Wer zuerst weint, hat verloren

Im Krimidrama „Tod an der Ostsee“ überzeugen vor allem die Schauspielerinnen Ina Weisse und Maria Simon

Eine Warnung vorweg: Auch wenn der Titel mit drei Ausrufezeichen darauf hinweist, ist dieser Film nicht der harmlose Regionalkrimi, mit dem die öffentlich-rechtlichen Sender ihr Abendprogramm gern bestückt. Eine Leiche im Sumpf, ein kauziger Hausmeister und eine Polizistin mit Vaterkomplex, fertig ist das Ding. „Tod an der Ostsee“ von Regisseur Martin Enlen ist ein Mehrfamiliendrama, in dem kein Stein auf dem anderen bleibt. Die verfilmte Depression eines ganzen Ortes. Das Fachwerkhausstädtchen Bredersen in der Ferienregion Darß ist kein Michel-aus-Lönneberga-Dorf, in dem sich Kinder Äpfel in die Hosentaschen schieben und die Nachbarn zusammen Marmelade einkochen. Bredersen ist die Vorhölle, in der die Bewohner sich gegenseitig das Leben schwermachen und auf Psychoterrorspielchen setzen. Jedenfalls nach dem Unfall.

Die vierjährige Lisa fährt eine Karussellrunde, während ihre Mutter beim Bäcker in der Schlange steht. Sie hat ihr Eis noch nicht zu Ende gegessen, als ein Auto mit hoher Geschwindigkeit ins Karussell kracht. Lisa ist tot. Und „Tod an der Ostsee“ ist nach weniger als fünf Minuten dort angekommen, wo es deutsche Fernsehfilme immer häufiger hinzieht: im tiefen Tränental, in dem Eltern vor Kummer über den Verlust des Kindes zu allem fähig sind. Wer den Ausknopf drücken würde, sobald auf dem Bildschirm ein ermordetes oder sterbenskrankes Kind auftaucht, hätte nicht mehr viel zu schauen. Ganz schlimm geriet es vor wenigen Wochen im Leipziger „Tatort“. Da knieten zwei Kommissare, die einst gemeinsam ein Kind begraben mussten, vor der Leiche eines kleinen Mädchen. Es war kaum zum Aushalten. Und hinterließ beim Zuschauer den Beigeschmack, auf perfide Weise gefühlsmanipuliert zu werden.

„Tod an der Ostsee“ ist ein weiterer Beweis dafür, dass tote Kinder im Drehbuch (hier: Jürgen Werner) ein naheliegendes Stilmittel sind, die Fallhöhe des Films ein paar Meter hochzuschrauben. Wären da nicht die sehr guten Darsteller, die sich bei ihrem Spiel zurücknehmen anstatt sich mit Wucht hineinzuschmeißen in den Trauerflor der Figuren, man könnte auf diesen Film getrost verzichten. Aber sie finden sich hier gleich zu einem halben Dutzend: Ina Weisse spielt Lisas Mutter, die ihr Lebensglück in der Existenz ihres Kind gefunden hatte und sich nach ihrem Tod untröstlich auf der Ledercouch im Designtempel zusammenrollt. „Lass das Zimmer bitte so“, fährt sie ihren Ehemann, gespielt von Justus von Dohnányi an, als der die Kissen im Kinderbett zurechtrückt.

Lisas Vater ist ein Dorfmächtiger mit junger Geliebter und dicker Brieftasche, der seine Trauer über den Verlust schnell in produktive Wut verwandelt. „Ich mache dir das Leben zur Hölle“, bedroht er den Fahrer des Unfallwagens Ralf Kossak (Matthias Koeberlin), den ein Krampf im Bein daran hinderte, auf die Bremse zu treten. Kossak wird nicht nur samt Familie terrorisiert in Bredersen. Er liegt bald tot im Garten neben der Leiter. Verdächtig? So ziemlich jeder Dorfbewohner, der sich der Mobbing-Vorortgang angeschlossen hat und der Familie Kossak Brötchen, Aufträge und Grußworte verweigert.

„Tod an der Ostsee“ springt zwischen Krimi und Drama hin und her, setzt mal auf Ermittlergekabbel um Falschparker und „neumodischen DNS-Kram“ und gibt sich dann wieder Emotionen hin, die jenseits der Sprache liegen. Vor allem Maria Simon als Kossaks Witwe Evelyn und Ina Weisse zeigen eindrucksvoll, wie facettenreich sich alle Sinne betäubende Trauer ausdrücken lässt, ohne allzu viele Worte zu bemühen. „Das ist dann wohl ausgleichende Gerechtigkeit“, sagt Evelyn, als sich beide Frauen auf dem Friedhof gegenüberstehen. Was wiegt schwerer, ein toter Mann oder ein totes Kind? Und wer zuerst weint, hat verloren. In Szenen wie dieser gefällt der Film plötzlich. Weil er mit einer Behutsamkeit erzählt, als könnte jedes laute Wort die feine Hülle zerstören, die die Figuren umspinnt. Erwähnen muss man an dieser Stelle noch den begabten Nachwuchsdarsteller Jonas Nay, der bereits im NDR-„Tatort“ und im preisgekrönten Drama „Homevideo“ zu sehen war. Hier spielt er den Teenager Jan, Sohn des Unfallfahrers Kossak, den es innerlich zerreißt zwischen Familiensinn und seiner Stellung im Dorfgefüge.

Das Glück aus Mohnbrötchenduft und Meeresbrise kommt nicht zurück nach Bredersen, jedenfalls nicht für die trauernden Familien. Das tatsächliche Heilmittel ist dann Flucht. Ohne in den Rückspiegel zu schauen.

„Tod an der Ostsee“, heute, 20.15 Uhr, Arte