András Siebold leitet zum ersten Mal das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel

Hamburg. Ein sommerlicher Vormittag in Hamburg. Beim Treffen in der Erste-Liebe-Bar bestellt András Siebold neben Kaffee erst einmal einen Fitnesssaft. Es gilt Kraft zu sammeln, bevor an diesem Mittwoch das Internationale Sommerfestival Hamburg beginnt, das erste, das er als Festivalchef verantwortet. Tanz, Theater, viel Musik, kein politisches Schwerpunkt„Label“ wie bei seinem Vorgänger. Fehlende Energie dürfte jedoch kaum zum Problem werden: András Siebold ist ein Schnellsprecher. Beim Antworten überschlagen sich seine Sätze förmlich.

Hamburger Abendblatt:

Vor uns liegt das erste von Ihnen kuratierte Internationale Sommerfestival. Was ist anders?

András Siebold:

Zunächst ist die Situation für mich neu. Als Amelie Deuflhard und ich nach Kampnagel kamen, mussten wir das Ding hochspielen, lauter werden, mehr Publikum anziehen. Jetzt übernehme ich von Matthias von Hartz ein sehr erfolgreiches Festival.

Bedeutet: mehr Druck für Sie?

Siebold:

Unter Erfolgsdruck steht man sowieso immer. Es war ganz angenehm, in Ruhe zu analysieren, was hat gut funktioniert, was hat nicht gestimmt. Ich hatte jedenfalls keine Bedenken, dass es heißt: Der macht das jetzt einfach so weiter. Dafür sind Matthias von Hartz und ich zu unterschiedlich. Und ich mache das ja nicht aus einem Ego-Befriedigungs-Trip, ich will, dass sich alle Menschen Kunst anschauen. Wir machen beim Sommerfestival jetzt ein ähnliches Programm wie das Festival d’Avignon oder die Ruhrtriennale – nur mit weniger Geld.

Sie zeichnen ja auch verantwortlich für das erlesene Konzertprogramm auf Kampnagel. Eigentlich könnte man das kommende Sommerfestival fast ein Sommermusikfestival nennen, oder?

Siebold:

Mein Interesse war ein transdisziplinäres Festival, bei dem alle Künste gleichberechtigt nebeneinander stehen. Mich hat es immer genervt, dass viele Leute kaum zu bewegen sind, andere Genres zu entdecken. Dass Leute, die sich zum Beispiel für Kunst interessieren, so schwer ins Theater zu kriegen sind und umgekehrt. Darum eröffnen wir mit einer großen Tanzproduktion von Olivier Dubois, eine radikale, mitreißende Arbeit, die aber in Avignon die Leute zu Jubelstürmen hinriss. Da wird der Mensch in seiner puren Existenz gezeigt.

Also: nackt.

Siebold:

Ja, das ist wie in der Sauna. Man weiß einfach, die Leute sind nackt. Und man merkt es schon nach einer ganz kurzen Zeit gar nicht mehr. Daran schließen wir dann eine Uraufführung an, die Jeremy Wade mit meiner Lieblingsexperimentalband Xiu Xiu erarbeitet, zu der Monika Grzymala ein Bühnenbild live erstellt.

Ist das die viel beschworene Komplizenschaft, von der Sie gerne sprechen?

Siebold:

So ein Festival aufzuziehen funktioniert nur, wenn man in vielen Netzwerken unterwegs ist. Zu Festivals reisen und DVDs anschauen reicht da nicht. Und bei den Ur- und Erstaufführungen entscheidet man sich ja für die Arbeit, bevor man sie gesehen hat. Wenn man das ernst nimmt, kann man auch Einfluss nehmen, Proben anschauen, weitere Künstler vernetzen. Manchmal stellt man Leute einander vor und es klappt gar nicht. Das braucht viel Vorbereitung und Arbeit, die ruft man nicht einfach an und sperrt sie zusammen.

Auf gezielte Verabredungen mit Künstlern zu setzen, deren Arbeiten erst entstehen, ist natürlich trotzdem auch ein Risiko. Das sind ja alles Überraschungseier. Können Sie noch gut schlafen?

Siebold:

Manchmal schon. Ich glaube daran, dass das Publikum spürt, dass eine besondere Atmosphäre herrscht, wenn eine Arbeit zum ersten Mal läuft und Künstler wochenlang an dem Ort gearbeitet haben. Da ist ein anderes Knistern in der Luft.

