Das Leben hat noch nicht fertig

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Cosima Lutz

„Mr. Morgan’s Last Love“ mit Michael Caine überzeugt als melancholische Komödie mit psychologischen Feinheiten

Die Zeichen stehen erst einmal ganz auf Tristesse in Sandra Nettelbecks neuem Film „Mr. Morgan’s Last Love“. Michael Caine breitet als verwitweter Titelheld grau, unrasiert und leicht indigniert seine Trauermiene über der ganzen Leinwand aus. Schon aus praktischen Gründen ist der Tod seiner Frau eine Last, denn als Amerikaner in Paris hatte er sich geweigert, Französisch zu lernen, seine Gattin beherrschte es ja. Nun bekommen seine Mitbürger „keine Gnade“ zu hören statt „nein danke“, denn statt „non merci“ sagt er „no mercy“. Aber vielleicht meint er ja auch genau das, wer weiß.

Mit solch kleinen Missverständnissen, die eventuell doch keine sind, schlägt Sandra Nettelbeck („Bella Martha“) einen sachte komödiantischen Ton an, gleichsam hinaus aus der depressiven Kühle ihres letzten Films „Helen“ (2009) hinein in ein Liebesfilm gesättigtes Paris. Spätestens wenn die Kamera im voll besetzten Bus sofort weiß, um welche junge Frau sie sich jetzt zu kümmern hat, weicht der humorvoll aufgefangene Trübsinn kurz der putzigen Vorhersehbarkeit einer alten Wohlfühl-Geschichte: Grimmiger alter Mann trifft fröhliche junge Frau und entdeckt das Leben neu.

In diesem Fall handelt es sich aber um keinen zuckersüßen Altherrentraum, sondern um Clémence Poésy („127 Hours“). Sie spielt ihre Pauline unprätentiös, markant und so zutraulich, wie nur jemand sein kann, der in irgendeiner Seelen-Ecke eben doch einen Haufen Traurigkeit mit sich herumträgt. Pauline verlor früh ihre Eltern, Mr. Morgan seine Frau, was den einen oder anderen Abgleich heraufbeschwört. Nettelbeck ist jedoch so klug, sogar die sich aufdrängende Wahlverwandtschaft durch ständige Widerhaken in der Kommunikation anzurauen: „Es ist nicht weit“, schlägt der Alte zum Beispiel das mitleidig klingende Angebot der Jungen aus, ihn nach Hause zu begleiten. Sie aber liest dieselbe Äußerung als höfliche Einwilligung. Vor der Tür geht’s um Berufliches: Er unterrichte, sagt er. Ich auch, sagt sie. Er: Philosophie. Sie: Cha-Cha-Cha. Ähnlichkeit und Differenz, der Tanz ist eröffnet.

So konventionell das Erzählprinzip ist, so präzise und ohne moralisches Gesäusel gelingen Nettelbeck psychologische Feinheiten. Wenn Morgans vernachlässigter Sohn (Justin Kirk) voller Vorwürfe aus Amerika anreist, mit der zynischen Schwester im Schlepptau (Gillian Anderson aus „Akte X“), weil der alte Herr einen Selbstmordversuch gestartet hat; wenn sich dann „wahre“ und „falsche“ Verwandtschaft gegenüberstehen: dann schlägt sich der Film auf keine der beiden Seiten.

Bis zum Schluss überrascht der Film gerade indem er seine Grundidee konsequent noch in den nebensächlichsten Szenen und Motiven fast absichtslos aufscheinen lässt. Dem Separatismus eines Lebens als Ehepaar in der Fremde steht etwa Paulines Line Dance gegenüber, also ein Gruppentanz für alle, in den Morgan, der Nichtfamilenmensch, sich ohne Probleme einfügt. Angehörigkeit, ohne verwandt zu sein, und Verwandtschaft, die sich fremd ist: Letztlich ist hier beides kein Grund dafür, einander nicht zu lieben.

+++-- „Mr. Morgan's Last Love“ Belgien, Deutschland, Frankreich 2013, 116 Min, o. A., R: Sandra Nettelbeck, D: Michael Caine, Clémence Poésy, Jane Alexander, Gillian Anderson, täglich im Holi, Koralle, Passage; www.mrmorganslastlove.senator.de