Popmusik

Thees Uhlmann schreibt wieder Songs für Mittdreißiger

Der Musiker veröffentlich sein neues Album „#2“. Es ist eine getreuliche Kopie seines Solo-Debüts: hingebungsvoll, pathetisch, textlich eigenwillig. Im November stehen zwei Konzerte in der Großen Freiheit an.

Hamburg. Einem Künstler sollte man nicht vorwerfen, dass er immer dieselben Themen hat – Innovationszwang besteht nie, große Kunst kann auch monoton sein. Deswegen sagen wir an dieser Stelle auch nicht, dass Thees Uhlmann doch in Zukunft nicht so viel von sich singen soll. Diesen Hang hatte er ja immer, wobei er wenigstens immer schon so klug ist, das Ich immer auch in generationelle oder landsmannschaftliche Zusammenhänge zu stellen.

Anders gesagt: Mittdreißiger aus Norddeutschland fühlen sich in den Songs Uhlmanns stets gut aufgehoben. Das trifft besonders für die zweite Karriere des in Hemmoor geborenen Musikers zu. In der ersten stand er mit der Hamburger Band Tomte auf der Bühne, jetzt erscheint bereits das zweite Soloalbum. „#2“ ist eine getreuliche Version des erfolgreichen Debüts von vor zwei Jahren, also eine runde Sache mit aus dem Ärmel geschüttelten Deutschrock-Hits, die wegen Springsteen-Klavieren und Springsteen-Rockergesten allerhöchste Weihen nach sich zogen.

In der ersten Single „7. März“ gibt es wieder einen Assoziationswirbel, der vom Geburtstag der Mutter ausgeht. Ein fröhlicher Song, der alle Stärken Uhlmanns ausspielt (dieses unbedingte Pathos! die Hingabe!), aber auch seine Schwächen ausstellt. Er ist und bleibt halt ein Groblyriker. Vielleicht hat man ihn gerade auch deswegen immer gemocht? Wer sich mit der Sprache abmüht, ist am Ende doch immer mindestens authentisch, und trotzdem stöhnte man beim ersten Durchlauf der neuen CD. „Die Bomben meiner Stadt“, „Im Sommer nach dem Krieg“, „Es brennt“ – so geht das gleich mal los. Einen Hang zum Martialischen hatte Uhlmann schon immer, aber das ist dann doch etwas penetrant. Trotz des Backgroundgesangs seiner Keyboarderin.

Manchmal dichtet Uhlmann bewusst unbedarft („Warum tun wir, was wir machen/Warum machen wir, was wir tun“), manchmal auch regelrechten Schmarrn („Kaffee & Wein“), aber anders als früher hat seine Haltung nicht mehr dieses auf Dauer ja zu anstrengende Kämpferische, der Typ ist fast entspannt. Aber einer, der wie in „Zugvögel“ und „Der Fluss und das Meer“ zu oft einfach mal seine Umgebung betrachtet und seine Faszination für Tiere und Gewässer entdeckt. Songtitel wie „Zerschmettert in Stücke (im Frieden der Nacht)“ sind so herrlich ungelenk, dass es fast schon wieder eine Art hat. Uhlmann sollte sich öfter aufs Geschichtenerzählen verlagern. Der SPD-Wahlkampfsong „Weiße Knöchel“ ist der heimliche Hit des Albums. Uhlmann hat ein Herz für die Schwachen, er begleitet einen Sozialdemokraten beim wahlkämpfen: „In der Reihenhaussiedlung am Rande der Stadt/Hat er Dinge gesehen, die kein anderer gesehen hat.“

Das Beste hebt er sich für den Schluss auf. Uhlmann trägt das Herz halt auf der Zunge, seine Wunden versteckt er nicht, und deshalb ist „Ich gebe auf mein Licht“ der traurigschönste Trennungssong seit Langem. Ein Merkmal des Uhlmann’schen Popschaffens ist die vollkommene Ernsthaftigkeit, die zwar nie den Humor, immer aber die Ironie ausschließt. Das Video zu „Am 7. März“ ist sehr schön geworden, es zeigt Uhlmann unter anderem beim Tennisspielen – mit Ivan Lendl. Ist natürlich nur ein Trick.

Sagen wir mal so: Der Aufschlag mit „#2“ ist ganz druckvoll. Die Platte wird die unter anderem mit der Teilnahme am Bundesvision Song Contest 2011 hinzugewonnenen Fans zufriedenstellen. Auf Facebook lässt der mitteilsame Mann seine zahlreichen digitalen Freunde am Entstehungsprozess (man war auch in L.A. im Studio) des Albums teilhaben. Der Musiker im Zeitalter seiner technisch beschleunigten Selbstvermarktung also; und als hart arbeitender Dienstleister. Bald beginnt ja auch die Tour.

Thees Uhlmann: „#2“ (Grand Hotel van Cleef). Konzerte am 19. und 20.11. in der Großen Freiheit