Band Memoriez

"Schubladendenken macht viele kreative Projekte zu dünn"

Foto: Klaus Bodig,Klaus Bodig / Klaus Bodig

Der Musiker Joachim Zunke lebt im Künstlerhaus Vorwerkstift im Karolinenviertel. Mit seiner Band Memoriez bedient er sich bei unterschiedlichsten Stilen von Blues bis Indierock.

Hamburg Gerade erst ist Joachim Zunke aus Istanbul heimgekehrt. Nachts habe er da noch lange mit Freunden auf dem Balkon gesessen, geredet und getrunken. Zuvor war er zum Gezi-Park gelaufen. Da musste er hin, zum Protest-Platz der Stadt. Er sei auf jeden Fall politisch, sagt Zunke, steckt sich eine Zigarette an, setzt Kaffee auf, sortiert sich. Der 34-Jährige sieht aus wie einer, der gerne weltenbummelt. Die langen Haare am Hinterkopf locker zusammen gebunden. Länger nicht rasiert. Der Blick offen. Unterm Hemdkragen scheinen Tattoos hervor.

Seine Bleibe in Hamburg birgt ebenfalls provisorischen Charme. Zunke lebt seit zwei Jahren im Künstlerhaus Vorwerkstift im Karoviertel. In mehreren kleinen Räumen, die ohne Türen ineinander übergehen. Zwischen Küchenecke und Bettnische hat sich der Musiker eine kreative Keimzelle errichtet. Mit einem alten Piano und einem neueren Keyboard, mit einem Drumkit und zahlreichen Gitarren, die an den Wänden lehnen und ganz nebenbei ebenso für eine gewisse Boheme-Gemütlichkeit sorgen wie der hölzerne Boden, eine alte Stehlampe und ein Fahrrad, das auf seinen Einsatz wartet. Das Fenster steht offen, Spielgeräusche vom benachbarten Bolzplatz wehen herein und mischen sich mit dem Summen des Handys, das regelmäßig ertönt.

"Da muss ich mal eben ran, das ist Sönke von der Band", sagt Zunke. Seine Band, Memoriez, hat sich vor gut zwei Jahren zusammen getan, erzählt er, als das Telefonat beendet ist. Bevor sich die Gruppe fand, hatte der Sänger und Multiinstrumentalist bereits zahlreiche Songs alleine geschrieben und aufgenommen. In einem Proberaum in Kiel, der direkt unter einer Bildhauerei liegt.

"Das ist ein kleines Universum in einem altem Fabrikhaus mit einem verwachsenen Garten drumherum – super schön", erzählt Zunke, der in Würzburg geboren wurde und seit dem häufig umzog. Er ist offenbar einer, der Glück mit Räumen hat. Ein Umstand, von dem nun auch seine Band profitiert. Allerdings müssen alle bereit sein, Wege in Kauf zu nehmen. "Wegen der hohen Mieten in Hamburg ist es für uns günstiger, nach Kiel zu fahren und dort ein Wochenende oder länger zu proben", sagt Zunke, zieht an seiner Zigarette und fügt hinzu: "Das ist auch viel effektiver, weil man das Gefühl für die Musik beibehält, wenn man am nächsten Tag aufsteht und direkt weiter macht."

Dass Memoriez nicht nur räumlich, sondern auch künstlerisch flexibel ist, zeigt sich auf dem Debütalbum "Huntin' A Hurricane", das die Band mit dem jungen Hamburger Produzenten Kristian Kühl im Studio Ton 13 in Bahrenfeld eingespielt hat. In ihrem Sound finden sich Anklänge, die aus der expirementellen Phase der Beatles stammen könnten, ebenso wie Riffs und Chöre, die im coolen Indierock zu Hause sind. Das erste Stück "Angered Eyes" atmet viel Blues und Jazz, während eine Nummer wie "The Road Not Taken" nach dreckigem Wüstenrock klingt. Dennoch ist die Platte kein akustitisches Einerlei.

Zunkes Stimme, die das Raue mit dem Lässigen verbindet, zieht sich als roter Faden durch das Werk. Und trotz der unterschiedlichen Einflüsse erzeugt Memoriez einen eigenen Sound, der viel Groove und Seele besitzt. Der nie gänzlich los prescht, aber oftmals kurz vor der Explosion zu stehen scheint. Den schönen Schmutz fegt die Band nicht hinaus, sondern erzeugt reichlich Reibung mit ihm. Mitunter scheint es auch, als spiele da eine Brass Band, wie sie auf Beerdigungen in New Orleans üblich ist. Neben Stefan Messfeldt am Bass, Marvin Thode am Schlagzeug und Sönke Holst am Piano kommen noch drei Bläser hinzu, wenn die Combo – wie am 24. September in der Astrastube – live auftritt.

"Nur Reggae, nur Soul, nur Rock – dieses Schubladendenken macht viele kreative Projekte zu dünn", sagt Zunke über das künstlerische Selbstverständnis von Memoriez. Das Z am Ende des Bandnamens ist eine Reminiszenz an ein weiteres seiner Lieblingsgenres, den HipHop, in dem gängige Begriffe gerne modifiziert werden. Zu dem Titel sagt Zunke: "Eigentlich ist 'memories' ein schwaches Wort, weil es so häufig gebraucht wird, dass es kaum jemand mehr wahrnimmt. Andererseits steht für jeden Einzelnen so viel dahinter."

Es geht also um Erinnerungen, um Zwischenmenschliches, Liebe und Leid. Und die Verse darüber, sie fliegen einem nicht einfach so zu, meint Zunke. "Ich bin schon der Typ, der jeden Tag an seinen Texten arbeitet, so bleibe ich im Flow", sagt der Songschreiber. Und er ergänzt: "Manchmal muss ich auch durch ein Tal hindurch und finde dann einen ganz anderen Weg, den ich nicht erwartet habe."

Sich auf diesem künstlerischen Weg auch mal helfen zu lassen, ist für Zunke kein Problem. Seine Band hat dieses Jahr das Coaching-Programm "Krach & Getöse" des Vereins RockCity und der Haspa Musik Stiftung gewonnen. Neben Beratungsgesprächen und finanzieller Unterstützung steht da unter anderem eine Aufnahmesession an. Bis es soweit ist, musiziert Zunke weiter. Oder er beteiligt sich an den Aufgaben, die im Vorwerkstift anliegen. Gerade erst sei der Garten neu gemacht worden. Sogar einen Bienenstock gebe es nun, erzählt er. Ein guter Ort, um heimzukehren.

Memoriez zsm. mit A Tale Of Golden Keys Di 24.9., 21.00, Astrastube (Bus 3, 15), Max-Brauer-Allee 200; memoriez.eu

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