Elise-Averdieck-Schule

Auf der Suche nach den verlorenen Kindern

„Schwarze Augen, Maria“: Das Schauspielhaus geht in die Schule

Hamburg. Eine Begegnung mit Signa ist ein Eintritt in eine Welt, aus der man nicht leicht zurückfindet. An der Tür der ehemaligen Elise-Averdieck-Schule in Wandsbek empfangen den Besucher Weißkittel mit Akten in den Händen. Jeder wird Teil der Theaterinstallation „Schwarze Augen, Maria“, tritt ein in das „Haus Lebensbaum“, eine Einrichtung, nicht für „behinderte“, sondern für „besondere“ Menschen. Ein muffiger Geruchsmix aus Krankenhaus und Großküche schlägt einem entgegen.

Heimleiter und Psychotherapeut Dr. Marius Mittag (Sebastian Sommerfeld) begrüßt die Anwesenden im Saal zum „Tag der offenen Tür“, dem ersten seit 20 Jahren, so lange liegt die Geburt jener Kinder zurück, die hier mit dem „Teiresias-Syndrom“ geboren wurden – eine Anspielung auf die antike Mythologie. Kinder mit schwarzen Pupillen, auffälligem Verhalten und prophetischen Fähigkeiten. Ein siebentägiger Sturm wird kommen. Wenige Auserwählte können ihm in einem sieben Jahre dauernden Marsch entrinnen.

Die Mütter der Kinder waren alle irgendwie in einen Unfall in Altenwerder verwickelt. Damals lief die von Wahnvorstellungen geplagte Maria Maria (Signa Koestler), auf die Autobahn. Später starb ihr Kind, ebenso der Sohn einer weiteren Frau, ein Zwillingspaar verschwand. All das erzählt die seither depressive Maria Maria Brink, während sie Wodka ausschenkt in ihrer kaum zwei Quadratmeter großen, mit Zeichnungen übersäten Kammer.

Nach und nach lernen die Besucher, die gar nicht anders können, als sich auf die Begegnungen mit exakt erdachten Biografien einzulassen, alle sechs Familien und ihre Kinder kennen, rekonstruieren detektivisch die Geschehnisse. Erfahren innige Gastfreundschaft in grandios hypernaturalistisch in Hellrosa und Hellblau, mit Katzen- und Hundebildern, Puppen und Spielzeug zudekorierten Wohnungen, die jedes Vorstadtgetto schmücken könnten.

Die österreichisch-dänische Performancegruppe Signa ist berüchtigt für exzessive Abende, in denen es um ein Spiel an der Grenze von Rausch, Gewalt, Wahnsinn und Begehren geht. Diese Installation, die nach der verschobenen Premiere von „Die Rasenden“ zur kleinen, formal durchaus programmatischen Eröffnung der Intendanz Karin Beiers am Schauspielhaus wurde, zählt sicher zu den für die Besucher harmloseren im Œuvre. Körperliche Übergriffe finden so gut wie nicht statt, die psychischen verlaufen in der Regel sanft.

Die Konfrontation mit den „besonderen“, sehr authentisch von Performern „gespielten“ Menschen, gerät trotz einiger beklemmender Momente, Wutausbrüche oder epileptischer Anfälle, zum netten Beisammensein. Vor allem bei Arthur Koestler als Flaschenpils servierender Lkw-Fahrer John, der seine verstummte, apathische Frau betreut. Die Zuspitzung besteht darin, dass die Bewohner hier nicht mit Tabletten therapiert, sondern ernst genommen und wie Menschen behandelt werden.

Signa erregt bundesweit Aufmerksamkeit mit aufwendig konstruierten Wirklichkeiten an heruntergekommenen Orten, in denen die Zuschauer Teil einer Simulation werden. 2008 brachte ihnen „Die Erscheinungen der Martha Rubin“ in Köln eine Einladung zum Theatertreffen. „Schwarze Augen, Maria“ ist ein Hinterfragen der Theatersituation schlechthin, vor allem aber eine sehr intensive Theatererfahrung.

Signa: „Schwarze Augen, Maria“ Aufführungen bis 15.12., ehemalige Elise-Averdieck-Schule, Wartenau 16, Karten T. 24 87 13; www.schauspielhaus.de

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