Abendblatt-Kettenkrimi

Erster Teil

Hamburger Autorinnen und Autoren schreiben exklusiv im Abendblatt den Kettenkrimi „Das Wissen der Krähen“: Ein Autor beginnt, der zweite schreibt die Geschichte weiter, dann übernimmt der dritte … Acht Wochen lang. Hier können Sie ihn sich auch vorlesen lassen. Immer donnerstags erscheint eine Folge. Lesen Sie heute Teil eins von Carmen Korn.

Das machen Sie zum ersten Mal“, sagte er und lächelte. Sie nickte. Legte eine kleine Verlegenheit in ihr Nicken. Um sie herum laute Frauen, die dicke Goldketten aus den Taschen holten. Weniger zart gearbeitet als ihr Schmuck, doch die Ketten brachten Gewicht auf die Waage.

„Die Arbeit eines talentierten Goldschmieds“, sagte der Mann hinter der Panzerglasscheibe und zog sich an einen der Tische zurück, um ihre zarten Stücke und deren Goldstempel mit der Lupe zu betrachten. Sie versuchte, abwesend zu wirken, guckte den gedrungenen Frauen zu, die nicht nur laut waren, sondern heiter wirkten als sei der Gang zum Pfandleiher ein gemeinschaftliches Vergnügen.

Nein. Sie machte es nicht zum ersten Mal. Nur hier war sie noch nicht gewesen. Irgendwas ließ sie nervöser sein als sonst. Weder die lauten Frauen noch die schreienden Babys im Zwillingskinderwagen waren Schuld daran, auch nicht der rotblonde Mann, der im eigenen Bierdunst vor einem der Schalter stand. Irgendwas, dessen Schatten sie spürte. Als ob ein dunkler Vogel über ihr schwebte. Sie blickte zur hohen Decke. Ein Klumpen Stuck. Vielfach überstrichen. Leuchtstoffröhren. Vielleicht war es ihr Gewissen, das da schwebte und störte.

Der Mann kehrte zurück. „Wieviel brauchen Sie?“, fragte er. Das war sie noch nie gefragt worden. Er sah sie erwartungsvoll an, doch Gesche wusste nichts zu sagen.

„Vierhundert? Nur Ihren Ausweis brauche ich noch.“

Gesche zog die Plastikkarte aus der Tasche ihres kurzen Mantels und legte sie beinah zögernd in das Fach.

„Sie müssen nicht verlegen sein. Viele brauchen mal schnelles Geld.“

Er studierte den Personalausweis und lächelte. „Florentine“, sagte er, „ein schöner Name. Sie sind ein wenig älter als ich dachte.“ Der Mann schien noch mehr Freundlichkeit hinzufügen zu wollen, doch er kehrte zum Tisch zurück und ging schließlich zu einer Kasse, deren Lade offen stand. Lauter Geldbündel. Vier grüne Scheine zog er aus einem der Bündel und legte sie mit Ausweis und Pfandschein ins Fach. Gesche senkte den Blick und ließ alles in ihrer Manteltasche verschwinden. „Danke“, sagte sie kaum hörbar und ging hinaus.

*

Die Sonne stand tief und warf lange Schatten, als Gesche auf die Straße trat. Sie knöpfte den Mantel auf. Es war zu früh warm geworden. Das Wetter versprach, was es nicht halten würde.

Florentine war zehn Jahre älter gewesen und seit wenigen Wochen tot. Dunkles langes Haar hatte sie gehabt wie Gesche, das war die ganze Ähnlichkeit. Dem Pfandleiher waren keine Zweifel gekommen.

Gesche wartete an der Ampel, und es war fast still um sie herum. Kein Auto kam, warum hatte sie nicht schon längst die Straße betreten? Sie war keine, die länger als nötig an roten Ampeln verweilte und sich dabei für einen guten Menschen hielt. Gesche zuckte zusammen. Ein vogelähnlicher Schatten hatte sich neben ihr aufgetan.

Sie trat auf die Straße und übersah das Auto, das sich rasch näherte. Vielleicht hätte es sie erfasst, wäre sie nicht im letzten Moment zurück auf den Gehweg getreten. Der Mann, der dort stand, trug einen langen schwarzen Umhang mit Pelerine und einer Kapuze, die ihm tief in die Stirn hing. Sein Schatten sah aus wie der einer riesigen Krähe.

Er blickte sie an, ein langer Blick aus zu hellen Augen. Gesche wandte sich ab. Sie ging in schnellen Schritten und drehte sich erst um, als sie den tristeren Teil des Steindamms erreichte. Sie sah die Plakate, die an einem Bauzaun klebten. Medieval Music. Vielleicht hatte nicht Gevatter Tod neben ihr gestanden, sondern nur ein Typ, der an einem mittelalterlichen Spektakel teilnahm und auf dem Krummhorn blies oder eine Schalmei bespielte. Was ließ sie so leicht erschrecken?

