„The Following“ bei RTL

Psycho-Analyse: Serienmorden à la Poe

| Lesedauer: 4 Minuten
Joachim Mischke

In der RTL-Thriller-Serie „The Following“ steht ein Serienkiller im Mittelpunkt, der sich für seine Taten durch die Gruselgeschichten von Edgar Allan Poe inspirieren lässt.

Dass Genie und Wahnsinn eng verbunden sind, ist eine Weisheit, die von Edgar Allan Poe stammt und damit nicht gerade neu ist, doch gern immer wieder von Thriller-Autoren als Basisrezept für Serienmörder-Geschnetzeltes genommen wird. Immer wieder werden immer blutigere Variationen von Thomas Harris’ „Schweigen der Lämmer“-Monster Hannibal Lecter entworfen, um dem Zuschauer im Kino oder vor dem Fernseher zu gesundheitsgefährdendem Pulsrasen zu verhelfen. Kompetente Literaturwissenschaftler dürften allerdings nicht dabei gewesen sein, als das Plot-Konzept für die neue RTL-Thriller-Serie „The Following“ entworfen wurde.

Denn Poe, der bedeutendste unter den „American Gothic“-Autoren des mittleren 19. Jahrhunderts, hat sich in seinen Gedichten und Storys zwar mit Tod, Gewalt, Verbrechen, Leiden und dem Grotesken beschäftigt und schwer am Leben gelitten, aber verrückt oder gar eigenhändig blutrünstig war er ganz und gar nicht, bevor er mit nur 40 Jahren das Zeitliche segnete. Das wiederum lässt sich von dem als unwiderstehlichen Charmebolzen geschilderten Literaturprofessor Joe Carroll nicht sagen, der einer der beiden Protagonisten dieser Serie ist.

Nachdem Carroll versucht hatte, eine Fortsetzung für Poes unvollendet gebliebene Geschichte „The Lighthouse“ zu schreiben und dafür nur saftige Verrisse von der Journaille kassierte, entdeckte der frustrierte Freizeit-Autor ein anderes sinnstiftendes Hobby für die vorlesungsfreie Zeit: das virtuose Tranchieren von Studentinnen. Und da er Poe-Kenner ist, haben es ihm die Augen als Fenster zur Seele besonders angetan. Details verbieten sich hier. Aber dass diese Szenen unter anderem mit Marilyn Mansons Kinderschreck-Version des Eurythmics-Klassikers „Sweet Dreams (Are Made of This)“ unterlegt werden, ist ein Detail mit sympathisch morbidem Charme.

14 junge Damen mussten seinerzeit dran glauben, bis Carroll vom wackeren FBI-Agenten Ryan Hardy (Kevin Bacon) zur Strecke und hinter Hochsicherheitstrakt-Gitter gebracht wurde. Klar, Jahre später, schafft Carroll es trotzdem, eine Kompanie bulliger Gefängniswärter zunächst auszutricksen und dann zu entleiben. Natürlich will er – gründlicher Akademiker, der er ist – seine liegen gebliebene Arbeit von damals beenden.

Dabei kann ihn Hardy, mittlerweile von einem Herzschrittmacher und der Schwäche für Wodka vor dem Frühstück gehandicapt, zwar nicht vollständig abhalten. Aber einfangen und wieder in Ketten legen kann er ihn dennoch. Und ab hier, jenseits der Serienkiller-Klischeezone, wird die Geschichte trotz einiger Logik-Abgründe eigen und sehenswert. Carroll hat – weil seine Bewacher tumb genug waren, ihn mit seinen Besuchern unbeobachtet zu lassen und ihm den Zugang zu einem Bibliotheksrechner zu erlauben – eine kleine, gemeine Sekte gezüchtet, deren Hausgott er ist. Sie tun, was er ihnen befahl. Entweder in der Rolle harmloser junger Menschen, die gerade das nicht sind, oder mit einer Edgar-Allen-Poe-Maske auf dem Kopf.

Dass der US-Sender Fox bei der drastischen Präsentation des ungleichen Duells zwischen lädiertem Cop und brillantem Psychopath bis an die Grenzen des für ein TV-Format Möglichen geht, trat die Ausstrahlung in den USA die wohl unausweichliche Debatte über Gewalt auf dem Bildschirm los.

Kabel-Sender können ohne Rücksicht auf Auflagen längst ganz anders hinlangen, darauf beruht ein Teil ihres Erfolgs mit gut durchbluteten Langzeit-Serien wie „Dexter“ oder „The Walking Dead“. „The Following“ ist noch TV-Ware und will eigentlich schon mehr sein, will radikaler wirken und verlässt sich dabei, zumindest in den ersten Folgen, zu sehr auf das frontale Verabreichen von Schockeffekten. Obwohl: Manche der Anspielungen auf Poes düstere Meisterwerke sind reizend gemacht.

Wenn man möchte, kann man in Carroll sogar einen Post-9/11-Verführer hineinlesen, der seine Anhänger wie Schläfer im wehrlosen US-Alltag postiert hat. So gesehen, hat „The Following“ durchaus Parallelen zu einem Fox-Klassiker, dem Paranoia-Marathon von „24“, wo hinter jeder Parkbank mindestens eine Massenvernichtungswaffe auf Special Agent Jack Bauer lauerte. Es ginge aber auch eine Nummer kleiner mit der Psycho-Analyse, dann wäre „The Following“ immer noch eine sehr angenehme Art, sich in den nächsten Wochen um den Schlaf zu bringen.

„The Following“ Ab 17.9., 22.15 Uhr, RTL