„Abkassiert und weiter so“

ARD-Reportage erhebt schwere Vorwürfe gegen Banken

Schiffsanlage statt Sparbuch. Fünf Jahre nach der Finanzkrise gehen die Autoren Michael Cordero und Caroline Rollinger auf Spurensuche: Hat sich bei der Bankberatung etwas verändert?

Der Film beginnt so, wie sich die Deutschen Geldgeschäfte am liebsten vorstellen: mit dem Sparschwein. Wenn es voll ist, kommt das Geld auf die Bank, und dort wird es sicher und ertragreich verwahrt, bis man es wieder benötigt. Protagonisten der Reportage „Abkassiert und weiter so“ von Michael Cordero und Caroline Rollinger haben diese Erfahrung auch jahrzehntelang gemacht, bis sie an einen Finanzberater der Postbank gerieten. So wie eine Kielerin, die 50.000 Euro auf dem Postbanksparbuch hatte und das Geld für ihre Altersvorsorge anlegen wollte. Jetzt steckt das Geld unerreichbar in irgendwelchen Immobilien- und Schiffsfonds, die sich eher schlecht als recht entwickeln. Doch die Postbank ist überzeugt, die Kundin anlegergerecht beraten zu haben, will den Fall aber noch einmal prüfen.

Fünf Jahre nach der Finanzkrise gehen die Autoren auf Spurensuche: Hat sich bei der Bankberatung etwas verändert? Was ist aus den vielen toxischen Wertpapieren geworden, die die Finanzkrise mit verursacht haben? Fallbeispiele aus der Reportage zeigen: Die Bank kassiert die Provision, den Kunden droht der Totalverlust. Im Mittelpunkt stehen Post- und Commerzbank. Diese beiden Namen haben eine große Brisanz. Denn die einst staatliche Postbank gehört jetzt zur Deutschen Bank, Deutschlands größtem Kreditinstitut. Die Commerzbank konnte nur mit staatlicher Milliardenhilfe die Finanzkrise überstehen.

Doch gerade ihr machen die Autoren einen schwerwiegenden Vorwurf. Die Bank würde noch immer Schrottimmobilien finanzieren. Das bezieht sich nicht auf das äußere Erscheinungsbild der Wohnungen, sondern die Angemessenheit des Kaufpreises, den die Bank bei einer Finanzierung überprüfen muss. So wurde eine Wohnung in der Provinz finanziert, die sich innerhalb weniger Tage im Kaufpreis mehr als verdoppelte. Dennoch geht die Commerzbank davon aus, dass das Objekt noch werthaltig ist. Ein anderes Ehepaar erhielt die Finanzierung zu ihrer Wohnung gleich vom Vermittler mit präsentiert, obwohl es nie mit der Commerzbank Kontakt hatte. Ihr Anwalt konnte den Kauf rückabwickeln. Denn für die gleichzeitige Vermittlung von Immobilien und Krediten hat die Rechtssprechung strenge Maßstäbe gesetzt, nachdem dieses Anlagemodell schon in der Vergangenheit zum Nachteil Tausender Anleger von Finanzvertrieben im Bündnis mit Banken praktiziert wurde.

Der spektakulärste Fall ist der einer kleinen Stiftung, die sich für Kinder und Jugendliche in Not einsetzt. Auf Anraten eines Finanzberaters der Postbank wurden 500.000 Euro in vier geschlossene Fonds investiert, davon 100.000 Euro in einen Schiffsfonds des Hamburger Anbieters König & Cie. Es droht der Totalverlust. Für die bedürftigen Kinder steht immer weniger Geld zur Verfügung. Durch die Recherchen aufgeschreckt, will die Postbank den Fall noch einmal prüfen.

Der Kieler Anwalt Helge Petersen macht der Postbank den Vorwurf, dass klassische Sparbuchkonten systematisch ausgenommen wurden, indem ihnen geschlossene Beteiligungen wie Schiffsfonds verkauft wurden. Denn diese Produkte bringen den Verkäufern und auch anderen Beteiligten die höchsten Provisionen ein. An einem Schiffsfonds rechnet Petersen vor, dass 38 Prozent des eingesammelten Kapitals gar nicht in den Frachter, sondern an Banken und Berater flossen. Eine solche Anlage kann kaum im Interesse der Anleger funktionieren.

In wenigen Tagen wird es neue Regeln für geschlossene Fonds geben, jenen Finanzprodukten also, die den Anlegern in den vergangenen Jahren hohe Verluste beschert haben. Doch Verbraucherschützer erwarten auch davon keine grundlegende Verbesserung, denn es bleiben für die Anbieter viele Schlupflöcher. In Großbritannien sind solche Produkte wegen der hohen Risiken für Kleinanleger gar nicht zugelassen. Das Fazit der Reportage: Trotz vieler Neuerungen wie Beratungsprotokoll oder Produktinformationsblatt sind die Verbraucher in einer schwachen Position, weil sie die Falschberatung beweisen müssen.

Zu wenig leuchten die Autoren der Reportage die Rolle der Kunden beim Kauf der umstrittenen Anlagen aus. Die Verantwortung wird allein den Beratern zugeschoben. Mag die Beratung auch trickreich sein, bei einem geschlossenen Fonds müssen so viele Papiere unterzeichnet werden, dass auch Unerfahrene stutzig werden können. Aus ihrer eigenen Verantwortung können die Kunden nicht entlassen werden. Spätestens seit der Pleite mit den Lehman-Papieren muss klar sein, dass man nicht unvorbereitet eine Bankfiliale betreten darf. Ins Autohaus oder den Technikmarkt geht fast auch keiner, ohne vorher mehrere Testberichte gelesen zu haben. Im Zusammenhang mit vermeintlichen Kreditverkäufen der Commerzbank gehen die Autoren auch der Frage nach, welche Rolle diese Praxis noch spielt. Doch die Antworten bleiben unbefriedigend. Zwar werden die Auswirkungen in den USA gezeigt. Doch mit der Beratungspraxis in deutschen Banken hat das wenig zu tun. Dennoch ein sehenswerter Beitrag – zum Beispiel vor dem nächsten Besuch beim Bankberater.

„Abkassiert und weiter so“ Mo 22.45 Uhr, ARD