Mach mal Pause

Wir neigen alle zum Aktionismus. Deshalb rät Holm Friebe in „Die Stein-Strategie“, einfach mal nicht zu handeln

Hamburg. Einfach nix machen. Oder meist noch besser: wenig tun, das aber mit durchschlagender Wirkkraft. Wer kann denn schon ganz die Füße still halten? Wer kann sie überhaupt still halten? Dabei haut es doch oft genug nicht hin, wenn man aus der Sphäre der Passivität in die der Aktivität springt. Aktionismus ist ein Wort, das keinen schönen Klang hat, es ist die Bezeichnung für zu viel Aktion. Und es hat nichts mit Faulheit zu tun, auch nichts mit Lethargie, wenn man Dinge einfach mal nicht tut. Sondern mit Klugheit, mit der „Stein-Strategie“.

So nennt Buchautor Holm Friebe die Handlungsanleitung, die er für „ein Gegengift wider voreiliges Handeln“ hält – als Kunst des Unterlassens, als Plädoyer fürs Abwarten und die Zurückhaltung. Es ist natürlich kein Zufall, dass „Die Stein-Strategie“ jetzt erscheint, wo sowieso alle der Faulheit ein Lob aussprechen oder Entschleunigung herbeisehnen: Dass weniger mehr ist, ist eine Formel, auf die sich die Gegenwart leicht bringen lässt – so pauschal wie kulturpessimistisch. Durchaus nicht verkehrt, die Zeitgeist-Stereotypen durch komplexere und weniger totale Prämissen zu ersetzen. Handelseffizienz und ausgewogenes In-Aktion-Treten: Darum geht’s.

Und das klingt tatsächlich nicht schlecht in Friebes kulturtheoretischer Zusammenschau, wo man etwas über „Die Kunst des Liegenbleibens“ lernt und „Die Kunst des Ruhe-Bewahrens“. Praktischerweise hat man von Bazon Brocks „Ästhetik des Unterlassens“ schon einmal gehört, man will sie ja auch und besonders auf digitale Welten ausweiten. Zu viel Kommunikation und Selbstdarstellung ist dort bekanntlich nur eines der Probleme. In diesem Sinne wissen wir doch alle, dass wir gern jetzt das tun, das wir gleich schon bereuen. Es muss biologische Ursachen für den Imperativ permanenter Aktion geben. Wahrscheinlich hat wie immer die Evolution alles so eingerichtet.

Noch länger als den Menschen gibt es den Stein, und als geologische Konstante liefert er Friebe die Metapher für sein Anliegen. Wer länger liegt, gerät nicht in Versuchung, sinn- und erfolglos Dinge zu tun. Steine wird es noch geben, wenn es die Menschen längst nicht mehr gibt. Der Stein ist der König der Nichtstuer: Bezeichnend, dass Friebe diesen in der anorganischen Welt findet: „Steine denken in langen Zeiträumen und großen Bögen; der schnelle Vorteil – sogenannte quick wins – sind nicht ihr Geschäftsmodell. Steine sind ihrem Wesen nach grundsolide.“

Wer jetzt an konservative Weltanschauungen denkt, liegt nicht ganz verkehrt: Aussitzen und Abwarten war immer schon eine Spezialdisziplin christdemokratischer Bundeskanzler. Liest man Friebes Buch, hält man es für plausibel, dass die sich immer lange im Amt halten konnten. Weniges zu tun und dabei aber das zu dem Zeitpunkt Wirkungsvollste, hat sich politisch als gute Strategie erwiesen. Lieber erst einmal nichts zu tun, das ist das Gegenteil des „Action Bias“, wie verhaltenswissenschaftlich die Neigung zum nutzlosen Handeln um des Handelns Willen heißt.

Friebes „Stein-Strategie“ ist glücklicherweise kein deppenhafter Ratgeber für Lebensoptimierer, sondern eine seinerseits höchst informierte geisteswissenschaftliche Studie über die Vorteile der Passivität. Nichts kann auf die Dauer so nervig sein wie die Aufgeregtheit, deren hyperanstrengende Schwester die Hysterie ist.

