Kino-Preview

„Das radikal Böse“ - Suche nach den Abgründen des Lebens

| Lesedauer: 5 Minuten
Volker Behrens

Wie werden aus ganz normalen jungen Männern Massenmörder? Warum verweigerten so wenige den Befehl, obwohl es ihnen freigestellt war? Regisseur Stefan Ruzowitzky gibt in seinem neuen Film „Das radikal Böse“ neue Einsichten in die menschliche Psyche.

Abaton Ein Oscar hat ungewöhnliche Folgen. Der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky gewann vor sechs Jahren auch mit Unterstützung der Hamburger Produktionsfirma Magnolia Film für sein Nazi-Drama „Die Fälscher“ den Preis für den besten ausländischen Film. Das Thema hat ihn nicht losgelassen. In seinem Dokumentarfilm „Das radikal Böse“ geht er jetzt der Frage nach, wie aus normalen Männern Massenmörder werden. Der Regisseur kommt heute zur Hamburg-Premiere ins Abaton. Der Film kommt am 16. Januar in die Kinos.

Hintergrund des Films sind die Erschießungen von zwei Millionen Menschen während des Zweiten Weltkriegs in Osteuropa, einem Drittel aller Holocaust-Opfer, durch deutsche Einsatzgruppen und Polizeibataillone. Ruzowitzky hat historische Aufnahmen, nachgestellte Szenen und Passagen aus den Briefen der Täter kombiniert. Dazu hat er einige psychologische Experimente wie das Milgram- und das Stanford-Experiment nachgestellt und spricht mit Forschern. Er filmt Dokumente, in denen der Massenmord akribisch mit perfider bürokratischer Perfektion festgehalten wurde. Auch einige betagte Augenzeugen kommen zu Wort.

„An der Nazizeit interessiert mich besonders die Motivation der Täter. Warum haben die das gemacht? Was ist damals in dieser Gesellschaft falsch gelaufen? Wie konnte sie so in die Hölle abgleiten? Es geht nicht mehr darum, irgendwelche Täter physisch festzumachen“, sagt Ruzowitzky. Er sieht seinen Film nicht so sehr als historische Dokumentation, sondern vielmehr als Funktionsbeschreibung unter der besonderen Berücksichtigung von politischer Bildung und Zivilcourage.

Was kann man aus den historischen Ereignissen lernen? Sind Erkenntnisse überhaupt in die Gegenwart übertragbar? Ruzowitzky erinnert an die Diskriminierung der Opfer. „Man darf nicht aufgrund seiner Herkunft vorbestimmt werden. Es gibt ein starkes Problembewusstsein dafür, dass man Menschen nicht in Schubladen stecken oder gar als minderwertig betrachten darf. Aber es gibt immer eine Tendenz von der rechtspopulistischen Seite, solche Ressentiments zu nutzen. Man kann mit einer Sündenbock-Strategie leider immer noch gut Politik machen. Aber man kann sich nicht auf den Standpunkt zurückziehen, dass man nicht weiß, welche Ausmaße das annehmen kann. Wir sind als Gesellschaft gewarnt.“

Im Film fordern Wissenschaftler eine Änderung der politischen Kultur. Sie appellieren an die Eigenverantwortung, auch Soldaten dürften sich der nicht verweigern. Eine Argumentation im Sinne des Befehlsnotstands sei inakzeptabel. Hier geht es nicht um die Schreibtischtäter, sondern um junge Männer, die fast täglich auf Befehl wehrlose Menschen erschossen.

„An der Psyche des Menschen kann man nicht viel ändern. Wir sind evolutionär als soziale Wesen trainiert auf Konformitätsstreben und Autoritätsgläubigkeit. Das macht innerhalb einer Gesellschaft ja auch einen gewissen Sinn“, so der Regisseur. Er zeigt, wie die Männer indoktriniert wurden und wie sie ihr schlechtes Gewissen in vielen Fällen einfach weglügen. „Wenn die Manipulationsmaschinerie erst einmal in Bewegung geraten ist, kann ich das nicht mehr aufhalten.“

Auf das Thema gestoßen war Ruzowitzky bei der Recherche zu „Die Fälscher“. Damals las er Christopher Brownings Buch „Ganz normale Männer“ über das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101. „Das hat mich enorm beeindruckt.“ Er hat es seinen Nazi-Darstellern Devid Striesow und Martin Brambach geschenkt, damit sie sich auf ihre Rollen vorbereiten konnten.

Vor Kurzem kam ein Dokumentarfilm über ein ähnliches Thema ins Kino. In „The Act of Killing“ von Joshua Oppenheim geht es um den Umgang mit Massenmördern in Indonesien. Ruzowitzky glaubt an die Aktualität der Erkenntnisse. „Man muss den Nachgeborenen zeigen, warum es relevant ist, sich damit zu beschäftigen. Es geht um das Heute und um die Zukunft. Ich habe den Film eher für meine Teenager-Töchter gemacht als für meinen Großvater, der an der Ostfront war.“

Ein Wohlfühl-Film ist „Das radikal Böse“ natürlich nicht, aber er birgt Diskussionspotenzial. Das österreichische Nachrichtenmagazin „Profil“ hat ihm eine elfseitige Titelgeschichte gewidmet. „Mit anderen Filmen hat man im Multiplex bessere Chancen“, weiß auch der Regisseur, für den dies sein erster Kino-Dokumentarfilm und doch eine Rückkehr zu seinen Wurzeln ist, denn er ist mit TV-Dokumentationen ins Geschäft gestartet. Dann folgten so unterschiedliche Filme wie der Alpen-Western „Die Siebtelbauern“, der Kinderfilm „Hexe Lilli“, der Medizin-Thriller „Anatomie“ und ein erster US-Film, der Thriller „Cold Blood“. In Zukunft würde er sich gern für mittelgroße internationale Koproduktionen engagieren. „Da ist man nicht so ganz diesem Hollywood-Irrsinn ausgeliefert. Das könnte ein interessanter Mittelweg sein.“

„Das radikal Böse“ Fr 10.1., 20.00, Abaton

(Metrobus 4/5), Allende-Pl. 3, Karten 8,-/7,50