Nachruf

Rolf Lautes Faszination für das Authentische

Mehr als 30 Jahre hat Rolf Laute für und mit den „Schlumpern“, einer Gruppe behinderter Bildender Künstler, gelebt. Jetzt ist der Gründer und Mentor mit 73 Jahren gestorben.

Hamburg. Seit den 80er-Jahren sind die „Schlumper“ in Hamburg ein Begriff, 33 behinderte Bildende Künstler sind inzwischen am Neuen Kamp aktiv. Dass diese ungewöhnliche Form künstlerischer Entfaltung überhaupt dauerhaft möglich wurde, ist das Verdienst von Rolf Laute, der jetzt, nach langer Krankheit, mit 73 Jahren gestorben ist. Was er in mehr als 30 Jahren für die Künstler unter den Behinderten der Evangelischen Stiftung Alsterdorf getan hat, ist im besten Sinne humanistisch, aber darüber hinaus sehr komplex, denn Kunst kann erwiesenermaßen therapeutisch wirken, und die ausdrucksvolle Kunst der Schlumper hat durch sein Engagement viele Sammler und Förderer gefunden.

Als Sohn eines Verwaltungsleiters der Evangelischen Stiftung Alsterdorf hatte Rolf Laute nie die Schere zwischen „behindert“ und „normal“ im Kopf, der Umgang mit Geisteskranken und körperlich Behinderten war für ihn natürlich und normal. Als der studierte Maler und Grafiker Ende der 70er-Jahre gefragt wurde, ob er ein Kunst-am-Bau-Projekt mit Behinderten realisieren wolle, fragte er einige Geisteskranke, ob sie mitmachen wollten. Das Ergebnis offenbarte eine hohe künstlerische Qualität, und einige Zeit danach bildete sich um ihn eine feste Ateliergemeinschaft, die 1984 in ihr erstes, provisorisches Atelier beim Schlump zog.

„Meinem Vater war es sehr wichtig, keinen Unterschied zwischen behinderten und nicht behinderten Künstlern zu machen. Ihm ging es um die Kunst. Ohne Unterschied“, sagt Lautes Tochter Anna. Die Schlumper habe er „als Gesamtkunstwerk gesehen. Dafür hat er seine eigene künstlerische Arbeit in den Hintergrund gestellt. Er war für die Schlumper da, rund um die Uhr, meistens ohne Urlaub, und er fühlte sich selbst als Schlumper. Er sah diese Arbeit als seine Lebensaufgabe an.“

Wer Rolf Laute kennengelernt hat, der weiß, dass er nicht gern im Mittelpunkt stand. Lieber kämpfte er für „seine“ Künstler, denen er ab 1998 einen schöneren Atelierraum am Neuen Kamp beschaffte, wo sie bis heute vollkommen frei malen, und denen er nach und nach ein Renommee als ernst zu nehmende Künstler verschaffte. 2005 präsentiert von der Hamburger Kunsthalle. „Er hat immer ein großes Herz gehabt für Leute, die am Rand der Gesellschaft stehen. Das Authentische der behinderten Künstler, dass die sich nicht selbst im Weg stehen, das hat ihm sehr gefallen“, erzählt Anna Laute. Darüber hinaus arbeiten die Schlumper seit 1995 regelmäßig und inzwischen preisgekrönt mit Kindern der Schule Chemnitzstraße zusammen.

Mit der Gründung der Schlumper ist Rolf Laute in die Fußstapfen berühmter Vorgänger getreten: Der deutsche Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn hatte von 1919 bis 1921 an der Psychiatrischen Uniklinik Heidelberg eine Sammlung von Kunstwerken Geisteskranker angelegt. Sein Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ wurde international berühmt. Nach Prinzhorn war es der österreichische Psychiater Leo Navratil, der seit den 50er-Jahren seine Patienten in der Heilanstalt Gugging zum Malen und Zeichnen anregte. In den 70er-Jahren pilgerten dann viele Künstler nach Gugging, um deren eindrucksvolle Werke kennenzulernen. In Berufung auf Jean Dubuffet, der die Kunst Geisteskranker bereits in den 40er-Jahren in Paris ausstellte, wurde das 1981 von Navratil gegründete dortige „Haus der Künstler“ in „Art Brut Center“ umbenannt.

Ebenfalls in den 20er-Jahren erkannte der Schweizer Psychiater Walter Morgenthaler den Psychopathen Adolf Wölfli als Künstler an. In der Heilanstalt Waldau schuf Wölfli ein immenses Werk, das international berühmt wurde. Nach seinem Tod wurde sein Oeuvre im Kunstmuseum Bern aufgenommen.