Männer auf der Suche nach ihren Gefühlen

Im „Polizeiruf 110“ aus München ermittelt Matthias Brandt am Sonntag in einem Dickicht aus Korruption und Gewalt

Was für ein blöder Satz aus dem Lehrbuch für Fernsehkommissare. Ich versuche, mir ein Bild zu machen. Aber so wie Hanns von Meuffels ihn sagt, wird klar: Der meint das ernst. Er will wissen, wann die Dinge angefangen haben schiefzulaufen. Wie Menschen zu dem geworden sind, was sie selbst gar nicht sein wollen. Das treibt ihn an, das hält ihn aufrecht, auch wenn die Äuglein vor Müdigkeit triefen. Von Meuffels muss den Tod einer Frau aufklären, die früher einmal ein Mann war. In einer Münchner Ausnüchterungszelle ist der junge Transsexuelle ums Leben gekommen – wie, das weiß keiner so genau. Von Meuffels ermittelt intern, mit offensiver Lustlosigkeit anfangs, er verstrickt sich, versaut es sich mit so ziemlich jedem auf dem Revier. Und blickt in Abgründe, die sich das deutsche Fernsehen endlich einmal zu zeigen traut.

Der „Polizeiruf 110“ des Bayerischen Rundfunks, der an diesem Wochenende ausgestrahlt wird, ist ein Polizeifilm, wie man ihn vielleicht von unseren europäischen Nachbarn in Frankreich oder Dänemark erwartet hätte. Aber doch nicht hier. Zu viel Grausamkeit und Einsamkeit, zu viel Realismus und zu wenig versöhnliche Grundheiterkeit durchzieht „Der Tod macht Engel aus uns allen“. Dominik Graf pustet alle paar Jahre mit einem rasant-authentischen Krimistück die Zuschauerköpfe durch; nun setzt der Regisseur Jan Bonny an, es ihm gleichzutun.

Das Ergebnis ist mehr ein düsterer, traumschwerer Ensemblefilm als ein Sonntagskrimi, der den klassischen Dreiklang Leiche – Verdächtiger – Mörder bedient. Er zeigt eine Handvoll Polizisten, die im Hamsterrad des Beamtenapparats feststecken. Sie sind korrupt, amoralisch, gewalttätig. Träumen von neuen Stühlen fürs Esszimmer und sind umgeben von einem Wäscheständer im Büro und blutigem Ernst auf Münchens nächtlichen Straßen. Dass die Sicherheit der Öffentlichkeit in ihren Händen liegt, ist ein zutiefst beunruhigender Gedanke. Gleichzeitig sind sie bedauernswerte Lebensverlierer, die gerne glücklich wären, aber dazu kein Talent haben. Männer auf der Suche nach ihren Gefühlen.

Zum fünften Mal spielt Matthias Brandt Kriminalkommissar Hanns von Meuffels. Er tut dies mit überwältigender Präzision, macht moralische Grauzonen sichtbar, ohne sie dem Zuschauer unter die Nase zu reiben. Die Szenen zwischen Brandt und Schaubühnen-Star Lars Eidinger gehören zu den eindrücklichsten Momenten, die in letzter Zeit auf dem Bildschirm zu sehen waren. Der Transsexuelle Almadine ist eine Paraderolle für Eidinger. Mit strähnigem Haar, lila Lidschatten und Ohrclips aus Plastik spielt er den Lebensgefährten der verstorbenen Frau, der sich nun mit unheilbaren Phantomschmerzen durchs Leben beißt. Eidinger, Experte für existenzielle Einsamkeit und Bühnen-Hamlet im Dauerabo, gelingt das Kunststück, sämtliche Klischeesteilvorlagen und Übertreibungsgesten in Momente purer Anrührung zu verwandeln. „Was ist denn bitte schön ein Beischlaf?“, fragt Almadine, als von Meuffels ein bisschen Rotlicht-Know-how abfragt. Sie lacht, halb neugierig, halb verwirrt. Von Meuffels lächelt schief. Zehn Sekunden unverstellte Zärtlichkeit in einem Film, der wenig Hoffnung bereithält für seine Protagonisten.

Eine Figur wie Almadine zu erzählen ist natürlich ein Balanceakt. Den richtigen Ton zu finden zwischen Hysterie und Trauer, ihr Würde zu verleihen und sie gleichzeitig mit allen Facetten ihres verwirrten Lebens zu zeigen — all dies gelingt Regisseur Bonny, Drehbuchautor Günter Schütter (der viel für Dominik Graf geschrieben hat) und den Produzenten Jakob Claussen und Uli Putz. Almadine ist ein Mensch, der im falschen Körper lebt. Davon erzählt auch dieser Film: dass es kein richtiges Leben im falschen gibt.

„Man muss sich selbst als Zuschauer immer verhalten und positionieren zu dem, was man sieht. Man kann diesen Film nicht einfach so konsumieren“, sagt Regisseur Bonny. Wie aus dem Schatten heraus legt er auch versteckte Mechanismen der Gewalt offen. „Der Tod macht Engel aus uns allen“ stößt den Zuschauer ohne Vorgeplänkel und freundliche Revieraufstellung mitten hinein in ein korruptes Netzwerk, in dem der Schwächste als Erster aus der Kurve fliegt. Spannung entsteht im Film vor allem über die wachsende Beklemmung, die sich im Laufe der Ermittlung über von Meuffels Stimmung legt. Seine Assistentin Anna (Anna Maria Sturm) steht nur wenige Zentimeter vom Nervenzusammenbruch entfernt. Leicht hat sie’s nicht mit ihrem Chef, der sie mit Rechercheaufträgen der Kategorie Fleißarbeit bombardiert. „Almadine. Mit stummem E“, korrigiert er ihre Aussprache. Hans von Meuffels ist einer, der es genau nimmt. Mit der Sprache genauso wie mit der Gerechtigkeit. Weshalb er auch der richtige Mann für diesen Fall ist. Oder eben genau der falsche.

Eine nervöse Kamera begleitet ihn auf seinem Marsch durch Sexschuppen, U-Bahnschächte und Polizeichorprobenräume. Schneeflocken mischen sich in die Luft, nirgends tut sich eine Schulter zum Anlehnen auf. Nie war München weniger Bussi-Hauptstadt als hier, nie waren die Abgründe auf dem Kommissariat steiler. Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen. Hanns von Meuffels sucht immer noch nach ihr.

„Polizeiruf 110: Der Tod macht Engel aus uns allen“, So 14.7., 20.15 Uhr, ARD