Winterhuder Fährhaus

„Der eiserne Gustav“: mit Herz und Ernst und Schnauze

| Lesedauer: 4 Minuten
Klaus Witzeling

Walter Plathe überzeugt am Winterhuder Fährhaus als Berliner Original in Hans Falladas „Der eiserne Gustav“. Trotz Gustavs unangenehmer Charakterzüge gelingt es Walter Plathe das Herz der Zuschauer zu gewinnen.

Hamburg. Walter Plathes Spezialität sind Berliner Originale. Der im Scheunenviertel aufgewachsene Volksschauspieler war ironischerweise im Doktorkittel und gewissermaßen im „falschen Metier“ als „Landarzt“ 17 Jahre lang erfolgreich und der Fernsehnation bekannt und lieb geworden. In seinem ureigenen Element fühlt sich das komödiantische Schwerkaliber jedoch bei der lebensprallen Verkörperung waschechter Spree-Kerle des Typs Herz mit Schnauze. Er ist ein idealer Interpret des Humoristen Otto Reutter, spielte – auch an der Komödie Winterhuder Fährhaus – den schlitzohrigen Kneipier und Schwarzhändler Wilhelm Kaiser, genannt der „Kaiser vom Alexanderplatz“, den zum Volkssänger aufsteigenden „Kohlenpaul“ oder zeichnete berührend tragikomisch das Lebensporträt des Pinselheinrichs „Zille“.

Plathe fügt nun seiner Galerie der Überlebenskünstler und Volkshelden den „eisernen Gustav“ hinzu. Der Droschkenkutscher Gustav Hartmann fuhr als 68-Jähriger vom 2. April bis 12. September 1928 mit seinem Einspänner 120 und Wallach Grasmus von Berlin nach Paris und retour. Die Reise war nicht nur ein Protest gegen das die Droschkengeschäfte ruinierende Automobil. Sie sollte auch ein Exempel von Pferde- und Willenskraft statuieren und als Versöhnungsgeste mit dem Erbfeind verstanden werden. Aus der Rekordfahrt, die der Reporter Hans Hermann Theobald von der „Berliner Morgenpost“ begleitete, wurde ein Medienereignis und ein diesseits und jenseits der deutsch-französischen Grenze von der Bevölkerung begleiteter Triumphzug. Heinz Rühmann und auch Gustav Knuth spannen in Verfilmungen für Kino und Fernsehen die Legenden um den eisernen Gustav fort. Seit Juni 2000 erinnert sogar eine Skulptur auf der Mittelpromenade der Potsdamer Straße in Berlin-Tiergarten an den „verrückten Droschkenkutscher“.

Auch Hans Fallada setzte ihm als Gustav Hackendahl in seinem 1938 erschienen Roman ein literarisches, freilich auch verfremdetes Denkmal, betonte den aussichtslosen Kampf des kleinen, kaisertreuen Mannes gegen Arbeitslosigkeit und Zeitenwandel. Martin Woelffer inszenierte Peter Lunds Bearbeitung auf Mike Hahnes atmosphärischer Simultanbühne als Bilderbogen und Milieustudie vom Ersten Weltkrieg bis zu den Anfängen des Nationalsozialismus in den 30er-Jahren.

Die dramaturgische Klammer für das tragikomische Familiendrama bilden die Radio-Reportagen von Gustavs Reise. Flugs wird das Sofa in der guten Stube zum Kutschbock für den sich erinnernden engstirnigen Patriarchen, der Muttern (Dagmar Biener) und Kinder tyrannisiert. Sie wollen nichts anderes, als des Vaters strengem Regiment zu entkommen und geraten auf die schiefe Bahn. Der Älteste, Otto, hat heimlich zwei „Bankerts“ und fällt im Schützengraben. Lieblingstochter Eva (Henrike von Kuik) klaut und landet auf dem Strich. Der geschniegelte Emil (Felix Maximilian) macht Karriere als Schieber, Sozi und opportunistischer Mitläufer. Auch den Jüngsten, „Bubi“, (Björn Harras) setzt Papa schließlich vor die Tür.

Zeigt Walter Plathe anfangs einen obrigkeitshörigen und polternden, selbstgerechten Dickkopf, vor dem alle kuschen und doch auch ihre Geheimnisse haben, schafft er nach der Pause Distanz zur sturen Figur. Er gewinnt dem autoritären Charakter eine verschmitzte Selbstironie ab, was auch an der Fassung und Regie liegt. Neue Seiten zeigt er auch in der Beziehung zu seiner Frau Elsbeth. Dagmar Biener zeichnet sie warmherzig, wenn auch nicht auf den Mund gefallen. Muttern weiß sich zur Wehr zu setzen und profitiert von Gustavs Kommandoton bei den Kindern.

Sie, Plathe und das Ensemble wahren berlinische Authentizität in Humor und schnoddrigem Zungenschlag, nützen jede Gelegenheit in den Dialogen für Pointen und Wortwitz. Lediglich Anja Pahl verzerrt die Karikatur der Französin Tinette ins grell und plump gefärbte Satirische, während sie als Näherin und Gustavs „heimliche Schwiegertochter“ Trudi Gudde der Menschlichkeit und Vernunft ehrlich und überzeugend ihre Stimme leiht.

Trotz Gustavs unangenehmer Charakterzüge gelingt es Walter Plathe das Herz der Zuschauer zu gewinnen. Denn bei aller zur Schau getragenen Stärke seiner Figuren steht er auch offen zu deren Schwächen. Außerdem zeigen Plathe und Regisseur Woelffer wie nebenbei Parallelen zwischen der damaligen und heutigen Krisenzeit auf. Eine ernsthafte und dennoch unterhaltsame Abwechslung im Einerlei der Boulevard-Klamotten.

„Der eiserne Gustav“ bis 15.9., Komödie Winterhuder Fährhaus, Karten unter T. 48068080

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