Erst an der Sechslingspforte hielt Gesche an und fühlte nach den vier Scheinen in ihrer Tasche. Die Arbeit eines talentierten Goldschmieds. Der Schmuck einer feingeistigen Frau. Florentine hatte sich gerne so genannt. Feingeistin. Als hätte der Geist eine Geschlechtsumwandlung nötig. Gesche hatte die Fenster geöffnet, als Florentine gestorben war. Damit die Seele nach draußen fände und besser noch Florentines Geist mit all seinen Dünkeln. Ein paar Krähen vom Dach gegenüber waren aufgeflogen, als Gesche an den Fensterflügeln zerrte.

Sie stieg die fünf Stockwerke hoch und öffnete die Tür zu dem Zimmer, in dem sie lebte. Im schmalen Schrank aus Kiefernholz stand die Kassette. Gesche legte die Hunderter zu den anderen Scheinen. Auf dem Boden der Kassette lagen zwei Ausweise. Beide Frauen hatten nicht einmal ihre Haarfarbe gehabt.

*

„Sie hat schon lange keinen mehr, der sich kümmert“, sagte die Frau.

Im ersten Augenblick hatte sie betroffen ausgesehen, ein Eindruck, der sich bald auflöste im teigigen Gesicht.

„Sie sind eine Verwandte?“

Die Frau schüttelte den Kopf. „Nur eine Bekannte“, sagte sie. „Und ich habe keine Zeit. Schon gar nicht täglich. Das Leben hetzt einen doch nur. Als sei man ein Hase bei der Treibjagd.“

Gesche nickte verständnisvoll. Lauter Hasen bei der Treibjagd. Die flüchtige Blicke auf ihre Zeugnisse warfen. Ihr Schlüssel in die Hand drückten, um Gesche Sterbenskranke anzuvertrauen.

Sie standen vor dem Aufzug im marmornen Treppenhaus. „Es ist nicht so, wie es scheint“, sagte die Frau. „Da oben ist kaum was zu holen.“

Die Wohnung im obersten Stock war wohl die einzige private im Haus. Sonst gab es nur Kanzleien in der Kleinen Johannisstraße. Das erste, was Gesche wahrnahm, war der Turm von St. Katharinen.

„Die Aussicht. Ich weiß“, sagte eine leise Stimme.

Gesche blickte auf das Bett, das vor eine Bücherwand geschoben worden war. Ein kleines Gesicht. Feines weißes Haar.

„Fräulein Gesche ist staatlich geprüft“, sagte die Teigige. „Du bist bei ihr in besten Händen.“ Sie beugte sich über die Frau im Bett und berührte ihre Hand. „Ich weiß nicht, wann ich nächstens kommen kann, Elli.“

„Du hast mir ja Fräulein Gesche gebracht“, flüsterte die Kranke.

„Einfach nur Gesche“, sagte Gesche, nachdem sich die Tür hinter der Teigigen geschlossen hatte. Elli schien eine liebe Sterbende zu sein.

*

Sie lehnte am Geländer der Alsterarkaden und blickte über die Schleuse zum Rathaus hin. Die Leute flanierten an diesem Frühlingstag, als gäbe es nichts anderes zu tun. Die Sonne schien auf Gesche und ließ den Ring an ihrer Hand blitzen. Ein heller Saphir.

„Das einzig gute Stück, das geblieben ist“, hatte Elli gesagt und den Ring aus der Schatulle geholt, in der sonst nur noch eine dünne Kette und ein Paar Perlenstecker lagen. In der zweiten Woche schon war das gewesen. „Nimm ihn, Kind. Keine andere soll den Ring kriegen.“

Gesche ahnte, dass Elli an die Teigige dachte, die sich nicht mehr blicken ließ, und hatte die Schatulle zurück an ihren Platz in der oberen Schublade der Kommode getan.

Sie löste sich vom Geländer und ging über die Brücke, um vom Rathausmarkt in die Kleine Johannisstraße zu gehen. Vögel flogen auf, als etwas Schweres in das Wasser des Alsterfleets fiel. Möwen, dachte Gesche und blickte hoch. Krähen krächzten zum Kreischen der Möwen, als die beiden Jungen auf der Brücke den zweiten Stein warfen.

Was wäre, wenn Elli ihre Krankheit überlebte? Eine leichte Besserung schien eingetreten zu sein. Dann kriegte sie den Ring zurück.

*

Elli starb an dem Tag, als die Leiche im Fleet gefunden wurde. Gesche hatte noch lange Ellis Hand gehalten und ihr die Augen geschlossen.

Danach war sie durch die Wohnung gegangen und hatte Schubladen aufgezogen. Die Scheckkarte und das Sparbuch ließ sie wie immer unberührt. Die dünne Kette und die Perlenstecker nahm sie aus der Schatulle. Den Ring zog sich Gesche vom Finger, ehe der Arzt kam, um den Totenschein auszustellen. Die Teigige folgte auf dem Fuße, als habe sie Ellis Tod gerochen, und forderte Gesche auf, zu gehen.

