Von tugendhaften Jungfräulein

Was heute der Popsong ist, war früher das Madrigal. Zu hören von Studenten der Musikhochschule

Spiegelsaal. Verliebtheit will ausgedrückt sein. Heutige Herzensbewegte stellen sich ihren Gefühlsmix aus einem unübersehbaren virtuellen Angebot zusammen, in alten Zeiten war häufig Selbermachen angesagt. Seit dem 14. Jahrhundert sang man Madrigale: mehrstimmige Gebilde, deren Inhalt sich von moralisch-satirisch über die Jahrzehnte in Richtung Liebeslyrik entwickelte. Das klang dann etwa so: „Gott grüß euch liebes Liebelein, Gott grüß euch tugendhaftes schönes Jungfräulein…“ Wirkt für heutige Ohren ziemlich simpel, stimmt. Aber übersetzen Sie mal einen Popsong aus dem Englischen!

Ganz und gar nicht simpel ist dagegen die Musik dazu. Wie betörend, vielschichtig und oft hocherotisch verschlungen sie ist, das ist heute Abend im Spiegelsaal des Museums für Kunst und Gewerbe zu erleben. Da nehmen Studierende des Studios für Alte Musik der Hochschule für Musik und Theater unter der Leitung von Isolde Kittel-Zerer ihr Publikum mit auf eine musikalische Entdeckungsreise.

Ein buntes Häuflein hat Kittel-Zerer unter ihrer Obhut: angehende Blockflötisten und Kirchenmusiker, Kompositionsstudenten, Pianisten oder Oboisten. Manche haben eine Gesangsausbildung, andere kennen sich in den besonderen stilistischen Raffinessen der Epoche aus. Und genau darum geht es bei dem Projekt. Je älter nämlich die Musik, desto weniger hilft es, den puren Notentext wiederzugeben. Spontane, aber auch geplante Verzierungen gehörten so selbstverständlich dazu, dass niemand sich die Mühe machte, sie aufzuschreiben. Um nach Jahrhunderten ein Gefühl dafür zu entwickeln, muss man allerdings üben. Deshalb haben die Studenten sich sogenannte Diminutionen zu Werken des Renaissancekomponisten Cipriano de Rore ausgedacht, die sie in der ersten Konzerthälfte singen und spielen.

Die zweite Hälfte gehört der Chormusik des frühbarocken Christoph Demantius. Da wird es schon mal achtstimmig. Ganz schön aufregend. Zu singen wie zu hören.

„Wie aus gesungener Musik Instrumentalmusik wurde“ Di 11.6., 20.00, Museum für Kunst und Gewerbe (S+U Hauptbahnhof), Steintorplatz, Karten zu 5,-/erm. 3,- an der Ak. oder unter Bettina.Schwab@mkg-hamburg.de; www.hfmt-hamburg.de/veranstaltungen