Die „Malweiber“ von Worpswede

Vier Ausstellungen erinnern in der Künstlerkolonie an Wegbereiterinnen der Kunst

Worpswede. Die Sonne versengt das sommerliche Gras, Bienen summen, und der heiße Wind treibt welke Rosenblätter vor sich her... In diese heiter-träge Stimmung passt allerbestens ein Ausflug in die Künstlerkolonie Worpswede, wo sich die vier großen Ausstellungshäuser wieder zusammengeschlossen haben, um ein gemeinsames Thema zu entwickeln: „Malerinnen im Aufbruch: Frauen erobern um 1900 die Kunst“.

Und diese Frauen hatten Mumm, denn alles, alles mussten sie sich hart erkämpfen. Bis 1918 hatten Frauen nämlich keinen Zugang zu den Kunstakademien. Daher zog es sie in die frisch gegründeten Künstlerdörfer. Dort mussten sie sich zwar als „Malweiber“ beschimpfen lassen, aber sie konnten Malerinnen werden, auch wenn das schwer durchzuhalten war, später, mit Kindern am Rockzipfel und dem „bisschen Haushalt“.

Dank der Erfindung der Tubenfarben zogen diese malwütigen jungen Frauen so oft wie möglich in die Natur, malten die herbe Moorlandschaft in natürlichem Licht, aber hatten auch einen frischen Blick auf alte Themen, vor allem auf Frauenbildnisse. Hierin und in der Entdeckung einzelner herausragender Talente liegt der Reiz der vier Ausstellungen. Abgesehen davon ist es jedes Mal ein Erlebnis, das flache, ohne rechte Winkel erbaute märchenhafte Backstein-Ensemble von Bernd Hoetger auf dem sandigen Kiefernhügel zu ersteigen. Julie Wolfthorn war eine der erwähnten freiheitsliebenden Frauen. Im Barkenhoff, bis 1923 das Zuhause Heinrich Vogelers, hat Kuratorin Beate Arnold jetzt eine Retrospektive der fast vergessenen Künstlerin gestemmt – die meisten der etwa 60 Exponate stammen aus Privatbesitz.

Als Mitbegründerin der Berliner Secession zählte Julie Wolfthorn Anfang des 20. Jahrhunderts tatsächlich zu den bekanntesten Künstlerinnen Deutschlands. Sie war eine anspruchsvolle Großstädterin, die das Malen in Paris gelernt hatte, liebte aber auch die Freiheit in den Künstlerkolonien: Zum Arbeiten reiste sie nach Dachau, Hiddensee und 1897 nach Worpswede. Den wortkargen Torfbauern und der kleinen Worpsweder Welt konnte sie nicht viel abgewinnen, außerdem fühlte sie sich nicht wirklich willkommen bei den zurückgezogenen jungen Malern der dortigen Kolonie.

Wer ihre Bilder sieht, der fragt sich, warum die Hauptwerke dieser Künstlerin nicht ebenso berühmt sind wie die von Max Liebermann oder Adolph von Menzel. Eine großartige Porträtistin war sie, sie verstand es, den seelischen Ausdruck eines Menschen einzufangen. Diese Frau, die mit knapp 81 Jahren im KZ Theresienstadt starb, hat unvergessliche Meisterwerke geschaffen, mit klug gesetztem Licht, mit Sinn für Komposition, entschiedenen Farbakzenten und einem ausgeprägten Gefühl für Charakter und soziale Stellung des dargestellten Menschen. Auch ihre Bilder ungezwungener Frauen zu Hause, die sie eben nicht mit dem männlichen Blick wahrgenommen hat („Das Mädchen auf dem Sofa“), sind kunsthistorisch betrachtet wichtige Wiederentdeckungen.

Vom Barkenhoff aus lässt sich eine lose Verbindung in die Kunsthalle knüpfen, wo unter anderem mit Ottilie Reylaender eine weitere bemerkenswerte Malerin vertreten ist, die ebenfalls an einer privaten Malschule in Paris ausgebildet wurde. Hier kümmert sich mit viel Engagement Susanna Böhme-Netzel um den Ausstellungsbetrieb und alles, was damit verbunden ist: „Ottilie Reylaender war meine Oma, und ich durfte ihr Atelier als Spielzimmer nutzen. Ich war neun Jahre alt, als sie starb“, erzählt sie. Von den Bildern der Ottilie Reylaender sind hier und in der Großen Kunstschau nun wieder einige zu sehen, darunter ein paar wirkliche Preziosen wie „Zwei Freundinnen aus Bergedorf“, zusammen auf einem Torfballen kauernd. Als Gastkünstlerin fiel die Wahl auf die dänisch-deutsche Käte Lassen, eine interessante Illustratorin und Porträtmalerin.

Im Reetdach-Haus-Ensemble „Haus im Schluh“ haben die Urenkelinnen von Martha Vogeler eine sehenswerte Ausstellung Paula Modersohn-Beckers alter und neuer künstlerischer Webarbeiten (eine in drei Variationen nach einem Entwurf von) nebst Schauwerkstatt initiiert. Wie ihre Urgroßmutter vermieten sie Zimmer, verkaufen schöne Webarbeiten und außerdem Grafiken von Heinrich Vogeler.

Die vierte Ausstellung befindet sich in der „Großen Kunstschau“. Hier werden Werke der Worpsweder Künstlerinnen denen der dänischen Künstlerkolonie Kerteminde gegenübergestellt. Erstaunlich sind die wundervoll wilden, technisch sehr fein ausgearbeiteten Blumenbilder von Anna Syberg, die weder konventionell noch niedlich-kitschig wirken. Anna Syberg war ausgebildete Porzellanmalerin und nutzte ihr Wissen um eine spezielle Schicht-Technik auch für ihre freien Aquarelle.

Anna E. Munch war ebenfalls ein großes Talent mit der Fähigkeit zu freiem, sicherem Strich. Von Nahem ist manchmal nicht viel zu erkennen. Von Weitem aber zeichnen sich zwei Männer am Meer ab, die im Schutz ihrer Hutkrempen Netze flicken – in einer überwältigenden Atmosphäre klaren, salzsatten Sommerlichts, wie es nur an nordischen Meeresküsten leuchtet.

Malerinnen im Aufbruch: „Frauen erobern um 1900 die Kunst“. Vier Ausstellungen in Worpswede: Barkenhoff, Ostendorfer Straße 10, 27726 Worpswede, bis 13. 10. Haus im Schluh, Im Schluh 35–37: bis 13.10. Große Kunstschau, Lindenallee 5: bis 15.9. Worpsweder Kunsthalle, Bergstraße 17: bis 15.9.