Wie haben Sie Yoko Ono davon überzeugt, nach Hamburg zu kommen?

Siebold:

Ich habe sie zuerst auf einer privaten Hochzeitsfeier in New York kennengelernt, zu der wir beide eingeladen waren. Aber so jemanden spricht man natürlich nicht einfach am Nachtischbüfett an und fragt: Hey, wollen Sie nicht zu meinem Festival kommen? Ich habe also später angefragt, dabei natürlich auf die Hochzeit verwiesen, bei der wir uns immerhin schon mal kurz gesprochen hatten, und bin ihr dann drei Monate hinterhergereist, zum Konzert nach Berlin zum Beispiel und zu ihrer Ausstellung nach Frankfurt. Ich hab ihr gezeigt, ich hab wirklich Interesse. Yoko Ono kann man nicht kaufen, da spielt Geld gar keine Rolle. Sie ist ja auch ein tolles Beispiel dafür, wie man durch die Verbindung von verschiedenen Künsten einen großen Wirkungsradius erreichen kann. Yoko Ono geht es um Inhalte. Und sie ist wirklich unkompliziert, sie zahlt ihre Suite in Hamburg selbst.

War das ein Zugpferd, um weitere Künstler zu überzeugen, mitzuwirken?

Siebold:

Ich habe gedacht, okay, die habe ich im Kasten, jetzt kriege ich alle. Aber das war überhaupt nicht so! Das schafft eine Aufmerksamkeit, aber hilft nicht, Leute zu überzeugen. Am Ende müssen die alle in ihren eigenen Terminkalender gucken.

Sie setzen ja relativ wenig auf große bekannte Namen von Festivalnomaden wie Philippe Quesne oder Christoph Marthaler, auch im Tanz setzen Sie mit Dubois und McGregor eher auf formale Produktionen und weniger auf gefällige Stars, dafür gibt es allerlei Sperriges von Chto Delat! oder Miss Revolutionary Idol Berserker. Warum muss man die sehen?

Siebold:

Bei einem Künstler wie Juan Dominguez muss man Lust am Experiment haben, aber Wayne McGregor macht jeden John-Neumeier-Abonnent glücklich. Das ist virtuoser Tanz, aber abstrakt, nicht anbiedernd. Eine echte Spitzenarbeit. Olivier Dubois’ „Tragédie“ hat in Linz funktioniert. Dann funktioniert das auch in Hamburg.

Ist Hamburg eigentlich ein guter Ort für ein Sommerfestival?

Siebold:

Ich finde, dass Kampnagel ein Superort ist für ein Sommerfestival. Wenn die Temperaturen wie jetzt sind, sowieso. Das Gelände verwandelt sich ja in einen richtigen Zauberpark. Es ist toll, eine solche Exklusivität in dieser Stadt zu haben. Anderswo werden Festivals allerdings stärker von der Stadt getragen. Durch Synergien etwa mit den Deichtorhallen werden wir eine andere Sichtbarkeit bekommen. Das Festival ist aber kein Selbstgänger. Man muss viel Energie reinstecken, damit das hier auch wahrgenommen wird.

Sie haben einmal gesagt, „kritischer Optimismus“ würde in Hamburg am verlässlichsten zum Ziel führen. Was meinen Sie damit und wo funktioniert das besonders gut?

Siebold:

Hamburg ist von der Mentalität her eine zurückhaltende Stadt. Anbiederung funktioniert hier nicht. Und die Bürger, Stiftungen und Geldgeber sind keineswegs kritikunfähig. Die mögen Kampnagel auch deshalb, ein bisschen Widerstand nimmt einem keiner krumm. Geht man immer nur negativ an Sachen heran, das mögen sie nicht. Mit Fröhlichkeit erreicht man mehr, ohne es allen Recht machen zu wollen.

Ein charmanter Kommentar zu einem städtebaulichen Dauerthema ist die Kanalphilharmonie, die Sie extra für das Sommerfestival aufgebaut haben.

Siebold:

Genau. Das ist kein Ort, der nur schön ist. Das sieht ein bisschen rough aus und hat etwas Provisorisches. Trotzdem hat es auch einen spröden Charme. Das ist nicht als Kritik gegen das andere Gebäude gemeint, sondern treibt den Diskurs weiter. Nach dem Motto: Das andere Ding wird nicht fertig? Dann legen wir halt schon mal los.