Aussprache im Schlauchboot

Ehedrama aus zwei Perspektiven: „Stiller Sommer“

Der Film spielt in Frankreich und ist doch unübersehbar im Milieu von typischen gut situierten Deutschen mit Ferienhaus im Süden angesiedelt. Kristine (Dagmar Manzel) hat nach einer Auktion ihre Stimme verloren, ob wegen Überarbeitung oder Unzufriedenheit – da sie darüber nicht sprechen kann, thematisiert der Film es auch nicht. Es hat etwas, wenn eine Figur so eingeführt wird: Die Annäherung an die Ferienhausnachbarin Barbara (Victoria Trauttmansdorff) verläuft harmonischer, als wenn Kristine Widerworte geben könnte. Auch der Tochter (Marie Rosa Tietjen) bleibt eine Standpauke erspart, als Kristine sie im Bett mit dem Franzosen Franck (Arthur Igual) findet. Und als Ehemann Herbert (Ernst Stötzner) angefahren kommt, kann Kristine sich dessen Wunsch nach Aussprache einfach verweigern. Dann ist es der Liebhaber der Tochter, der Kristines Stummheit für sich zu nutzen weiß.

Gerade als sich der Zuschauer darin einrichtet, dass es hier um das sinnliche Erwachen einer Frau mittleren Alters geht, vollzieht „Stiller Sommer“ eine eigenartige Wendung: In dem Moment, als Kristine doch noch im Schlauchboot die Aussprache mit Herbert sucht, setzt der Film zeitlich zurück und wechselt zu dessen Perspektive.

Einige Szenen sehen wir ein weiteres Mal – aber jetzt aus seinem Blickwinkel. Auf einmal setzt sich ein ganz neues Bild seiner Ehe mit Kristine zusammen. Vieles ist uneben in diesem Film – von der Dramaturgie über die Zeichnung der Figuren bis zur Kamera –, aber er besticht durch die ungewöhnliche Struktur.

+++-- „Stiller Sommer“ D 2013, 86 Min., ab 6 J., R: Nana Neul, D: Dagmar Manzel, Ernst Stötzner, Marie Rosa Tietjen, täglich im Passage (am Freitag mit Regisseurin und Schauspielern), Studio-Kino