Künstlerische Choreografien

60 Absolventen zeigen in der Hochschule der bildenden Künste ihre spannenden Abschlussarbeiten

Hamburg. Drei Tage öffnet die Kunsthochschule wieder ihre Pforten für ihre Absolventenschau: Den Eingang beherrscht das monumentale, amorphe Wandgemälde von Laura Link und Lydia Balke, das zum Landschaftlichen drängt. Nebenan in der Aula haben sich Ida Roscher, Antje Fischer und ihre Helfer positioniert, um ihre „performative Skulptur“ aufzuführen. Mit einem langen Gummiseil spielen sie „Finger-Twist“: In Lebensgröße wird ihre Spontan-Choreografie zum sozialen Experiment, in dem die Muster sich stetig verändern, Dominanz und Flexibilität sich paaren oder abstoßen.

Jens Franke zeigt dann zwei Filme aus Shanghai, die die absurden Seiten von Kulturexporten ohne Worte deutlich machen. Die von Albert Speer erbaute „New Town“ scheint überwiegend menschenleer und aus deutscher Sicht zweckentfremdet genutzt. Mit der Wechselwirkung von Malerei und Skulptur spielt Robert Vellekoop. Er liebt das Pseudo-Reelle aus dem Baumarkt, vom Terrazzomuster bis zum Marmorimitat.

Disparat und spannend treffen die Arbeiten von Stefan Holzmann aufeinander. Eine leere schwarze Bühne mit harten offenen Kanten, ihr gegenüber dann ein Bildschirm, über den eine etwas ältere Arbeit flackert, nein fließt. Aus einem Hip-Hop-Filmset hat Holzmann eigentlich alles entfernt, bis auf die Luxuskarosse eines blinkenden Maybach: keine Frauen, keine Macker mit Goldketten, keine Musik. Nur das Statussymbol, farblich ins Grellbonbonfarbige gezerrt und sehr langsam von zäh fließendem Schaum überzogen. Eine stille Ballade über den erotisch aufgeladenen Oberflächenfetischismus.

Sohyun Jung dagegen bewegt sich zwischen Computerspiel, Soundcollage und Zeichnung. Das wirre Flüstern einer alten Frau drängt sich in all die leeren Flure, durch die computersimulierten Wohnanlagen, durch die sie uns führt. Bin ich verrückt oder du?, hallt es hinter einem her, und weiter geht es ins Erdgeschoss. Claire Macé lädt ein, sich mittels einer langen Stange eines der von ihr handbemalten Capes überzuziehen, ihre Erzählung vom Strandspaziergang eines alten Mannes zu lesen und dann um die Keramik-Skulpturen herumzugehen, die zugleich wuchtig und fragil wirken und etwas sehr Körperliches haben.

Anna Grath und Julia Calvo sind beide starke Persönlichkeiten. Anna Graths „Choreografie des Strumpfes“ ist zwar ein Jux, doch schafft sie aus vorgefundenen Gegenständen wie Duschschläuchen, Bügeln, dem Rand eines Eimers oder aufgebogenen Haken fragile Gefüge, denen sie lustige poetische Namen verleiht, unter der Grundsatzfrage: Was kann ich den Dingen auferlegen?

Die Spanierin Julia Calvo unterläuft das durch städtische Straßenschilder suggerierte Moment des Verbotes dadurch, dass sie dessen runde Form in Knallbunt aufstellt. Die Inspiration aber, die falle vom Himmel, erklärt sie. Weshalb Julia Calvo in genau dem Durchmesser der weißen Säulenstümpfe, die sie mitten im Raum postiert hat, ein Loch in die selbst gezimmerte Decke gefräst hat. Ja. So ist es: Ohne Eingebung keine Kunst.

HfBK Lerchenfeld, Eröffn. 20.2., 20.00, bis 23.2.