St. Pauli Theater

Alternativmusical zu „Linie S 1“ feiert Premiere

Die Musikerin Catharina Boutari will mit ihrer Musikrevue „PuderZucker“ einen subjektiven Blick auf Hamburg wagen. Und auch Orte abseits der touristischen Ströme zeigen.

Hamburg Catharina Boutari ist eine Großstadt-Frau. Durch und durch. Glamourös und lässig. Engagiert und erschöpft. Schanzen-Amazone und Mutter-Tier. Der Vater Ägypter, die Mutter Deutsche. In Österreich geboren, bei Köln aufgewachsen. Vor allem aber: Kulturmensch. Musikerin und Theaterregisseurin. Pop-Aktivistin und Label-Betreiberin. Zweiflerin und Zupackerin. Pseudonyme hatte sie bereits einige. Uh Baby Uh hieß ihre erste Band, Die fiesen Diven ihr Girlpower-Kollektiv. Solo nennt sie sich Puder. Ein Wesen aus vielen Partikeln. Wenn Boutari den Raum betritt, ist das ein Statement. Groß gewachsen. Die Augen grün angeknipst. Das Lächeln weit und warm.

Dass das St.PauliTheater so eine komplexe Künstlernatur nun für eine äußerst elb-verankerte Musikrevue auf seine Bühne holt, ist mutig. Und könnte sich als Glücksfall erweisen. Wagt das Haus doch mit „PuderZucker“ eine Art alternative Variante ihres erfolgreichen Hamburg-Musicals „Linie S 1“. Ein Remix für jene, die noch ein wenig mehr unter die Oberfläche gucken wollen.

Während der aktuelle Dauerbrenner eine touri-kompatible Geschichte an Hits von Lindenberg bis Kettcar entlang erzählt, basiert „PuderZucker“ auf den Songs der Soloplatte, die Boutari 2012 veröffentlicht hat. „Mein Blick auf die Stadt ist viel subjektiver“, sagt Boutari. Ein „Hamburg-Pop-Roadmovie“ nennt die Musikerin das Stück.

Im Zeitraffer schickt sie ihr Alter Ego Puder durch 24 Stunden zwischen Kiez und Jenischpark, zwischen Hauptbahnhof und Flughafen. Eine Figur, die sich in die Stadt verliebt. Und sich in ihr verliert. In S- und U-Bahnen, auf der Fähre, auf den Füßen. Pop und Performance, Videos und Streetart sind die Mittel, mit denen Boutari und ihr Team das urbane Leben zeichnen wollen. Schrill, dreckig und nachdenklich.

Flankiert wird Boutari bei ihrem Streifzug von den Pearlettes, den Sängerinnen Hanna Jäger und Buket Kocatas. Zu Beginn agieren sie als DJanes und legen Vinylplatten von Hamburger Bands auf. Als Hommage an die künstlerische Kraft der Stadt. Und um das Theater mit Club-Atmosphäre aufzuladen. Plötzlich bricht die Musik dann ab. „Ich hab die Schnauze voll“, schreit Boutari bei einer ersten Kostprobe vor der Premiere am kommenden Dienstag. Wütend reckt sie den Mittelfinger empor. Sie ist aufgebretzelt. Und auf Krawall gebürstet. Ein Gettoblaster, schlicht aus Pappe gebastelt, klemmt unter ihrem Arm. Eine Requisite der Nacht, die Puder an einer Ampel auf dem Schulterblatt beginnt. Ein Aufbruch in die Welt, den Gitarrist Jens Fricke mit seinem Spiel begleitet.

„Meine Schuhspitzen überschreiten den Stoppstrich. / Ich wünsch’ mir eine Zeitmaschine / und dann schreib ich die Geschichte neu“, singt Boutari da mit eindringlicher Stimme in ihrem Song „Straßenrand“. Die Pearlettes kleben unterdessen Linien auf den Boden. Streetart. Oder doch ein Grundriss der Stadt, eine Orientierungshilfe? Später berieseln sie die Hauptakteurin mit übergroßen Konfetti-Kreisen und Lametta. Utensilien, die das Publikum zum Teil auch in Mitmach-Tüten finden wird. Denn „PuderZucker“ soll eine Reise sein, bei der der Zuschauer nicht außen vor bleibt, erläutert Boutari.

Eine kurze Videosequenz, aufgenommen von Filmemacher Roman Schaible, zeigt Puder wiederum in der U3. Unterwegs Richtung St. Pauli. Eine Stimme aus dem Off lässt die Szene wie einen inneren Monolog wirken: „Surfe durch die Stadt. In der Hoffnung mich zu vergessen. In der Hoffnung nirgendwo anzukommen. Setze meine Kopfhörer auf und stelle die Musik auf volle Pulle“ tönt es in den Raum und eröffnet dem Publikum so eine weitere Ebene, sich dem Stück, der Stadt zu nähern.

„PuderZucker“ ist zwar Boutaris Baby, aber sie hat sich ein starkes Team gesucht, um ihr Projekt zu realisieren. Modedesignerin Brigid Anderson hat gesiebdruckte Outfits geschaffen. „Die können am Ende der Nacht als Kunstwerk an die Wand gehängt werden“, sagt Boutari. Choreografin Rica Blunck sorgte für Tanzeinlagen, die nicht nach Synchronschwimmen aussehen, sondern unmittelbar wirken sollen. Bühnenbildnerin Martina Stoian setzt auf einfache poetische Effekte. Statt wuchtiger Aufbauten soll Papierkunst ein Gefühl von Leichtig- aber auch Vergänglichkeit vermitteln. Schlagzeuger Emre Akca und Pianist Tom Gatza wiederum komplettieren die Band.

„Ich habe das Gefühl, dass die Leute einen Hunger danach haben, nicht nur ein Bandkonzert zu sehen, sondern auf eine gute Art unterhalten zu werden, ohne dass das Ganze direkt so ‚ha ha ha, lustig‘ sein muss“, sagt Boutari über ihre Pop-Performance. „Ich komme vom Dorf, bin aber im Herzen immer schon Stadtmensch gewesen“, sagt die Musikerin weiter. Die Möglichkeiten, die ihr ein Ballungsraum bietet, empfindet sie als Erlösung. Auch wenn in diesem steinernen Urwald die Gefahr bestehe, ab und an woanders anzukommen als ursprünglich geplant.

Doch genau in diesen Momenten entsteht die Magie, wie Boutari sie im Song „Heyoh!“ besingt: „Brauche ich Strom / stecke ich meinen Finger in den Himmel rein. / Ich gehe unter Menschen, / an fremde Orte, / ich liebe es unerkannt zu sein. / Hör die Leute reden, hör sie lachen, hör sie schreien“. Ihr Fazit: „Was ist Glück, wenn nicht dieses Gefühl?“

PuderZucker Di 14.1., 20.00 (Premiere),

weitere Termine: 15.+ 16.1., jew. 20.00,

31.1.+1.2., jew. 23.00, St. Pauli Theater

(USt.Pauli), Spielbudenplatz 29/30, Karten:

17,- und 22,- (inkl. Geb.); www.st-pauli-theater.de