Wie sollen Museen mit geraubten Kulturgütern umgehen?

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Matthias Gretzschel

Bénédicte Savoy diskutiert mit Wolfgang Eichwede

Beschämend lange es gedauert, bevor sich die deutschen Museen für die zweifelhafte Herkunft mancher ihrer Objekte interessierten. Zu einem wirklichen Umdenken ist es eigentlich erst in den letzten anderthalb Jahrzehnten gekommen. Ausgangspunkt war die Unterzeichnung der Washingtoner Erklärung, mit der sich die Bundesrepublik 1998 verpflichtete, ihre öffentlichen Sammlungen zu überprüfen und identifizierte Raubkunst an die rechtmäßigen Besitzer oder deren Erben zurückzugeben. Mit Uta Haug in der Kunsthalle und Silke Reuther im Museum für Kunst und Gewerbe verfügen Hamburgs große Kunstmuseen seit Langem über ausgewiesene Provenienzforscherinnen, die durch ihre Tätigkeit dafür sorgen, dass viele komplizierte Fälle geklärt und anschließend befriedigend gelöst werden können.

Meistens konnten die jeweiligen Werke auch in den Museen bleiben, da sich die Ansprüche der Erben mit Ausgleichszahlungen abgelten ließen. Das geschah zum Beispiel bei dem Nürnberger Buckelpokal, den das Museum für Kunst und Gewerbe 1936 aus dem „Räumungsverkauf“ der Münchner Kunsthandlung A.S. Drey erworben hatte. Aus einem auf September 1939 datierten Schreiben des Reichsinnenministeriums geht hervor, dass das Vermögen der Familie beschlagnahmt worden war. Daher war der Anspruch, den die Inhaberfamilie 2003 stellte, eindeutig berechtigt. Zwei Jahre später einigten sich die Erben und das Museum für Kunst und Gewerbe auf eine Wiedergutmachung, so konnte der Pokal in der Hamburger Sammlung bleiben.

Gestohlen und geraubt wurden Werke, die sich heute in Museen befinden, aber nicht erst in der NS-Zeit, sondern schon seit Jahrhunderten. Viele früher einmal geraubte Werke gehören heute scheinbar ganz selbstverständlich zu den Beständen großer Museen. Die aus Paris stammende Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die als Professorin an der Berliner TU lehrt, hat vor drei Jahren unter dem Titel „Kunstraub“ ein faktenreiches Buch über „Napoleons Konfiszierungen in Deutschland und die europäischen Folgen“ geschrieben.

Mit Wolfgang Eichwede, der als Gründungsdirektor der Forschungsstelle Osteuropa der Bremer Uni ein ausgewiesener Beutekunst-Experte ist, wird Bénédicte Savoy nicht nur über Raubkunst und Beutekunst (18.30 bis 19.15, Auditorium maximum) diskutieren, sondern vor allem über die Frage, wie Exponate aus den Völkerkundemuseen zu beurteilen sind, die während der Kolonialzeit auf oft fragwürdige Weise erworben wurden. Müssen diese Museumsstücke nicht ebenso restituiert werden wie „verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut“ aus der NS-Zeit? Die Umstände der jeweiligen Erwerbungen sind sehr unterschiedlich und oft auch schlecht dokumentiert.

So gibt es in den Unterlagen der von der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung finanzierten Südsee-Expedition, die 1908 bis 1910 im damaligen Deutsch-Neuguinea unterwegs war, Berichte über mehr oder weniger reguläre Ankäufe, aber auch über erzwungene Tauschaktionen: Wenn die Hamburger Forscher in Dörfer kamen, deren Bewohner aus Angst geflohen waren, nahmen sie sich alle Kult- oder Gebrauchsgegenstände, die sie Sammelns wert fanden, und ließen als „Gegenwert“ nach Gutdünken Werkzeug oder andere europäische Produkte zurück.

Allerdings sind viele dieser Artefakte überhaupt nur erhalten geblieben, weil sie außer Landes gebracht und unter konservatorisch günstigen Bedingungen aufbewahrt wurden. Für die Menschen in Melanesien handelte es sich nicht um Kunst, sondern um kultische Gebrauchsgegenstände. Ihre Nachkommen sind oft fasziniert, wenn sie sie Fotografien der Werke ihrer Ahnen sehen, die mehr als 100 Jahre lang in europäischen Museen erhalten geblieben sind. Ungeachtet der moralischen und rechtlichen Fragen wäre eine Rückgabe zum jetzigen Zeitpunkt jedoch schon aus konservatorischen Gründen schwierig: Die vielfach aus fragilen organischen Materialien hergestellten Artefakte ließen sich oft nicht mehr unbeschadet transportieren, außerdem wären viele Museen in den tropischen Herkunftsländern nicht in der Lage, die Objekte so zu bewahren, dass sie auch weiterhin erhalten werden können.

Eindeutiger sind die Kriterien für den Umgang mit ethnografischen Exponaten, die unter menschenverachtenden Umständen in den Westen gelangten, wie seit dem späten 18. Jahrhundert die tätowierten Schädel der Maori. Seit 1992 bemüht sich die neuseeländische Regierung um die Rückgabe von etwa 500 in vielen Teilen der Welt aufbewahrten Schädeln. Sie sollen nach den Riten der Ureinwohner bestattet werden. Der Vorstoß hat bereits Wirkung gezeigt: Etwa 300 Schädel sind wieder nach Neuseeland zurückgekehrt. Vor knapp drei Jahren gab zum Beispiel Frankreich in einer zentralen Aktion 16 mumifizierte Köpfe an die Maori zurück.

„Gestohlen und geraubt“ 18.30 bis 19.15, Auditorium maximum