Hanseatisches Seelen-Spiel

„Der Hamburger Jedermann“ geht in der Speicherstadt bereits in seine 20. Spielzeit

Gleicher Ort, gleiche Zeit, aber immer wieder faszinierend. So ergeht es zahlreichen Menschen beim „Hamburger Jedermann“. Und das gilt nicht nur für die Besucher aus nah und fern. Kürzlich traf sich das Ensemble zur ersten Leseprobe dieses Sommers in einem Speicher, die Wiedersehensfreude unter den 14 Schauspielern war groß. „Wer einmal drin ist, will wieder dabei sein, besonders in diesem Jahr“, erzählt Michael Batz lächelnd. Die 20. Spielzeit des Freiluft-Theaters steht bevor.

1994 hatte Batz den „Hamburger Jedermann“ mit dem Regisseur Thomas Matschoß in der historischen Speicherstadt als „Das andere Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ zur Uraufführung gebracht. „Damals war es ein wildes Experiment, eine Art von Provokation“, erinnert sich Batz. Der Theatermacher lässt es nicht nehmen, seinen Text an die herrschenden Verhältnisse anzupassen und diesen gleichzeitig mit satirischen Seitenhieben zur Welt-, Bundes- bis hin zur Lokalpolitik zu aktualisieren. „Etwa 85 Prozent sind geblieben, sie bilden das Gerüst.“ Themen wie der NSA-Abhörskandal, die Drohnen-Affäre oder Steuerparadiese und immer noch ein bisschen Elbphilharmonie haben Batz diesmal zu neuen Versen inspiriert. Der Mensch in der Ökonomie, umgeben von immer mehr Technologie bleibt sein Thema.

In der Titelrolle feiert Robin Brosch sein zehntes Jubiläum

Was macht Identität aus? Bei den Salzburger Festspielen sei doch mehr oder minder nur noch interessant, wer in dem mehr als 100 Jahre alten „Jedermann“-Drama Hugo von Hoffmannsthals die Buhlschaft spiele und wie ihr Kleid aussehe, meint Batz. In der Hansestadt bildet die Kulisse der Speicherfront am Brooksfleet mitsamt der Sandbrücke — insbesondere bei Abendsonne — für das Mysterienspiel ein Bühnenbild, das seinesgleichen sucht.

Und genau diese Speicherstadt will sich der Jedermann unter seinen Nagel reißen. Dafür verkauft er sich und seine Seele, indem er einen Pakt mit dem Teufel schließt. „Der Jedermann ist kein böser Mensch, er nutzt das System“, sagt Batz. In der Titelrolle feiert Robin Brosch, der dritte „Hamburger Jedermann“ nach Holger Mahlich und Rolf Becker, zehntes Jubiläum. Der in Berlin ausgebildete Schauspieler hat der Figur mehr und mehr Konturen gegeben — in einer „Freundlichkeit des Gnadenlosen“, wie es Batz ausdrückt. Als Brosch, zuvor in Hamburg vor allem als „Buddy“ im gleichnamigen Musical über den Rock ’n’ Roller Buddy Holly bekannt, 2004 Premiere hatte, war das kaum absehbar. Die Zeiten, da der Jedermann im Business-Look mit Laptop auf die Bühne eilte, sind dank Smartphone zwar passé. Fünf Schauspieler indes wirken seit Beginn mit: Friederike Brüheim, Michael Bideller, Johannes Haag, Wolfgang Hartmann und Erik Schäffler. Letztgenannter wurde nicht nur zum Teufel par excellance, er führt seit Jahren auch Regie.

„Der Jedermann ist eines der größten Hamburg-Abenteuer, das uns erst spielerisch klar geworden ist“, sagt Batz. Die angrenzende HafenCity lässt grüßen. Das Stück spiegelt Zeitgeschichte auf unterhaltsame hamburgische Art. „Jedermann!“ Wenn Hartmann als Tod ab Freitag aus einer Speicher-Luke überm Fleet nach ihm ruft, erst dann hat er richtig begonnen, der Hamburger (Kultur-)Sommer 2013.

„Der Hamburger Jedermann“ 12.7.–25.8., Fr/Sa 20.00, So 19.00, Speicherstadt (U Meßberg, Bus 6), Auf dem Sande, Karten zu 18,- bis 52,- unter T. 3696237; www.hamburger-jedermann.de