Die Intrige der schlauen Frauen

Er heiratet wieder: Mozarts „Le nozze di Figaro“ im Forum der Hochschule für Musik und Theater ist freches, modernes Musiktheater

Musikhochschule. Niemand hat jemals komplettes Chaos in so hinreißende Musik gefasst wie Mozart in „Le nozze di Figaro“. Kein Wunder, dass sich diese Edelkomödie über die Epochen und historischen Umwälzungen hinweg auf den Hitlisten des Opernrepertoires gehalten hat. Und das, obwohl der Stoff – betrogene Adlige führt im Verein mit dem Personal ihren treulosen Gemahl vor – heute allenfalls zum Boulevard-Aufreger von mittlerer Haltbarkeit taugt. Im 18. Jahrhundert dagegen, am Vorabend der französischen Revolution, bedeutete der darin liegende Verstoß gegen die überbrachten Hierarchien einen regelrechten politischen Sprengstoffanschlag.

Jetzt hat Wolfgang Ansel die Intrigen der schlauen Frauen auf die Bühne im Forum der Musikhochschule gebracht. Eine selbstbewusste Wahl; die Latte lag in mehrfacher Hinsicht hoch: Komisches geht nun mal besonders leicht daneben, Mozarts Musik ist berüchtigt anfällig, und mit dem „Figaro“ haben sich die Beteiligten auch noch eine Oper ausgesucht, die ein Gutteil des Publikums vermutlich mitsingen könnte. Und das mit einem Ensemble von Sängern, denen ihr Berufseinstieg erst noch bevorsteht: Kann das gut gehen?

Es kann. Was in den nächsten Wochen in dem Haus am Harvestehuder Weg zu erleben ist, ist freches, schwungvolles Musiktheater auf der Höhe der Zeit. Vom ersten Takt der Ouvertüre an macht Willem Wentzel am Dirigentenpult das Tempo klar, das den gesamten Abend prägen wird, und die Hamburger Symphoniker folgen ihm erfreulich aufmerksam und präzise. Derweil bringt sich auf der Bühne das Personal für die kommenden Turbulenzen in Stellung.

Marc Weeger hat für die Handlung einen frühlingsblatt-neongrünen Kasten erdacht, der dank weniger Requisiten mühelos vom Kaufhausentree zum Penthouse-Spa-Bereich oder zum unterkühlten Boudoir mutiert.

Passend dazu hat Ricarda Lutz die Bediensteten in Büroschick statt in Rokokokrägen gesteckt. Doch gerade im Kontrast zu dieser Hochglanzbildwelt tritt hervor, wie existenziell die Themen sind, die Mozart und sein Librettist Lorenzo da Ponte verhandeln. Bei allem slapstickartigen Drive haben sie sich keine leeren Witzchen ausgedacht. Es ist ihren Figuren ernst. Selbst der Graf , in hautenger Hose und Leopardenjackett der Inbegriff des Verführers, ist in seinen Gefühlen immer wieder verunsichert. Ronaldo Steiner spielt diese Ambivalenz mit sichtlichem Vergnügen aus, etwa wenn er die Decke von einem Sessel zieht, dabei unerwartet seinen jungen Widersacher Cherubino entblößt – aber erst im Wegdrehen begreift, dass er gerade seinen liebestollen Pagen im Schlafzimmer seiner Frau angetroffen hat.

Ansels Regie sprüht vor Einfällen wie diesem, und sie trifft auf ein dankbares Team. Die Spielfreude der Darsteller ist schlicht ansteckend. Die beiden Aufzugtüren in der Rückwand sind fast ununterbrochen in Benutzung; es ist ein ständiges Hereinstürzen, -schleichen oder -taumeln. Wenn Nerita Pokvytyte als Susanna unters Bett robbt, bekümmert sie sich nicht um den Zustand ihres cremefarbenen Rocks. Selbst im wildesten Handgemenge singt sie ihre Staccati agil und souverän mit dem Orchester zusammen.

Überhaupt bewegen sich die Sängerleistungen auf einem beeindruckenden Niveau. Der ARD-preisgekrönte Hansung Yoo leiht dem Figaro eine helle, warme Baritonstimme voller Schmelz, Ernesta Juskaite gibt die Gräfin mit zunehmender stimmlicher wie darstellerischer Intensität. Und Judith Thielsens Marcellina reizt das Absurde an einer Figur, die Figaro erst selbst zu ehelichen hofft und sich unversehens als seine Mutter wiederfindet, voll aus. Ihre Charakterzeichnung lässt Raum für Verwirrung und Schmerz.

Zu dieser differenzierten Sicht passt es, dass Ansel auf den Griff in die Klamottenkiste des Regietheaters verzichtet und dem Publikum mündliche Liebesdienste und ähnlich vergilbte Provokationen erspart. Es geht zwar im „Figaro“ auf den ersten Blick nur um das eine. Aber auf den zweiten um sehr viel mehr.

„Le nozze di Figaro“ Di 4.6., 19.00, Musikhochschule (Bus Nr. 109), Harvestehuder Weg 12, Karten zu 20,-/erm. 10,- unter T. 453326; www.hfmt-hamburg.de.