Die Platte meines Lebens

An der Grenze zum Kitsch

Burkhard Glasshoff, Geschäftsführer der Dr. Goette Konzertdirektion

Es muss wohl in London gewesen sein, wo ich Ende der 90er-Jahre auf The Devine Comedy aufmerksam geworden bin, das Projekt des Singer-Songwriters Neil Hannon. Als klassisch ausgebildeter Musikstudent war ich sogleich fasziniert von dem seltsamen Stilgemisch und den opulent orchestrierten Songs, die sich auf der ersten Compilation von 1999, „A Secret History“, finden. Schnarrende Gitarren, schmachtende Streicher, knackige Bläsersätze und immer wieder das endlos schnurrende Cembalo, kombiniert mit der sonoren Stimme Neil Hannons ergeben einen ganz eigenen, typischen Sound, der mich nicht mehr losgelassen hat. Die überbordenden Melodien bewegen sich dabei oft an der Grenze zum Kitsch, die raffinierten Arrangements stecken voller Zitate und musikalischem Witz.

Live konnte ich Devine Comedy dann zum ersten Mal 2006 in der Hamburger Fabrik erleben. Zu dieser Zeit hatte ich beruflich als Veranstalter internationaler Orchestertourneen viel mit englischen Künstlern zu tun und habe mich regelmäßig in London aufgehalten. Mir war damals schon bewusst, was mich an der Gruppe und meinen englischen Kollegen gleichermaßen anzog: der britische Humor, der unverstellte Blick auf alltägliche Begebenheiten, die präsentiert werden, als ob es sich um Ungeheuerlichkeiten handelt. Musikalisch manifestiert sich dies in einer großen Unbefangenheit im Umgang mit Material und Stilen, einer bewundernswerten Lockerheit, gepaart mit perfektem Timing und großer Spielfreude.

So wurde Neil Hannon, wie ich Jahrgang 1970, mit seiner Devine Comedy zu einem musikalischen Wegbegleiter, neben vielen englischen Kollegen und Freunden, die in mein Leben getreten sind. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Neil Hannon mittlerweile mit „Sevastopol“ auch eine Oper komponiert hat, die 2012 am Royal Opera House London uraufgeführt wurde. Das Opernhafte seiner Songs, die perfekte Inszenierung, die ganz große Emotion, immer verbunden mit einem Zwinkern in den Augen, ist bereits auf „A Secret History“ perfekt ausgebildet.