Schauspielhaus

Göttliche Komödie

Molières „Schule der Frauen“ am Schauspielhaus bietet glänzendes, kluges Theater

Hamburg. Abgewetzte Rokokokostüme, Haartürme, in denen Vögel nisten, ein fensterloses, gefängnisartiges Haus auf der Bühne und drumherum menschlicher Wahnsinn. Zappelnde, strampelnde, schräge Irrsinnsfiguren. In ihrer Mitte Joachim Meyerhoff als ältlicher Junggeselle Arnolphe, der sich die perfekte Frau abrichten will und dabei in die eigene Falle gerät.

Dieser Arnolphe ist ein intellektueller Spötter, der im Bauerntheater agiert, eine Jahrmarktsfigur, die in die existenziellen Abgründe trauriger Verlorenheit blicken lässt, ein Mann, der glaubt, Alter und Reichtum machten ihn liebens- und begehrenswert. Solche Typen kennen wir. Meyerhoff ist Scheusal, Schurke, arme Sau und weiß dies alles wirkungsvoll und virtuos einzusetzen. Er sieht aus wie Nosferatu und hampelt herum wie Louis de Funès. Er ist verbissen, lächerlich und bemitleidenswert, er rennt und rast, verheddert sich im Slapstick. Nie lässt er nach. In Herbert Fritschs Inszenierung von Molières „Schule der Frauen“, die am Wochenende am Schauspielhaus herauskam, ist Meyerhoff der Mensch gewordene Duracell-Hase mit AAA-Batterie.

Vor zehn Jahren triumphierte Meyerhoff als Mephisto am Schauspielhaus, danach wurde er Bestsellerautor, seine Inszenierungen am Wiener Burgtheater wurden zum Theatertreffen eingeladen, er war „Schauspieler des Jahres“ und kann nun ein glänzendes Comeback am Schauspielhaus feiern. Das, was er hier zeigt, ist hohe Schauspielkunst auf dem Drahtseil. Dass sie sich so entfalten kann, verdankt sich gewiss auch der Regiekunst Herbert Fritschs, der hier eine neue Seite zeigt: Nonsens und Verbohrtheit sind nicht nur komisch, sie sind auch tragisch. Am Ende gab es tosenden Applaus mit rhythmischem Klatschen.

Wie schön, wenn zu Beginn einer Vorstellung der Vorhang hochgeht und man nicht, sobald man den Zuschauerraum betritt, auf die Brandmauer schauen muss. Hier ist auf den Vorhang eine Bretterwand gemalt – Sinnbild für die Vernageltheit des Bühnenpersonals wie für das Gefängnis, das Bollwerk, das sich im Holzhaus auf der Bühne wiederfindet (Bühne: ebenfalls Herbert Fritsch). Victoria Behrs grellbunte Kostüme, selbst Arnolphes modrig-grünes, bereichern die Aufführung um Sinn und Stimmung. Ingo Günthers treibendes, sphärisches Unheilsklimpern auf dem Spinett untermalt den Dauerwahnsinn.

Arnolphe will seine künftige Ehefrau Agnes möglichst dumm und unschuldig

Arnolphe, anmaßender Sittenhüter, intrigantes Lästermaul und Macho mit Moralvorstellungen, die aus Saudi-Arabien stammen könnten, lässt Agnes im Kloster „erziehen“, damit sie möglichst dumm eine Ehe mit ihm eingeht. „Die Gattin, die ich wähle, ich werde hier nicht lügen, ist viel zu dumm, mich zu betrügen.“ Karoline Bär spielt Agnes mit weißblonder Wallamähne bis zum Knie, Unschuldsblick und aufgezogen wie eine Spielfigur. Arnolphe erfreut sich an seiner Gewitztheit, „vermählt, gefehlt und gequält“ sollen sich bei ihm nicht reimen. Doch gerade Agnes, die benutzt werden soll, dreht das Spiel von Macht und Unterdrückung um. Sie verliebt sich in einen anderen.

Auch das Paar, das Agnes bewachen soll, ist laut Arnolphe „dumm wie Brot“. Bettina Stucky und Josef Ostendorf, ausstaffiert mit roten Kirschmündern, Knopfaugen, bunter Schminke, ellenhohen Haartürmen und unfassbar ausladenden Reifröcken, spielen alles andere als dumm. Sie sprechen mit französischem Akzent, stellen sich doof, machen alles für Geld und hauen sich gern mal tote Tiere um die Ohren. Wie alle anderen auf der Bühne treiben auch sie wirkungsvolles Kaspertheater, spielen deftige, der Commedia dell’arte entnommene Typen, sind freche, fordernde, verfressene Spaßmacher. Jede Geste, jede Haltung ist Slapstick: Doubletake, Slowburn, Herumstaksen wie ein Storch, man haut sich den Kopf an der Wand, und zum Schreien geht man ins Off – alles dient der Spielfreude, der Unterhaltung. Wenn zu Beginn Arnolphes Freund Chrysalde auftritt, scheint in Martin Pawlowsky, der schon so lange am Schauspielhaus ist, endlich wieder das Leben zurückgekehrt.

Eine große Freude ist auch der Fritsch-erfahrene Bastian Reiber als Horace, der junge Mann, den Agnes wirklich liebt. Er zupft sich am Schlipsersatz wie Oliver Hardy, wackelt mit den Locken, kokettiert, sprudelt über vor Glück, stellt sich tot, lauscht, linst, liebt, gibt den „Nebenpuhler“ – man könnte ihm ewig weiter zuschauen. Der Abend ist die reine Freude. So war Theater lange nicht.

„Die Schule der Frauen“, Schauspielhaus, weitere Vorstellungen April/Mai; www.schauspielhaus.de