Berlinale

Lea van Acken: Ein Gesicht, das man nicht vergisst

| Lesedauer: 6 Minuten
Karolin Jacquemain

Die Schauspielerin ist 14, lebt bei Hamburg und spielt in „Kreuzweg“ ihre erste große Rolle. Auf der Berlinale gab es dafür viel Applaus – vor allem wegen der Ausstrahlung Lea van Ackens.

Berlin. Dichte Wimpern, ebenmäßiger Teint, ein Gesicht, aus dem die Kindheit bereits ausgelöscht scheint. Das ist Maria, 14 Jahre alt und von ihrer Mutter gezwungen, den extremen Lehren einer erzkatholischen Priesterbruderschaft zu folgen.

Der Film „Kreuzweg“, der in diesen Tagen seine Premiere und etliche Gala-Vorstellungen auf der Berlinale feiert und am 20. März in den Kinos startet, erzählt die Leidensgeschichte eines Mädchens, dem ein normales Teenagerleben verwehrt wird. Ein Lebensabschnitt, in dem Jugendliche für gewöhnlich „Bravo“-Poster an die Zimmerwand pinnen, mit Make-up und ausgestopften BHs experimentieren und beschließen, die Erwachsenen sehr uncool zu finden. Vor allem die eigenen Eltern. Maria dagegen ist Vollzeit damit beschäftigt, Satans Einfluss zu widerstehen. Und der Teufel steckt in vielen Details, in der Popmusik ebenso wie im Sportunterricht und auf dem Plätzchenteller. Sie sei ein „Soldat Jesu Christi in der Schlacht zwischen Gut und Böse“, erklärt ihr der Pfarrer (Florian Stetter) beim Firmunterricht – und Maria nickt dankbar. Alles, was Orientierung bietet, saugt sie auf wie ein trockener Schwamm.

Wer auf Lea van Acken trifft – Pünktchenkleid, Sonnenscheinlächeln, staksiger Gang – ahnt schnell, dass die 14-Jährige eher in die Kategorie „unbeschwertes Teenagermädchen mit Reitunterrichtalltag“ fällt. Zum Glück. Umso beachtlicher ihre Verwandlung in die verstörte, vereinsamte Maria. Wer glaubt, dass dieses Einfühlen in komplett fremde, dem eigenen Ich gegensätzliche Charaktere zum Schauspielberuf nun mal dazugehöre, hat keine Vorstellung, wie selten es tatsächlich glaubwürdig gelingt.

Bei der Uraufführung gibt es tosenden Beifall

In diesem Fall schon. Lea van Acken, die mit ihrer Familie bei Hamburg lebt, spielt in „Kreuzweg“ ihre erste Kinorolle. Ihre erste große Rolle überhaupt, lässt man schauspielerische Gehversuche bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg einmal außen vor. Man kann mit Recht behaupten, dass der Sog des Films auch mit der Ausstrahlung seiner Hauptdarstellerin zusammenhängt. Ein Blick von ihr, und der Zuschauer weiß, wie totale Verunsicherung aussieht. Wie Magenschmerzen plus Liebeskummer nämlich.

Nach dem Sozialdrama „Jack“ ist dies bereits der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag, der sich ganz auf das Gesicht des jungen Protagonisten verlässt – und damit punkten kann. Bei der Uraufführung im Berlinale-Palast gab es tobenden Beifall, selbst die am frühen Sonntagmorgen noch im halbschlafenen Zustand wandelnden Filmkritiker spendeten anerkennenden Applaus. Die erste Hürde hat „Kreuzweg“ damit schon mal genommen.

„Wow, kann es wirklich sein, dass wir unsere Hauptdarstellerin schon am ersten Tag gefunden haben?“, fragte sich Regisseur Dietrich Brüggemann beim „Kreuzweg“-Casting, als van Acken ihre Testszene spielte. „Sie hat ein reines Herz, eine unglaubliche Klarheit und ist sehr wach“, schwärmt Schauspielerin Anna Brüggemann, die gemeinsam mit ihrem Bruder das Drehbuch schrieb.

„Kreuzweg“ ist ein Film über seelischen Missbrauch

Lea van Acken selbst fand sich zwar eher mittelprächtig, was verständlicherweise wenig zählte. Es konnte also losgehen. In nur 14 Drehtagen (pro Kapitel ein Drehtag) entstand ein Drama, das durchexerziert und wie eine Idee über den Menschen gestellt wird. Denn „Kreuzweg“ ist kein Film, der Glauben und Religion an sich verdammt. Er erzählt, was geschieht, wenn Religion in Fanatismus umschlägt. In Marias Fall endet es, soviel darf man verraten, nicht glücklich. Sie verweigert die Nahrung, hat die fixe Idee, ihren kleinen, autistischen Bruder retten zu können, wenn sie selbst sich aufopfert. „Die heilige Kommunion ist die beste Nahrung“, sagt der Pfarrer noch am Krankenbett, als Maria schon so kraftlos ist, dass ihr Blick ganz fiebrig ist.

Mehr als alles andere ist „Kreuzweg“ ein Film über seelischen Missbrauch. Deshalb ist er auch so aktuell. In einer Zeit, in der Dutzende von Fernsehserien radikale Islamisten zeigen, gibt es nur wenige Werke, die sich mit Auswüchsen anderer Religionen befassen, etwa mit christlichem Fundamentalismus. „Die meisten Menschen beschäftigen sich in irgendeiner Art mit Religion, mit übergeordneten Systemen. Es scheint eine Sehnsucht zu geben nach unverrückbaren Werten und einfachen Wahrheiten“, sagt Anna Brüggemann. So eindeutig die Glaubensdiktate der (fiktiven) Priesterbruderschaft St. Paulus sein mögen, so kompliziert ist ihre Integration in den Alltag. „Kreuzweg“ zeigt, wie Maria immer mehr zur Außenseiterin degradiert wird; wie sie sich von ihren Mitschülern entfremdet und so zunehmend entwurzelt wird. „Wenn ich eine schwere Szene drehen musste, habe ich mir immer vorgestellt, ich sei komplett allein auf der Welt, das hat geholfen“, erzählt Lea van Acken.

Es gibt kein Entkommen und erst recht keine Gnade

Zuhause findet Maria keinen Trost. Ihre Mutter (Franziska Weisz) bedrängt sie mit ihrem als Fürsorge getarntem Fanatismus, der Vater ist ein verdruckstes Kerlchen, das meistens nach links unten auf den Boden schaut, als gäbe es an den Teppichfransen etwas besonders Interessantes zu entdecken. Der heilige Krieg, den diese Familie führt, endet eben nicht an der Eingangtür. Er wird auch am Küchentisch erbittert ausgefochten, mit zischenden Drohungen der Mutter und erschöpften Tränen der Tochter. Es ist ein Krieg, in dem es keine Ausflüchte gibt, kein Entkommen und erst recht keine Gnade.

„Kreuzweg“ ist kein Film, den man mit einer Tüte Popcorn im Arm konsumiert. Er ist kein gefälliger Film und überreicht dem Zuschauer seine Deutung nicht auf dem Silbertablett. Aber er besitzt eine Konsequenz, der man sich letztlich nicht entziehen kann, die von der Leinwand bis auf den Kinosessel ausstrahlt.

Das Gesicht von Maria vergisst man so schnell nicht wieder.