Eine Frau gerät zwischen die Fronten

Die ARD zeigt heute das Geheimdienstdrama „Die Spionin“ mit Valerie Niehaus als Doppelagentin wider Willen

Hamburg. Nazis gehen immer. Ob Guido Knopp Hitlers Helfer durchs ZDF jagt oder in Spartenkanälen der Größenwahn des Führers analysiert wird. Ob die Ereignisse von Stalingrad ihre tausendste Aufarbeitung erfahren oder greise Zeitzeugen persönliche Erlebnisse beim Reichsarbeitsdienst Revue passieren lassen: Es vergeht kein Tag in Deutschland, an dem nicht diverse Dokus und/oder Spielfilme zum Thema Drittes Reich in die Wohnzimmer flimmern. Mag das Hakenkreuz im wahren Leben als verfassungswidriges Symbol verboten sein, auf dem Bildschirm ist es ein echter Quotenbringer.

Folgerichtig also, dass längst auch historische Nebenaspekte ihre Aufarbeitung erfahren. Etwa die Geschichte der Vera von Schalburg, über deren Schicksal zwar wenig bekannt ist, was Regisseur Miguel Alexandre aber nicht daran hinderte, einen abendfüllenden Spielfilm zum Thema zu drehen. Und so geht’s ins Paris des Jahres 1938. Das Grauen des Zweiten Weltkriegs naht, doch Vera (Valerie Niehaus) hat andere Sorgen: Um sich und ihren Sohn Christian (Dustin Raschdorf) durchzubringen, arbeitet sie als Edelprostituierte und geht dabei auch auf Tuchfühlung mit hochrangigen Militärs und Geheimdienstmitarbeitern. Ein Umstand, der dem deutschen Abwehroffizier Hilmar Diercks (Fritz Karl) nicht verborgen bleibt. Ein wenig Druck hier, ein mieser Trick dort, und schon kann er auf Vera zählen, die zwar von sich behauptet „Ich gehöre zu niemandem!“, aber eben doch um das Wohl ihres Sprösslings besorgt ist, den jede der an diesem Agenten-Katz-und-Maus-Spiel beteiligte Seite gern als Faustpfand einsetzt.

Und es ist tatsächlich mehr als eine Seite beteiligt, denn schnell gerät Vera von Schalburg zwischen die Fronten und arbeitet als Doppelagentin nicht nur für die Deutschen, sondern auch für die Briten.

„Ich beherrsche die komplette Klaviatur“, sagt die Schöne mit den funkelnden Augen einmal. „Ich bringe euch zum Lachen, zum Weinen, zur Raserei, zur totalen Befriedigung.“ So gesehen eine perfekte Rolle für Valerie Niehaus, die Mitte der 1990er als eine der Hauptdarstellerinnen in der Daily Soap „Verbotene Liebe“ für Aufsehen sorgte. Als Julia von Anstetten brachte sie damals ihren Bruder Jan (Andreas Brucker) fast um den Verstand – wobei die beiden ja tragischerweise erst von ihrem Verwandtschaftsgrad erfuhren, als der Hormontopf bereits am Überkochen war.

Auch als „Die Spionin“ ist Niehaus wieder eine, die die Männer mühelos um den grazilen Finger wickelt, allen voran ihren Führungsoffizier, der mit ihr nicht nur Dienstgeheimnisse, sondern auch das Bett teilt und die Gesamtsituation gelegentlich etwas zu sehr aus dem Unterleib heraus beurteilt. Aber: Vera von Schalburg ist eben auch eine Getriebene, die der Sturm der Geschichte hin- und herweht und deren Leben angesichts der großen historischen Ereignisse, beginnend mit dem deutschen Überfall auf Polen und der geplanten Invasion Großbritanniens, nichts zählt.

Miguel Alexandre hat das alles sehr routiniert gefilmt und den Look der späten 30er-/frühen 40er-Jahre adäquat eingefangen. Ein komplexes Zeitbild, das womöglich gar neue Erkenntnisse bietet, sollte indes niemand erwarten. „Die Spionin“ ist über weite Strecken konventionelles Gefühlskino fürs Fernsehformat. Stromlinienförmig, leicht konsumierbar und ohne doppelten Boden – eine typische Degeto-Produktion. Kein Ärgernis, aber heute geschaut, morgen vergessen. Und eben nur einer von diesen unzähligen Filmen, in denen immer mal wieder eine Hakenkreuzflagge dekorativ im Wind flattert. Nazis gehen schließlich immer.

Niemand muss sich dafür schämen, hier mitgemacht zu haben. Und das ist ja schon mehr, als man über das Gros deutscher TV-Produktionen sagen kann. Aber ebenso wenig dürfte jemand für „Die Spionin“ einen Preis gewinnen. Ein klassischer Film für „zwischen den Jahren“ eben, wenn sonst auch nichts Rechtes läuft.

„Die Spionin“ 27.12., 2015 Uhr, ARD