Jahresausstellung

Verrückte Kunst in der Hochschule für bildende Künste

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Annette Stiekele

Die Jahresausstellung der Hochschule für bildende Künste zeigt die Arbeiten der Absolventen. Manches ist erklärungsbedürftig, vieles sehr reizvoll. Neue Medien nehmen einen großen Raum in der Ausstellung ein.

Hamburg. Auf Federn gebettet fühlen sich Künstler in der Regel selten. Zumindest an ihrem großen Tag, der Eröffnung der Jahresausstellung der Hochschule für bildende Künste, waten sie aber am Eingang durch ein flauschiges Federmeer. Hinter dem rieselnden Weiß öffnet sich eine andere Welt.

Alle Türen stehen offen, Ateliers, Werkstätten, Hörsäle und Seminarräume. Studierende vom Erstsemester bis zu den aktuell 35 Absolventen zeigen aktuelle Projekte aus Malerei, Bildhauerei, Performance, Fotografie, Design, Film, Grafik und Bühnenbild. Die Stimmung ist gelöst. Rockmusik dröhnt an jeder Ecke. Studierende haben überall Bars errichtet. Künstlernachwuchs und Kunstfans schieben sich durch die Gänge. Studierende und Professoren erläutern die Werke, die, zugegeben, häufig erklärungsbedürftig sind. Feinsinniges steht da neben Grobgestricktem. Erhebendes neben noch Unausgereiftem. Und weil jede Klasse 20 bis 30 Studierende umfasst, erscheint die Mischung häufig disparat.

Der bekannte Maler Anselm Reyle ist, lässig wie immer, von seinen Zöglingen kaum zu unterscheiden. Seine Klasse lässt sich stark von seiner Kunst inspirieren. Neonfarben und Leuchtröhren dominieren. Reyles Student Oliver Lenhart hat mit wenigen Strichen eine Frau mit riesigen Augen porträtiert. Jetzt bedient er eine E-Gitarre, ganz nach Art seines Mentors. Natürlich geht es in der Kunsthochschule nicht um Nachahmung der Meister, sondern darum, den eigenen Ausdruck zu finden. „Ich versuche, den Studierenden einen Experimentierwillen zu vermitteln, ausgehend von dem, was sie selbst wollen“, sagt Filmprofessorin Angela Schanelec, selbst eine der radikalsten Vertreterinnen der „Berliner Schule“. „Wir vermitteln nicht Gesetze oder Regeln, es geht darum zu verstehen, wie man erzählen möchte und mit welchen Mitteln man dazu kommt.“ Die Filme der auch von ihr und Wim Wenders betreuten Studierenden laufen in einem separaten Programm im Hörsaal.

Laura Link hat für ihren Bachelorabschluss in der Klasse von Jutta Koether einen Fuß mit einer riesigen klaffenden Wunde gemalt. Ungewohnt ästhetisch leuchtet er in blau, gelb, rot. Wölbt sich aus einer Erhöhung aus der Leinwand heraus, was ihm etwas Plastisches verleiht. Den Rahmen zieren verschieden farbige Kaugummis. Den Fuß umgibt ein rosafarbener Untergrund in Animal Print. „Wir alle wollen begehrenswert, wild und verführerisch erscheinen“, sagt Laura Link. „Hier treffen verschiedene Stufen von Künstlichkeit aufeinander. Das Ehrlichste aber ist der Fuß, der fast wie ein Heiligtum ausgestellt wird.“ Ideen wie diese überzeugen, wenn sie mit Inbrunst verfolgt werden.

In der Bildhauer-Klasse von Matt Mullican spuckt ein Kassenzettelautomat Twitter-Botschaften zum Thema „Angst“ aus. Malte Stienen hat ihn installiert, ausgehend von einem globalen „Angst“-Gefühl. Manch einer fürchtet sich da vor der nächsten Abi-Prüfung. Andere vor Geistern oder auch einfach nur vor einer diffusen Bedrohung. Von diesem spielerischen Umgang mit dem Material zeugen viele Arbeiten. Viel zu entdecken gibt es auch in der Bühnenraum-Klasse von Raimund Bauer. Fabian Wendling nutzt für seine aufregende Deckenkonstruktion Spannungsfelder von Starkmagneten, die er Gummibänder tragen lässt. Laura Siegrüner aus der Bildhauer-Klasse von Pia Stadtbäumer hat den Zugang zum Ausstellungsraum im Innenhof verschoben. Wer ihn betreten will, muss Treppe, Stiege und ein Fenster erklimmen. Von ihrem Kommilitonen Johannes Deremetz stammt ein aufwendiger Destillationsapparat, der aus Zedernholz Zedernöl gewinnt. Nur ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Exponate ausfallen können, die in einer Klasse entstehen.

Neben klassischer Malerei und Bildhauerkunst nehmen Neue Medien einen großen Raum in der Ausstellung ein. Aus der Klasse von Jeanne Faust stammt etwa eine Videoinstallation von Rosanna Graf. Sie hat sich mit ritualisierten Situationen zu Demütigung und Bestrafung beschäftigt. Menschen verschlingen riesige Gurken, kippen sich Milch und andere Naturalien ins Gesicht. Der Reiz entsteht dadurch, dass die Bilder Drastisches zeigen und gleichzeitig auf einer glatten Werbeoberfläche schimmern.

Ein roter Teppich führt zu einer gold bemalten Tür, dahinter liegt das „Glory Hole“ der Hamburger Performancegruppe Ligna, das sie zum Abschluss ihrer Gastprofessur mit Studierenden erarbeitet hat. Hinter der Tür eine Kammer, ein Stuhl – und ein Loch. Wer sich vorbeugt, bekommt eine etwas andere Peepshow zu sehen. Menschen hocken um eine Art leuchtenden Gral und starren zu Boden. Auf einmal wird der Späher zum Objekt des offenen Blicks. Ein einfacher, effektvoller und verstörender Effekt.

Nachwuchskünstler Gerrit Frohne-Brinkmann aus der Bildhauer-Klasse von Andreas Slominski kann sein Glück kaum fassen. Er hat mit einer kenntnisreichen Führung mit Zaubertrick durch die Arbeiten seiner Kommilitonen den mit 5000 Euro dotierten ersten Förderpreis der Stiftung Stendar-Feuerbaum erhalten. Die Führung ist komplett überfüllt. Sauerstoffmangel mischt sich mit Biergeruch. Frohne-Brinkmann erläutert die Werke und löscht anschließend mit der Flamme seines Feuerzeugs die Aufschrift von der Tafel. Auf ironische Weise hinterfragt er Titel und Kategorisierung von Kunst. An diesem Abend ist vieles nicht vorhersehbar und manches – ja – buchstäblich verrückt. Sogar die Waffeln, die in den Räumen des ochsenblutfarbenen Malerflurs gebacken werden, leuchten in Blau, ebenso die Zuckerwatte. Furchtlose Abnehmer finden sich zuhauf.

Die Hitze steigt, leere Bierflaschen türmen sich schon um 22 Uhr auf allen Tischen. Drei japanische Austauschstudentinnen rollen und schnibbeln vegetarische Sushi im Akkord. Ein einsamer, vergessener Pinsel ruht auf einem Fensterbrett. Wer wollte angesichts dieses alle Sinne beflügelnden Abends noch behaupten, Kunst hätte mit der Wirklichkeit nichts zu tun.

HfbK Jahresausstellung 2013 bis 7.7., täglich 14.00 bis 20.00, Führungen Fr 15.00/18.00, Sa/So 15.00, Hochschule für bildende Künste Hamburg, Lerchenfeld 2; www.hfbk-hamburg.de