Zeitgeschichte

100 Jahre Willy Brandt: Fotos einer einzigartigen Karriere

Eine Ausstellung im Gruner + Jahr Pressehaus zeigt noch bis zum 24. November faszinierende Bilder aus dem Leben des ehemaligen Bundeskanzlers und SPD-Politikers.

Hamburg Sein Gesicht war es, das Fotografen faszinierte. „Das kriegte Brandt aber erst mit der Zeit“, meint der Fotograf Volker Hinz. „Am Anfang hatte er noch so ein Weichbeutlergesicht. Je älter er wurde, desto mehr Landschaft wurde es.“ Eine Landschaft mit tiefen Tälern, scharfen Kanten und Altersflecken, wie geschaffen für die Zeit der Schwarz-Weiß-Fotografie.

Volker Hinz gehörte zu den vier Fotografen, die Willy Brandt (1913–1992) im Auftrag des früheren „Stern“-Chefredakteurs Henri Nannen über Jahre begleitet haben. Jetzt ist die Ausstellung „100 Jahre Willy Brandt – eine Hommage in Bildern“ mit knapp 100Fotos von Hinz, Robert Leck, Thomas Hoepker und Max Scheler im Foyer des Verlags Gruner+Jahr am Baumwall zu sehen. Brandt sei immer noch „ein emotionales, aber auch ein Pop-Phänomen“, sagt „Stern“-Chefredakteur Dominik Wichmann. Bei der Produktion des aktuellen Extrahefts „100 Jahre Willy Brandt“ hätten viele in der Redaktion „noch einmal ihre eigene politische Sozialisation reflektiert“.

Viele der Fotos sind heute Ikonen. Etwa Brandt 1970 im Fenster des „Erfurter Hofs“, als beim Treffen mit der SED-Führung in Erfurt draußen die „Willy, Willy“-Sprechchöre der DDR-Bürger nicht aufhörten. Oder Brandt, der 1976 im Teutoburger Wald auf einer Mandoline spielt, die Zigarette schräg im Mundwinkel. Jung und entspannt sieht er aus, in Wandertagslaune: Die SPD hatte ihren Vorsitzenden auf eine Basis-Tour geschickt. Und natürlich der Kniefall vor dem Mahnmal des Warschauer Gettos; hinter Brandt eine Wand von Fotografen, die diesen Moment im Dezember 1970 nie vergaßen – der Anblick des wie versunken wirkenden Kanzlers ergriff die ganze Welt.

Seit er bei der Wahl 1961 gegen Adenauer antrat, war Brandt immer von einem Fotografen-Tross umgeben. „Er hat sich nicht geziert, sondern uns machen lassen“, sagt Volker Hinz. „Aber eine Nähe zu ihm habe ich nicht gefunden.“ Das empfanden viele Zeitgenossen ähnlich. Die Korrespondentin Wibke Bruhns begleitete Brandt häufig (unzutreffenderweise wurde ihr gar eine Affäre mit ihm angedichtet) und machte ausführliche Interviews mit ihm – aber sie sei „nicht an ihn rangekommen“, sagt sie. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel erlebte Brandt bei der ersten Begegnung „völlig in sich gekehrt“, erst in der Öffentlichkeit „legte sich ein Schalter um“. Die Fotos zeigen einen Mann, der offen und fröhlich sein und Stimmung geradezu versprühen konnte – und der seine Verletzlichkeit meisterhaft in sich zu verschließen verstand.

Fünf Tage, bevor er nach der Guillaume-Affäre 1974 seinen Rücktritt erklärte, machte Brandt mit der Fregatte „Köln“ noch einen Ausflug nach Helgoland und Ostfriesland. Hinz fotografierte den Noch-Kanzler auf dem Schiff, blicklos in den Regen starrend, dann beim Besuch eines ostfriesischen Altenheims, als er hinter den gedeckten Kaffeetischen der aufgeregten Bewohner zum Podium geht: Brandt hat „den Schalter umgelegt“ und lächelt, freundlich und abwesend.

Mit Israels Ministerpräsidentin Golda Meir hat Brandt 1973 in Jerusalem ausgelassen gelacht; 1971 bei der Uno grinsen sich Brandt und Russlands Außenminister Andrej Gromyko an wie Pokerspieler. Wenn er wollte, war Brandt lesbar. Ganz entspannt sitzt er 1972 am Strand von Fuerteventura mit Hund Bastian. Einen Spazierstock hat er aufrecht in den Sand gerammt wie einen Fahnenmast: Freut euch nicht zu früh, ich komme wieder.

Der junge Brandt, der sich nach der verlorenen Wahl 1961 abends noch schnell eine Zigarette vor der Pressekonferenz anzündet, und der wie versteinert wirkende bei seiner Verabschiedung 1974, dessen Rücktritt Fraktionschef Herbert Wehner betrieben und ihm scheinheilig 80 rote Rosen auf den Tisch gelegt hat: Dazwischen lag eine emotionsreiche Politikerkarriere, begleitet von Anfeindungen und Beleidigungen, aber auch von öffentlicher Zustimmung und einer Begeisterung, wie es sie schon lange nicht mehr gibt. Die Politik ist nüchterner, technischer, korrekter geworden. Und welche Politiker sind heute noch Popstars?

„100 Jahre Willy Brandt – eine Hommage in Bildern“, Foyer Gruner + Jahr, Am Baumwall 11, bis 24. November, Mo–So 10–18 Uhr, Eintritt frei.