Winterhuder Fährhaus

Theater Kontraste: Wenn das Hier nicht schön ist

Foto: Oliver Fantitsch

Starke Schauspieler, düsterer Stoff – Dea Lohers "Am schwarzen See" überzeugt in der Regie von Harald Weiler im Winterhuder Theater Kontraste.

Hamburg. Die Theaterautorin Dea Loher ist in Hamburg hoch geschätzt. Viele ihrer Texte wie "Der dritte Sektor", "Unschuld" oder "Das letzte Feuer" wurden in der Ära Ulrich Khuon erfolgreich am Thalia Theater uraufgeführt. Allen Loher-Anhängern sei die ambitionierte Reihe "Kontraste" auf der Seitenbühne im Winterhuder Fährhaus empfohlen. Dort brachte Harald Weiler "Am Schwarzen See" heraus. Wie immer bei Loher geht es ans Eingemachte. Große Fragen. Das richtige Leben. Jedenfalls kein leicht konsumierbares Wohlfühltheater.

Die Ausgangslage gleicht noch einem Boulevardstück. Zwei Paare treffen sich "Am Schwarzen See". Sie scherzen und lachen. Die Brauereibetreiber Eddie (Konstantin Graudus) und Cleo (Julia Weden), er ein langhaariger Hippie, sie eine seriöse Businessfrau. Auf der anderen Seite der ehrgeizige Bankdirektor Johnny (Markus Frank) und seine muntere Frau Else (Anna-Maria Kuricová). Lars Peter hat ihnen einen langen Bootssteg aus Holz mit ein paar verstreuten Stühlen gebaut. Ein fast bedrohliches Idyll. Wären da nicht die beiden gigantischen schwarz umrahmten Fotos zweier Jugendlicher. Mit tödlichem Ernst überblicken sie das Geschehen. Es sind Eddies und Cleos Sohn Fritz und Johnnys und Elses Tochter Nina, und beide sind sie tot. In einem gemeinsamen Akt aus dem Leben geschieden. Viel Schlimmeres kann einem kaum passieren.

Wie auf einem Schachbrett oder in einer Familienaufstellung schiebt Weiler die allesamt überzeugend dargebotenen verwaisten Eltern auf dem Steg hin und her. Vier Jahre nach dem "Unglück" sind sie auf entsetzliche Art aneinandergekettet. Das Weiterlebenmüssen lässt sie um ein wenig höfliches Geplänkel ringen und immer wieder hilflos nach Ursachen forschen. Erinnerungen an einen ersten Bootsausflug zu viert. Aber auch an zwei 15-Jährige, die einander in Liebe zugetan waren und irgendwann befanden "Das Hier ist nicht schön".

Auf sehr kluge Weise legt Loher in ihrem Text Schicht um Schicht der Wahrheiten frei. Die Emotionen bleiben kurzatmig und distanziert. Die Reflexionen verharren oft in Andeutungen. Weiler unterstützt diese Verknappung mit seiner schnörkellosen Regie, er stellt den Schmerz nicht aus, sondern hält ihn konsequent und unverfremdet im Realismus. Er liefert keinen Verzweiflungskitsch und erspart einem doch nichts. Die Lebensfassade bröckelt gewaltig. Diese beiden Paare gleichen einander in ihrem Unglück. Eddie verschwendet alles Dingliche, Cleo offenbart eine heimliche Nebenliebe, Else versucht ihr Herzproblem unter Kontrolle zu halten, und Johnny hat seinen Überehrgeiz längst mit einem Zusammenbruch bezahlt.

Letztlich ist "Am schwarzen See" ein karges Requiem aus Versen, ein Abgesang auf Abwesende und gleich eine ganze Generation. "Es geht immer ums Geld. Immer um die Arbeit", sagt Else. "Da kann man die beiden schon verstehen." Letztlich hinterfragt Loher verfehlte Ziele und am Materialismus ausgerichtete Lebensentwürfe der um die 40-Jährigen. "Wir beneiden sie um den Tod, der die Liebe bedeutet", sagt Cleo an einer Stelle. Ein tiefschwarzer, berührender, dicht gespielter Abend, dem jede Romantik ausgetrieben ist, aber einer, dem man ein großes Publikum wünscht, das sonst vielleicht lieber in die Gaußstraße geht.

"Am schwarzen See" Bis 30.11., Theater Kontraste im Winterhuder Fährhaus (kleiner Saal), Hudtwalckerstr. 13, Karten T. 48 06 80 80; www.theater-kontraste.de

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