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Neil Young & Crazy Horse auf ihrem vielleicht letzten Ritt am 3. Juni in der O2 World

Das Cover von „Americana“ zeigt zwei Dinge, die eigentlich nicht zueinanderpassen, aber ein aussagekräftiges Symbol für Nordamerika sind. In Sepiafarben ist ein Oldtimer zu sehen, der von Geronimo gesteuert wird. Der berühmte Indianerhäuptling trägt einen Zylinder im Gegensatz zu den anderen Indianern mit Federschmuck auf dem Kopf. Das Bild entstand im Jahr 1905, lange nachdem die Indianerkriege vorbei und die Ureinwohner in Reservationen eingepfercht waren. Der „weiße Mann“ hatte den Kampf gegen die Büffeljäger gewonnen, die Besiedelung des Westens war abgeschlossen, den Indianern blieb nur noch, sich anzupassen und ein paar Dollar für gestellte Fotosessions zu verdienen. „Americana“ ist eines von zwei Alben, die Neil Young im vergangenen Jahr mit seinem Quartett Crazy Horse veröffentlicht hat, die andere Platte heißt „Psychedelic Pills“.

Crazy Horse ist ein wichtiges Stück Kulturgeschichte in musikalischer Form

Dass der in Kanada geborene Young ein großer Indianerfreund ist, zeigen schon Name und Logo seines Gitarrenquartetts. Crazy Horse war ebenso wie Geronimo einer der berühmtesten Indianerhäuptlinge, der viele Schlachten gegen die weiße Kavallerie geschlagen hat und beim berühmten Gefecht am Little Bighorn dabei war. „Crazy Horse war kein Freund des weißen Mannes, weil sie auf sein Land vordrangen und die Büffel verjagten, die seine Lebensgrundlage waren“, schreibt Young im CD-Booklet zu „Americana“. Jeder, der sich hierzulande mit dem Wilden Westen und Indianerkultur beschäftigt hat, kennt diese Zusammenhänge, in den USA dagegen gibt es immer noch keine ernsthafte Aufarbeitung der Indianerkriege und viel Unwissenheit über diese historische Phase.

Auf „Americana“ haben Young und seine Band sich eine Reihe von amerikanischen Volksliedern vorgenommen, von denen viele aus dem 19. Jahrhundert stammen, und sie mit ihrem typischen Gitarren-Rocksound elektrifiziert. Das Album wirkt wie ein Stück Kulturgeschichte in musikalischer Form. Die Themen sind von großer Aktualität und handeln von Armut, Gewalt, tragischer Liebe und dem Wunsch nach Ruhm. Mit knarziger Stimme singt Young über den vermeintlichen Mörder Tom Dooley, vom Goldrausch in Kalifornien und von „Clementine“. Das Lied über einen Mann, der seine Geliebte durch einen Unfall verliert, ist ein Song, der zum nationalen Liedgut in den USA gehört. Young verleiht ihm mit seinen fast gejaulten Refrain und dem rauen Sound jene Dramatik, die er verdient.

Seit 1968 besteht Crazy Horse bereits, doch zuletzt hat Young seine Kumpels Frank „Poncho“ Sampredo (Gitarre), Billy Talbot (Bass) und Ralph Molina (Schlagzeug) nicht sehr oft zusammengerufen. Vor „Americana“ und „Psychedelic Pills“ ist zuletzt 2003 mit „Greendale“ ein Album des Quartetts erschienen. 2006 kam außerdem eine Livealbum heraus, allerdings mit einer Aufnahme eines Konzerts aus dem Jahr 1970 aus dem New Yorker Fillmore, damals noch mit Danny Whitten an der Gitarre. Whitten starb 1972 an einer Überdosis Heroin. Mit Crazy Horse hat Neil Young eine Reihe seiner wichtigsten Alben aufgenommen, darunter „After The Goldrush“, „Rust Never Sleeps“, „Weld“ und „Broken Arrow“. Bis heute gilt diese Formation als eine der besten Livebands im Rockzirkus. Zahlreiche Livealben dokumentieren diese Klasse und transportieren den kompakten Sound von Crazy Horse.

Auch „Psychedelic Pill“, im vergangenen September erschienen, ist Reise in die Vergangenheit und Bestandsaufnahme gleichermaßen. „Born In Ontario“ ist Erinnerung an Kindheit und Jugend und an die vielen Orte, an denen er mit seinen Eltern gelebt hat. Mit „Twisted Road“ hat er eine Danksagung an Bob Dylan geschrieben. Bei „Ramada Inn“ kommt Young in der Gegenwart an, es ist ein Lied über ein glückliches altes Paar auf einem Road-Trip. Herzstück des Doppelalbums ist jedoch das 27 Minuten lange „Driftin’ Back“.

Vor zwölf Jahren legte Crazy Horse einen famosen Auftritt im Stadtpark hin

Wenn Young und Crazy Horse in der O2 World auftreten, kann es sein, dass sie solch epischen Nummern im Repertoire haben, auch lange Gitarrenimprovisationen gehören zum Programm. Als das Quartett vor zwölf Jahren im Hamburger Stadtpark gastierte war das eine Sternstunde für alle Fans dieser geerdeten Band. Damals stand das Quartett auf großer Bühne auf engstem Raum vor dem Schlagzeugpodest von Frank Molina zusammen und legte einen hochkonzentrierten und magischen Auftritt hin. Zwei Stunden lang musizierte Crazy Horse mit Wucht und Energie und spielte Songs wie „Pocahontas“, „Cortez The Killer“ und „Powderfinger“ mit langen Improvisationen. Wenn der 67 Jahre alte Sänger und Gitarrist jetzt wieder einmal nach Deutschland kommt, könnte das eine der letzten Gelegenheiten sein, ihn mit dieser herausragenden Band auf der Bühne zu erleben. Denn allzu oft schwingt er sich mit Crazy Horse nicht mehr in den Sattel.

Neil Young & Crazy Horse Mo 3.6., 20.00, O2 World (S Stellingen + Bus 380); Sylvesterallee 10; Karten ab 52,50 im Vorverkauf; www.neilyoung.com