Hamburger Band

Game Ove & die Spielfiguren: Die rohen Romantiker

| Lesedauer: 5 Minuten
Birgit Reuther

Die Hamburger Band Game Ove & die Spielfiguren erzählt in ihren Folksongs von Sinnsuche, Liebe und dem Bohème-Dasein zwischen Elbstrand und Kiez. An diesem Donnerstag sind sie im Nachtasyl zu erleben.

Nachtasyl. „Ein besoffener Elefant / macht sich los von deiner Hand“. Wer solche Zeilen singt, ja nahezu schreit, mit angemessener Verzweiflung in der Stimme, der empfiehlt sich als roher Romantiker. Ove Thomsen verhandelt in seinem Song „Der treue Begleiter“ eine Traumreise inklusive Dickhäuter. Und während das Schlagzeug sachte schlurft und sich die Gitarre gemeinsam mit dem Piano vorantastet, erhält der Hörer allmählich eine Ahnung davon, dass der Ich-Erzähler dieses Folkwalzers selbst der Elefant sein könnte. Loyal als Kompagnon. Schwermütig, wenn er allein gelassen wird.

Die Verbundenheit mit dem Säugetier reicht jedenfalls so weit, dass Thomsen die Fotos für seine Band Game Ove & die Spielfiguren im Elefantenhof Platschow in Mecklenburg-Vorpommern aufnehmen ließ. Sehr glücklich strahlt der 24-Jährige da unter rot-blonden Locken hervor, während er an faltiger grauer Haut lehnt. Auch das Artwork ihres Debütalbums „Ove, Wenn Und Aber“ ziert ein Elefant.

Alles andere als behäbig balanciert Thomsen zum Interview im Café Panter im Karoviertel aber erst mal große Apfelsaftschorlen vom Tresen bis zum langen Holztisch im Hinterzimmer. Gemeinsam mit Bassist Hajo Cirksena erzählt er, wie alles anfing mit der Band.

Nach dem Abi war Thomsen von dem 120-Seelen-Dorf Soholm in Nordfriesland nach Hamburg gezogen. „Sich selbst verwirklichen in der Großstadt“, wie er sagt. Das bedeutete zunächst, die eigene Poesie bei Singer-Songwriter-Slams und auf Lesebühnen ans Publikum zu bringen. Doch nach zwei Jahren hatte der junge Künstler keine Lust mehr, den Alleinunterhalter zu geben. „Ich habe das Gefühl, dass ich mit Band ernster genommen werde“, sagt Thomsen. Also versammelte er zunächst jede Menge befreundete Musiker um sich.

„Zwischenzeitig waren wir bei Konzerten zu acht, von denen fünf gesungen haben“, erzählt Thomsen, der neben Gitarre und Piano noch weitere Instrumente spielt oder erlernt, jüngst die Trompete. Mittlerweile hat er mit seinen Spielfiguren – Bassist Cirksena, Schlagwerker Frederik Kelm, Gitarrist Helge Schulz sowie Sönke Torpus an Akkordeon, Pedal Steel, Mandoline und Gesang – eine feste Kombo um sich geschart. „Die Songs und Texte lassen sich mit Band intensiver und stimmungsvoller rüberbringen“, sagt Thomsen. Und dann fügt er noch hinzu: „Es ist ein Privileg, Musik mit den Menschen zu machen, die mein Lebensgefühl teilen.“

Und dieser emotionale Gleichklang, er tönt nicht nur in Dur, sondern erzählt auch von der Erschöpfung der Sinnsuchenden („Blubb“) und davon, dass die Kunst in einem zu groß wird, dass sie raus muss („Alles halb so wild“).

Wie es sich für einen jungen sensiblen Mann gehört, fehlt auch der larmoyant besungene Liebeskummer nicht im Repertoire („Nichts verloren“). Und Schauplatz dieser Lebensgefühlswelten ist ein ums andere Mal Hamburg. Direkt im Eröffnungssong „Ich heiße Oskar“ zeichnet das lyrische Ich ein Boheme-Dasein mit Bank im Rücken, Elbe vor Augen, Rotwein in der Rechten und einer vertrauten Hand in der Linken. Im Video zu „Stell die Weichen“ wiederum radelt Thomsen durch „sein Dorf Ottensen“. Und in der zart driftenden Nummer „Scherben bringen gar nichts“ findet sich der schöne Vers: „Unser Glas ist nicht halb voll und nicht halb leer / es liegt in Scherben auf St. Pauli im Mitternachtsverkehr“.

Die Sache mit den Sprichwörtern ist eine kleine Spezialität von Ove Thomsen. „Ich beobachte wahnsinnig gern. Vor allem in der Stadt. Da finde ich die richtige Inspiration. In vielen Situationen kommen mir erst mal Redewendungen in den Sinn“, erklärt Thomsen. An diesen gängigen Bildern hangele er sich dann entlang, bis sie sich verändern, bis er sie drehen, wenden und ihnen einen neuen Sinn geben kann. Ohne aber zu kalauern.

„Wir sparen an Gags. Denn die Wurzel der Songs ist dann doch eine trübe, traurige. Darüber zu singen, wie unbeschwert man ist, das wäre ja auch schnell erzählt“, sagt Thomsen. Momentan, da könne er keine Lieder schreiben. Er sei einfach zu gut drauf. Gerade ist er von der Tour mit Torpus & The Art Directors zurückgekehrt. Seine zweite Band, in der sein Saitenfachmann Sönke den Frontmann gibt. Ein Rollentausch. Im Gegensatz zu der verbandelten Combo, die bei der Hamburger Plattenfirma Grand Hotel van Cleef unter Vertrag ist, ist Game Ove & die Spielfiguren noch ohne Label. Das Netzwerk allerdings, das greift bereits.

Mit Torpus teilen sie sich einen Proberaum in Wilhelmsburg, den sie von den Grand-Hotel-Veteranen Kettcar übernommen haben. In diesem Jahr hat Game Ove zudem den Förderpreis Krach & Getöse gewonnen, in dem der Musikerverein RockCity zusammen mit der Haspa Musikstiftung Coachings und Studiosessions für den Nachwuchs anbietet. Und am Donnerstag ist die Band im Nachtasyl zu erleben. Den Elefanten im Raum, den muss sich hoch unterm Dach des Thalia Theaters dann aber wohl jeder selbst denken.

Game Ove & die Spielfiguren, supp. Luisa

Do 31.10., 21.00, Nachtasyl (S/U Jungfernstieg), Alstertor, Eintritt: 8,-; www.gameovemusik.de