US-Sängerin im Stadtpark

Patti Smith macht auch Politik mit ihrer kraftvollen Stimme

Die 67 Jahre alte Patti Smith hat schon immer Kunst und Rockmusik politisch begriffen, aktuelle Kommentare zu Whistleblower Edward Snowden sind auch beim Hamburger Konzert im Stadtpark für sie selbstverständlich.

Hamburg. „Edward Snowden, keiner will dich außer mir. Danke dafür, dass du die Geheimnisse meines Landes an mich verraten hast“, singt Patti Smith. Ihr Leben lang hat die amerikanische Künstlerin Stellung zu aktuellen politischen Themen bezogen, das ist an diesem milden Sommerabend im Stadtpark nicht anders. Mit dem Namen des in Moskau festsitzenden Whistleblowers hat sie ihren Song „Gloria“ beendet, bei der nächsten Nummer nimmt sie den Faden wieder auf. Allein die Erwähnung des früheren NSA-Geheimdienstmitarbeiters beschert ihr viel Applaus, agitieren oder erklären muss sie nichts, ihr Publikum ist aufgeklärt, gebildet und eher links orientiert. Kunst und Rockmusik hat die 67-Jährige immer politisch begriffen, aktuelle Kommentare wie dieser sind für sie selbstverständlich.

Der Auftakt des Open-Air-Konzerts zeigt die Amerikanerin von ihrer sanfteren Seite. Mit „Ask The Angels“ aus dem frühen Album „Radio Ethiopia“ beginnt sie den Abend. Bis auf „Frederick“ singt sie in der ersten Hälfte des Abends eher unbekanntere Songs wie „Summer Cannibals“ und Stücke aus ihrem aktuellen, 2012 erschienenen Album „Banga“. „Nine“ hat sie für ihren Freund Johnny Depp zum Geburtstag geschrieben und widmet es ihm, in „Fuji-san“ zollt sie der japanischen Bevölkerung Tribut, die 2011 den verheerenden Tsunami und die anschließende Nuklearkatastrophe ertragen musste. Neil Youngs „It’s A Dream“ wird zum intimsten Moment dieser intensiven zwei Stunden.

Immer wieder tanzt sie leichtfüßig zum Rhythmus ihrer vierköpfigen Band und wirkt dabei beweglicher als manche ihrer Jahrzehnte jüngeren Kolleginnen. Es scheint Bewegung gewordener freudiger Ausdruck über diesen herrlichen Sommerabend unter strahlend blauem Himmel und umgeben von der grünen Baumhecke im Stadtpark. „Was für ein herrlicher Sommertag“, sagt sie. „Ich habe Adleraugen. Ich sehe euch alle“, lacht sie und geht immer wieder das abschüssige Rasenstück auf ihre Fans zu. Später covert sie Eddie Cochrans Summertime Blues, der Rock-’n‘-Roll-Kracher passt an diesem Abend hervorragend zu der gelösten Stimmung.

Immer wieder versucht Patti Smith die Distanz zu ihren Fans aufzuheben. Als ihre Band um den Gitarristen Lenny Kaye und den Schlagzeuger J.D. Doherty zu einem Medley ansetzt, geht sie an den Bühnenrand, verteilt Ohrstöpsel und Getränke, versucht, mit den vorn Stehenden zu reden, und bekommt eine Sonnenblume überreicht. Als sie dann von der Bühne herunterkrabbelt und sich unters Publikum mischt, schießt den Sicherheitsleuten das Adrenalin bis unter die Haarwurzeln. So eine unangekündigte Aktion macht die Ordner für ein paar Momente hilflos, aber ein Freigeist wie Patti Smith lässt sich keine Verhaltensmaßnahmen vorschreiben. Aber was sollte in dieser friedlichen Stimmung schon passieren? Wohlbehalten kehrt sie auf die Bühne zurück und setzt das Programm mit den Nummern fort, die ihren Ruhm begründet haben, nachdem sie 1975 mit dem Album „Horses“ die internationale Szene betreten hat.

Mit „Dancing Barefoot“ vom Album „Wave“ beginnt der Best-of-Teil, doch Smith behält ihre Boots an. Weiter geht es mit „Pissing In A River“, einem dramatischen Lied über eine gescheiterte Beziehung. Bei diesem Song verliert Smiths Stimme all ihre Sanftheit, sie wird dunkel und tief, als würde der Text aus einem tiefen schwarzen Schlund hochgeschleudert. Urplötzlich verwandelt sie sich in die Furie, die Mitte der 70er-Jahre im New Yorker Club CBGB den Punk mit aus der Taufe gehoben hat. „Because The Night“, von Bruce Springsteen für sie geschrieben, steigert das Glücksgefühl der Zuschauer, fast jeder kann die Nummer mitsingen, ob er nun zu Smiths grauhaarigen Fans oder zu den vielen jungen Leuten gehört, die sich unter den 3000 Zuhörern befinden. Obwohl ihre erfolgreichsten Alben vor mehr als 30 Jahren erschienen sind, ist die Poetin, Fotografin und Musikerin ein Idol für Teens und Twens. Vor allem vor der Bühne ist der Altersdurchschnitt deutlich niedriger als in den hinteren Reihen des Open-Air-Areals. Mit „Gloria“, von Van Morrison geschrieben und von Patti Smith lyrisch ergänzt, endet der reguläre Teil der Show. Ihr schwarzes Jackett hat Patti Smith inzwischen ausgezogen, wütend schreit sie den Text heraus, die Band hinter ihr agiert mit Hochdruck und macht die Nummer dramaturgisch geschickt zum bisherigen Höhepunkt. Die Fans sind aus dem Häuschen und fordern lautstark nach mehr.

Und sie bekommen mehr: als Erstes das oben erwähnte „Banga“, bei dem Smith am Ende wie ein wütender Hund kläfft. Inspiriert wurde sie zu dem Titelsong ihres aktuellen Albums durch einen Hund namens Banga, der in Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ eine Rolle spielt. Fast nie fehlt bei Smiths Auftritten „People Have The Power“. Die 1988 geschriebene Nummer ist von gerade brennender Aktualität, wie der Blick nach Ägypten zeigt. Patti Smith glaubt fest an die Macht der Massen, und auch in Hamburg ermutigt sie ihr Publikum, an sich zu glauben. „Ihr seid die Zukunft“, ruft sie ihren jungen Zuhörern zu.

Höhepunkt dieses beeindruckenden Konzerts wird das abschließende „Rock ’n’ Roll Nigger“ vom Album „Easter“. Schon damals schrieb Smith – politisch korrekt – auf das Cover der Platte, dass „Nigger“ nicht im Sinne von Hautfarbe verstanden werden soll, sondern als Ausdruck für die Pest. Der Song ist in der Vergangenheit kontrovers diskutiert worden, an diesem Abend werden alle, die den Refrain mitskandieren, „Nigger“. „Outside of society, that’s were you find me“ (außerhalb der Gesellschaft findest du mich), schreit Patti Smith heraus – und macht sich gleich mit Edward Snowden. Der sitzt in Moskau, geächtet von seinem Heimatland.