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Geheimdienst-Affäre: Jetzt spionieren Journalisten

Das Erste zeigt, wie ein Rechercheteam von NDR und „Süddeutscher Zeitung“ sich auf die Spur der Geheimdienste setzte. Vieles drang in diesen Wochen an die Öffentlichkeit.

Hamburg. Der Reporter John Goetz geht den hohen Stacheldrahtzaun entlang und bleibt vor einem Metalltor stehen. Eine Kamera vor dem Tor verfolgt seine Schritte. Geht er ein paar Meter nach hinten, dreht sich die Kamera mit, geht Goetz wieder nach vorne, folgt ihm der Fokus der Kamera. Dann zückt John Goetz sein Handy und filmt zurück.

Es ist auch eine komische Szene: Auf der einen Seite der Reporter, Einzelkämpfer, mit Stift und Telefon, ein verlegenes „Hallo, hören Sie mich?“. Auf der anderen Seite die anonyme Übermacht, der Apparat hinter der Kamera, hier auf den Wiesen an der englischen Westküste. Der britische Geheimdienst GCHQ hat sein Hauptquartier gut gesichert. Goetz ruft eine Nummer an, die auf einem Schild am Zaun steht. „Ist dort der Geheimdienst GCHQ?“, fragt er. Keine Antwort. Man notiere seine Nummer und werde sich melden. Einen Rückruf hat John Goetz bis heute nicht erhalten.

Es ist ein plakatives Bild, gemacht für den Fernsehzuschauer: Der Reporter spioniert zurück, ist den Geheimdiensten auf der Spur – auch wenn die Recherche erst mal am Eingangstor endet. Aber es ist auch eine mächtige Szene, die verdeutlicht, worum es geht: Der NDR und die „Süddeutsche Zeitung“ berichten von den geheimen Orten, den Zentren der Sicherheitsdienste, um die die Debatte über Handyüberwachung der Kanzlerin, Drohneneinsätze und Internetkontrolle durch die britischen und amerikanischen Geheimdienste kreist. Der Zuschauer kann sich an diesem Donnerstag beim Themenabend im Ersten ein Bild davon machen.

Vieles drang in diesen Wochen an die Öffentlichkeit: Die Bundesregierung macht umstrittene Geschäfte mit einem US-amerikanischen Spionage-Dienstleister, in Zusammenarbeit mit US-Geheimdiensten soll der BND Flüchtlinge aus Krisenregionen zu Sicherheitslagen und möglichen Angriffszielen in ihrer Heimat befragen – ohne Wissen der Asylbewerber, wozu ihre Aussagen dienen.

Das Team aus NDR- und „SZ“-Mitarbeitern recherchierte nach eigenen Angaben zwei Jahre lang zu diesem Thema. Die rund 20 Journalisten machten sich auf die Suche nach US-Militärbasen in Deutschland, Standorten der National Security Agency in Hessen und Berlin. Sie sprachen mit Ex-Geheimdienstmitarbeitern, besuchten Erstaufnahmelager für Flüchtlinge. Und sie durchforsteten Datenbanken.

Wie funktionierte die Zusammenarbeit zwischen den Redaktionen konkret? „Wir haben uns regelmäßig ausgetauscht, Anfragen gemeinsam gestellt, aber jeder hat sich auch individuell in das Thema eingegraben“, sagt Julia Stein, Teamchefin Recherche Fernsehen beim NDR. Dass SZ und NDR mittlerweile als eingespieltes Rechercheteam gelten, ist NDR-seitig vor allem auf den Kollegen John Goetz zurückzuführen, der sowohl für den Sender als auch als Autor für die SZ arbeitet. Komplikationen gab es während der Recherche-Kooperation laut Stein keine: „Wenn ein Team harmoniert, macht es letztlich keinen Unterschied, ob drei NDR-Leute an einer Sache recherchieren oder es Reporter aus verschiedenen Publikationen sind.“

Vor allem zeigt das Projekt: Aufgrund des Einsatzes von IT-Technik durch Militär und Geheimdienste kann ein einziger Journalist die diversen Datenbanken, die E-Mail-Kommunikation und digitalen Dokumente gar nicht mehr überblicken. Enthüllungsjournalismus in Zeiten des modernen Datenschwalls erfordert Teamarbeit. Und Reporter, die auf die Auswertung von digitalen Daten spezialisiert sind. 300.000 US-Regierungsaufträge machen NDR und SZ online für jeden transparent und Datenbanken durchsuchbar.

Journalistische Arbeit mündet nicht mehr nur in einen großen Artikel oder Film. Reporter erklären stattdessen die komplexen Zusammenhänge in vielen einzelnen Episoden. Journalisten schreiben die Geschichten selbst fort, verstehen sich als große Datenbank – im Fernsehen und im Radio, in der Zeitung und im Internet.

„Geheimer Krieg“, heute ab 21.45 („Panorama“), 22.45 („Beckmann“), 0.00 („Schmutzige Kriege“), ARD; www.geheimerkrieg.de