Wie gewinnbringend Abwarten ist – es setzt ein hohes Maß an Selbstdisziplin voraus –, erklärt Friebe, der in Berlin Design-Professor ist und der Zentralen Intelligenzagentur vorsteht, mit Beispielen aus allen Lebensbereichen. Dass Innovation oft ein Selbstzweck nach der Methode „Versuch und Irrtum“ ist, äußert sich im täglichen Leben: Zwei Drittel aller neuen Supermarkt-Artikel verschwinden nach einem Jahr wieder aus den Regalen. Sie werden schlicht nicht angenommen. Aktionismus scheint also auch etwas sehr Kapitalistisches zu sein. Neomanie nennt Friebe in seinem flott und nicht immer ernst geschriebenen Buch das Streben nach Neuem. Wer übrigens in einer gefährlichen Landschaft verschollen geht, sollte, wie Survival-Experten empfehlen, einfach an Ort und Stelle bleiben und darauf setzen, geborgen zu werden. Der nur zu naheliegende Reflex, sich in Sicherheit zu bringen, raubt wertvolle Energie – und ist statistisch gesehen die schlechtere Alternative.

Aber was ist schon Vernunft gegen Hummeln im Hintern? Und ist nicht unser ganzes Zeitalter vom Hafer gestochen? Gefühlt ist seit etlichen Jahrzehnten jede Gegenwart die unruhigste, aber im Gegensatz zu früheren täuscht das Heute über seine wahre Innovationskraft hinweg. Wir erinnern uns, dass der deutsch-amerikanische Internet-Investor Peter Thiel vor nicht allzu langer Zeit mal seine Enttäuschung über den Stillstand äußerte, der sich als innovativer Wandel mit (sinnlosen) Erfindungen verkleidet: „Wir wollten fliegende Autos, und alles, was wir bekamen, sind 140 Zeichen.“

Stoizismus sieht manchmal auch nach Arbeitsverweigerung aus

Wer wirklich denkt, die Textlänge eines Twitter-Beitrages und andere Ideen der Informationsbranche seien schöpferische Leistungen von hohen Graden, der sei an Erfindungen wie Fahrrad, Auto, Radio, Aspirin erinnert. Die haben unser Leben revolutioniert – was für das Internet en gros natürlich auch gilt, nicht aber für die Verfeinerungen des Webs, die lediglich in subjektiver Wahrnehmung unsere Zeit irre dynamisch machen. Stillstand und „The Boring Age“, das 2010 vom „Time Magazine“ ausgerufen wurde? Das ist genau jene Selbstbescheidung, die das Wesen von Steinen ausmacht, also gar nichts Schlechtes.

Am überzeugendsten ist Friebes Argumentation da, wo es um Messbares geht. Statistik geht halt immer. Fußball-Torwarte, die beim Elfmeter einfach stehen bleiben, haben zum Beispiel keineswegs niedrigere Chancen, den Ball zu halten. Es bleibt aber kaum je ein Keeper stehen, denn das sähe blöd aus. Was, in einer grundsätzlichen Lesart, den Stellenwert des Aktivwerdens beschreibt: Stoizismus sieht manchmal auch nach Arbeitsverweigerung aus. Dagegen muss jeder, der mal gnadenlos sein Arbeitsumfeld und – in einem Anfall heroischer Selbstanalyse – die eigene Büro-Performance beleuchtet, feststellen, dass die oft aus ineffizienter Tätigkeit, ja manchmal sogar simulierter Aktivität besteht.

Ruhe bewahren ist die Devise! Aber wenn wir demnächst alles einfach aussitzen und es wirklich langweilig wird, behaupten wir einfach das Gegenteil.

Holm Friebe: „Die Stein-Strategie. Von der Kunst, nicht zu handeln“. Hanser. 216 S., 14,90€