlerinnen und Künstler. Sie spricht mit ihnen zum Beispiel darüber, wie Menschen in der Stadt zusammen leben und arbeiten. Sie plant und organisiert die Projekte der Künstler, und sie beschafft Geld dafür.

Was ist der öffentliche Raum?

Goltz: Der öffentliche Raum ist... zunächst einmal ein städtischer Raum voll unterschiedlicher Interessen, wenn wir von Hamburg sprechen.

Kunst passiert oft in geschlossenen Räumen, und bevor man in eine Ausstellung geht, gibt es eine bewusste Entscheidung. Kunst im öffentlichen Raum hat dagegen einen Nötigungscharakter, weil man ihr nicht ausweichen kann. Was bedeutet das für Sie als Kuratorin?

Goltz: Dem würde ich gern widersprechen, denn die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst ist meines Erachtens demokratisch. Das heißt, ich kann mich jederzeit entscheiden, auch bei Kunst im öffentlichen Raum, deshalb würde ich diese Unterscheidung so auch nicht machen.

Pardon, dass wir nachhaken, aber wenn man jetzt mal konkret das Beispiel von Alfred Hrdlickas unvollendetem Denkmal am Dammtor nimmt... Das haben 1986 nach seiner Enthüllung sehr viele Leute wahrgenommen, und sie mussten es zwangsläufig, weil es plötzlich dort stand. Sie haben sich daran gestoßen. Das ist nicht freiwillig passiert.

Goltz: Ich gebe Ihnen recht, dass dieses Denkmal eine Präsenz hat, aber die Frage ist, wie gehe ich mit der Präsenz um? Ich würde diese Präsenz nicht mit Zwang gleichsetzen. Eine Begegnung ist noch kein Zwang.

Diese Begegnung geschieht aber nicht freiwillig.

Goltz: Wenn ich Ihnen in der U-Bahn begegne, ist das auch nicht freiwillig.

Ihre erste Aktion war das Anbringen mehrerer Hundert Plakate an den Kulturlitfaßsäulen. Was wollen Sie mit dieser Aktion erreichen?

Goltz: Für uns ist diese Plakataktion der erste Schritt in die Öffentlichkeit. Auf diesen Plakaten sieht man drei Piktogramme: einen Stern, eine fliegende Ente, ein Schiff. Es ist eine sehr einfache Bildsprache, dennoch sind es vieldeutige Zeichen. Man sieht ein Schiff – aber was bedeutet das? Für den einen bedeutet es die Sehnsucht nach einem anderen Leben, für die andere ist es das eigene Boot auf der Alster. Die Bedeutung geben wir nicht vor.

Nicht nur die Litfaßsäule, der ganze öffentliche Raum ist überflutet von optischen und akustischen Reizen. Sie haben eine sehr stille Sprache gewählt mit Zeichen, die sich nicht unbedingt erschließen. Was ist, wenn die Menschen schulterzuckend dran vorbeigehen?

Goltz: Dann ist das für mich eine Reaktion, mit der ich leben kann. Das Schulterzucken heißt: Man sieht etwas, wo man nicht weggucken kann. An Litfaßsäulen herrscht immer eine Überinformation, es fällt schwer, Details überhaupt wahrzunehmen. Die Idee war, eine visuelle Identität für das Projekt zu entwickeln, mit einer Art eigenem Wappen, das Fragestellungen aufgreift.

In Hamburg gibt es das Programm „Kunst im öffentlichen Raum“ seit 1981. Was haben Sie an Spuren entdeckt?

Goltz: Ich habe mir viele Orte angeschaut. Seit 2002 kenne ich außerdem durch die Documenta11 das Projekt „Park Fiction“ auf St. Pauli, da habe ich eine gewisse Entwicklung mitverfolgt. Ansonsten haben wir uns mit verbliebenen Kunstwerken oder Dokumentationen beschäftigt, um zu erfahren, was damals an temporären Projekten stattgefunden hat.

Und wie haben Sie das alles wahrgenommen? Als einen Weg, der für die damalige Zeit richtig war?

Goltz: Ich würde das nicht mit richtig und falsch bewerten. Die Welt ändert sich und mit ihr der städtische Raum. Für mich stellt sich daher die Frage: Worauf sollte sich eine Kunst im öffentlichen Raum in Hamburg in den Jahren 2014 und 2015 beziehen?

Und wie lautet da Ihre Antwort?

Goltz: Angesichts weltweiter Migrationsbewegungen und Konflikte stellen sich Fragen nach Identität und Zugehörigkeit heute anders. Es heißt ja: Hamburg ist das Tor zur Welt, deshalb ist es für mich schon eine Frage, wie die Hansestadt damit umgeht.

Als Sie zum ersten Mal als Stadtkuratorin durch Hamburg gegangen sind – haben Sie da Räume gesehen, wo Sie gesagt haben: Hier kann Kunst im öffentlichen Raum vielleicht genauso eine Debatte auslösen, wie Sie sie eben formuliert haben?

Goltz: Ich gehe da anders vor. Eine Stadtkuratorin ist ja keine Stadtflaneurin.

Aber Sie müssen doch trotzdem mal durch die Stadt gehen... Waren Sie schon in Wilhelmsburg?

Goltz: Wilhemsburg steht für kulturelle und soziale Alternativen. Meine Frage wäre eher: In welchem Verhältnis steht das eigentlich zu anderen Teilen der Stadt. Warum zeigt sich das, was in Wilhelmsburg passiert, so nicht zum Beispiel in der touristisch hochpolierten Innenstadt?

Welche Projekte gehen Sie an?

Goltz: Vom 23. bis 25. Mai findet ein Symposium mit ehemaligen am Programm beteiligten Künstlern statt. In einem Symposium an der HfBK sprechen wir über die Aktualität von Kunst in städtischen Räumen weltweit. Das erweitert den Blick auf Hamburg. Im Sommer eröffnet der türkische Künstler Ahmet Öğüt einen Ableger der „Silent University“, die es schon in Paris, Stockholm und London gibt. Hier bringen Migranten, Flüchtlinge und Asylbewerber ihre Erfahrungen zusammen – als Wissen heutiger Metropolen. Sie erhalten einen Studentenausweis, Räume und finanzielle Mittel.

Ihr Projekt in Hamburg läuft zwei Jahre. Was wären für Sie am Ende die Kriterien des Erfolgs?

Goltz: Kunst im öffentlichen Raum braucht viel Zeit. Ich würde mir wünschen, dass über das Projekt ein Forum Bildender Kunst entsteht, um über Hamburg als kosmopolitischen Ort nachzudenken. In Berlin hat man zum Beispiel die Werkstatt der Kulturen, in Köln gibt es die Akademie der Künste der Welt, so etwas gibt es ja in dem Sinne in Hamburg nicht. Wenn am Ende dafür ein öffentlicher Raum durch die Kunst entstehen würde, das wäre für mich schon ein Erfolg.