Die Tribute von Panem

„Catching Fire“ – wenn Frauen sich die Zähne anspitzen

Katniss Everdeen ist alles andere als Barbie. „Catching Fire“ ist Teil zwei der „Tribute von Panem“. Der Hamburger Verein Pinkstinks über die Filmheldin und das Frauenbild.

Hamburg Mit „Catching Fire“ kommt jetzt der zweite Teil der Saga „Die Tribute von Panem“ ins Kino. Teil eins des Science-Fiction-Dramas, „The Hunger Games“, spielte allein in den USA mehr als 680 Millionen Dollar ein und macht die Hauptfigur Katniss so zu einer der erfolgreichsten weiblichen Filmheldinnen der Kinogeschichte. In sogenannten Hungerspielen, mit denen die Herrschenden medial ihre Macht präsentieren, muss sich Katniss als kluge Kämpferin durchsetzen und lässt dabei die rosarote Welt von Barbie und Prinzessin Lillifee weit hinter sich.

Das Abendblatt sprach mit Genderforscherin Stevie Schmiedel sowie Autor Nils Pickert vom Hamburger Verein Pinkstinks über das Frauenbild, das der Film vermittelt. Der Verein engagiert sich gegen eine stereotype Darstellung von Geschlechterrollen in Medien, Werbung und Spielzeugbranche. Unter anderem zeigt die Gruppe Theaterstücke in Schulen, die aufklären, wie viel Druck TV-Shows wie „Germany’s Next Top Model“ auf das Körperempfinden von Mädchen ausüben.

Hamburger Abendblatt: Eine Figur wie Katniss, ist das ein Glücksfall für Pinkstinks? Das Make-up etwa, das ihr für die TV-Kameras aufgelegt wird, trägt sie ja ungefähr so gerne wie Windpocken.

Nils Pickert: Wir schätzen das schon sehr, dass da ein Frauenbild transportiert wird, das zeigt: Frauen sind nicht die Anhängsel von Männern oder müssen etwas darstellen, was Männer gerne hätten, sondern können für sich selbst stehen. Das zeigt der Film bis in die Nebenfiguren. Da ist zum Beispiel diese Frau, die sich die Zähne anspitzt, um ihre Feinde beißen zu können. Es gibt kein Gefälle zwischen Männern und Frauen. Der Freund der Hauptfigur etwa ist deutlich mitfühlender, während Katniss versucht, sich zu verschließen. Das hat nichts damit zu tun, welches Geschlecht sie hat, sondern beruht auf Erfahrungen, die sie gemacht hat.

Kann also Katniss auch ein Vorbild für Jungs sein? So wie sich Mädchen ja durchaus mit Robin Hood und nicht nur mit Prinzessin Mary identifizieren?

Pickert: Ja, unbedingt! Das Problem war ja nie, dass die Jungs das nicht wollten, sondern dass sie häufig nicht gelassen wurden. Wenn Jungs weibliche Vorbilder imitieren, heißt es schnell: Lass das!

In welcher Tradition sehen Sie so eine starke Frauenfigur wie Katniss?

Stevie Schmiedel: In unserer Szene wird Katniss als große Version der Comicfigur Merida gehandelt, ein Mädchen, das ebenfalls mit Pfeil und Bogen unterwegs ist. Interessant an der Geschichte um Merida ist, wie da ein Aufschrei durch die sozialen Medien gegangen ist, weil Disney aus dieser tollen Figur ein Oberpüppchen gemacht hat, eine totale Barbie mit schlanker Taille. Das heißt: Wir sind zwar schon einen Schritt weiter, die Frauen dürfen bereits wilde Powertypen sein. Und wir hatten in den 70ern und 80ern ja auch schon Sigourney Weaver als toughen Offizier Ellen Ripley in den „Alien“-Filmen. Aber häufig sind die Heldinnen dann eben doch eher so proportioniert wie Angelina Jolie in „Tomb Raider“. Das wäre letztlich auch meine Kritik an der Figur der Katniss, dass die so unglaublich schlank ist.

Ist Hollywood also nicht reif für eine rundere oder andersartige Frauenfigur, ohne dass diese dann direkt „die Komische“ oder „die Verliererin“ spielen muss?

Schmiedel: Absolut noch nicht. Letztendlich sind wir immer noch in den 60ern, als Twiggy das erste Mal auf der „Vogue“ war. Frauen durften damals die Pille nehmen, sie durften mitspielen da draußen, sich einen Sexualpartner suchen. Das war revolutionär. Aber um sich das alles zu erlauben, musste die äußere Erscheinung nach wie vor sagen: Ich bin eigentlich ganz niedlich, und du musst mich beschützen. Kommt zu den Freiheiten der Frau allerdings Volumen hinzu, entsteht schnell das Bild: Die nimmt zu viel Raum ein, das geht nicht.

Der Film thematisiert ja auch, wie Jugendlichkeit, Athletik und Schönheit gezielt medial eingesetzt werden, ähnlich der heutigen Castingshows. Kann so eine Geschichte eine Hilfe sein, derartige Mechanismen zu reflektieren?

Schmiedel: Castingshows können gar nicht genug kritisiert werden. Pinkstinks hat soeben einen Spendenaufruf gestartet, weil wir im Mai mit Musik und viel Farbe das Finale von „Germany’s Next Top Model“ torpedieren wollen. Insofern ist es absolut begrüßenswert, wenn ein Film das thematisiert.

Die Frage ist natürlich auch: Selbst wenn so ein Phänomen wie Castingshows durchschaut wird, funktioniert dann ein Transfer in unsere Realität, oder ist Heidi Klum am Ende des Tages doch immer cooler als etwa Angela Merkel?

Schmiedel: Der Transfer funktioniert ja noch nicht mal bei uns Erwachsenen. Wir wissen ganz genau, dass nur zwei Prozent der Frauen so aussehen können wie auf den Plakaten. Wir wissen, dass solch ein Foto 200-mal digital bearbeitet ist. Und trotzdem vergleichen wir uns alle mit diesen Bildern. 30 Prozent der Mädchen in Deutschland haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie essen. Pinkstinks stellt zum Beispiel Anforderungen an Lehrpläne, dass die Kinder viel früher sensibilisiert werden.

Was empfehlen Sie denn Eltern, die mit ihren Kindern in „Catching Fire“ gehen?

Schmiedel: Während des Films auf jeden Fall: Klappe halten, Chipstüte auf und genießen! Und erst danach fragen: Wie fühlst du dich denn jetzt?

Info auf www.pinkstinks.de