Ohnsorg Theater

Es lebe die Liebe, das Leid, die Lust

| Lesedauer: 3 Minuten
Stefan Grund

Jugendtheater auf der Studiobühne mit „Leonce und Lena“ von Georg Büchner erfolgreich eröffnet. Die Inszenierung mit schlichten Mitteln setzt auf die Fantasie der Zuschauer.

Hamburg. Ein großartiger Lustspielabend eröffnete jetzt das Ohnsorg Jugendtheater auf der Studiobühne mit „Leonce und Lena“ von Georg Büchner – streckenweise hochdeutsch, in weiten Teilen op Platt (Übersetzung: Cornelia Ehlers). In seiner Fassung für Schüler ab 14 Jahren erfindet Regisseur Ingo Putz eine komödiantische Rahmenhandlung, die neue Schubkraft ins Drama um den Prinzen und die Prinzessin bringt. Die beiden begegnen sich auf der Flucht vor der Zwangsheirat und verleiben sich ineinander, ohne zu ahnen, wer der andre ist. Das von Putz nur leicht tiefer gelegte Stück beschleunigt in wenigen Minuten von Null auf Hundert.

Getrieben vom Verlangen nach dem lukrativen Auftrag, eine königliche Hochzeit auszurichten, zieht im Stück ein Ehepaar die Fäden, das eine Heiratsagentur betreibt und mit gewagten Slogans wirbt: „Heiraten Sie, um die Sorgen zu teilen, die sie ohne Ehe nie gehabt hätten“. Der Hochzeitsplaner (Holger Dexne) und die Hochzeitsplanerin (Kristine Bremer) spielen außerdem in rasantem Wechsel arglistig sämtliche Nebenrollen, die Büchner erfand und treten zudem als Stehlampe, Bild, Standuhr oder Buchsbaum auf. Wer oder was sie gerade sind, verkünden gelbe Haftnotizen, die sie sich mit jedem Rollenwechsel neu an die Stirn heften, ohne sich dabei zu verzetteln. So lebt Dexne sein ausgeprägt komisches Talent als Leonce-Narrenfreund Valerio ebenso aus wie als König Peter, Privatlehrer oder Standuhr.

Als Valerio erschleicht er sich das Vertrauen des melancholischen, jungenhaften und doch für sein Alter tiefgründigen Leonce (André Lassen). Bremer übernimmt sogleich die Rolle der Leonce-Freundin Rosetta und sorgt dafür, dass Leonce sie von der Bettkante schubst, um den Platz für Lena (Hanka Schmidt) freizumachen. Dexne und Bremer drehen dabei auf und toben durch Kleiderballen im Heuballen-Format, und somit durch den Stoff, aus dem hier die Räume und die Träume sind (Bühne und Kostüme: Yvonne Marcour). Der körperliche Einsatz der vier jungen Schauspieler ist halsbrecherisch und wird durch Aufgaben an der Publikumsfront ergänzt. So dirigiert Bremer die Zuschauer, die das Volk erstklassig verkörpern, ohne geübt zu haben und abwechselnd „Wie?“ und „Wat?“ rufen, bis „Vivat“ dabei herauskommt.

Doch bevor sich Leonce und Lena kennenlernen und verlieben, also letztlich ihrem Schicksal wehrlos ergeben, durchleben beide schwere Krisen. Beide unternehmen Selbstmordversuche, Leonce mit über den Kopf gezogener Plastiktüte, Lena im „Romeo und Julia“- Zitat mit Giftfläschchen, das sich als Mini-Flachmann entpuppt. Die Hochzeit vor dem Königspaar findet mit Rollentausch statt. Leonce trägt das Hochzeitskleid, Lena den Anzug, beide Masken mit dem Gesicht des andern. Die dichte Atmosphäre des satirischen Stückes über den Adel und die deutsche Kleinstaaterei wird in der geerdeten, modernisierten Putz-Version durch die überschaubare Bühnengröße noch verstärkt. Die Inszenierung mit schlichten Mitteln setzt auf die Fantasie der Zuschauer. Vivat!

„Leonce und Lena“, Ohnsorg Theater, Studio; 7.,8., 21., 22. Februar; Karten: 040/35 08 03 21