Gesche blieb, bis der Bestatter kam und Elli in den Sarg legte. Sie warf einen letzten Blick auf den Turm der Katharinenkirche, um den Vögel kreisten. Alles war verfügt. Der Ring ruhte in Gesches Tasche wie auch der restliche Schmuck.

Sie verließ das Haus und ging durch die Kleine Johannisstraße zum Rathausmarkt, wollte die Brücke zu den Alsterarkaden überqueren. Doch die war nicht zugänglich. Absperrband wehte. Ein silberfarbener Kleintransporter stand mit offener Heckklappe auf der Brücke. Genau so ein Leichenwagen hatte vor Ellis Haus gestanden. Eine tote Frau wisperte es in der Schar der Gaffer, die lange dunkle tropfende Haare gesehen hatten. Gesche kehrte um und ging Richtung Großneumarkt zum Pfandhaus Hütten.

Sie legte die dünne Kette und die Perlenstecker vor und zeigte Florentines Ausweis. Sie bekam neunzig Euro. Gesche wusste, dass Elli ihr nicht böse war. Sie hätte verstanden, dass all das zum Einstieg in ein neues Leben gehörte.

*

Der schwarze Umhang lag seit Tagen in der hinteren Ecke des Spindes. Zwei Zeugen hatten von einem Kapuzenmann gesprochen, den sie zu früher Tageszeit auf den Stufen zum Fleet gesehen hatten. Gegenüber den Alsterarkaden und nur Stunden vor dem Fund der Toten. Gevatter Tod ohne Sense hatte eine Zeitung geschrieben.

Er zündete eine Zigarette an und stellte sich ans offene Fenster. Unten ging die Schöne, die nebenan wohnte. Oft war sie viele Tage lang nicht da. Welchen Geschäften ging sie nach? Ihm würde gefallen, das zu wissen. Er griff nach der Lederjacke und setzte die Ray Ban auf. Es fiel ihm schwer, sich der Schönen ohne Verkleidung zu nähern.

*

Gesche trug den Ring nicht bei der Arbeit. Elli hatte es gern gesehen, doch andern würde ein kostbarer Ring an der Hand der jungen Pflegerin auffallen und die Gedanken unnötig auf das Thema Schmuck lenken.

Die Wohnung, in der sie nun arbeitete, barg bestimmt keine Schätze. Die Zimmer waren karg, kaum ein schönes Teil. Dafür saß eine Krähe aus Kunststoff auf dem Gitter des Küchenbalkons, um Tauben zu verjagen. Es kam vor, dass Gesche erschrak, wenn sie im Dämmerlicht in die Küche kam, um der alten Frau einen Kräutertee zu kochen.

Jetzt gab sie der Krähe einen abfälligen Blick, nahm einen Fünfer aus der Teedose und griff nach dem Einkaufsnetz. Weiche Eier und Toast ohne Rinde begehrte die Alte, kaum dass Gesche zur Tür herein gekommen war und auch nur die Kissen aufschütteln konnte.

Gesche stieg die knarrenden Treppen hinunter und öffnete die Tür. Er fiel ihr sofort auf, wie er an der Hauswand lehnte und sich sonnte, die schwärzeste aller Brillen im Gesicht.

Sie ging mit schnellen Schritten, als auf einmal ein Schatten auf der Höhe ihres Schattens war. Sie wandte sich nach links und zertrat ihn kühl, und da kam eine Erinnerung in ihr hoch.

Carmen Korn arbeitete nach ihrer journalistischen Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg sieben Jahre lang als Redakteurin für den „Stern“. Freiberuflich war sie in der folgenden Zeit für „Brigitte“, „Viva“ und „Die Zeit“ tätig – und sie begann in jenen Jahren, Bücher zu schreiben. 1989 erschien ihr erster Roman „Thea und Nat“, drei Jahre später dann „Das singende Kind“. 1999 wurde sie für die in der Abendblatt-Krimireihe Schwarze Hefte erschienenen Kurzgeschichte „Der Tod in Harvestehude“ mit dem Krimipreis Marlowe der Raymond-Chandler-Gesellschaft ausgezeichnet, 2004 erhielt sie den Friedrich-Glauser-Preis, ebenfalls für eine Kurzgeschichte. Korn hat neben mehreren Kriminalromanen und Erzählungen auch zahlreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht. Zuletzt erschienen von ihr die Kriminalromane „Vorstadtprinzessin“ und „Dunkle Idylle“. Carmen Korn lebt mit ihrer Familie auf der Uhlenhorst.

Das sind die Autorinnen und Autoren sowie die Veröffentlichungsdaten des Kettenkrimis im Hamburger Abendblatt

1. Teil, Do. 03.04., Carmen Korn

2. Teil, Do. 10.04., Michael Koglin

3. Teil, Do. 17.04., Regula Venske

4. Teil, Do. 24.04., Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson

5. Teil, Fr. 02.05., Frank Göhre

6. Teil, Do. 08.05., Jean Bagnol

7. Teil, Do. 15.05., Friedrich Dönhoff

8. Teil, Do. 22.05., Robert Brack