Kampnagel

Aufbegehren gegen die Vergänglichkeit

Der provokante italienische Theatermacher Romeo Castellucci zeigt seine viel diskutierte Inszenierung “Über das Konzept des Angesichts bei Gottes Sohn“ auf Kampnagel.

Hamburg. Im Theater erwarten wir, Zeitgeschehen zugespitzt zu erfahren, aber bitte möglichst erbaulich. Nicht zu konfrontativ, nicht zu drastisch, nicht zu aufwühlend. Theaterstücke, die sich in Lebensbereiche vorwagen, die der Durchschnittszuschauer als extrem wahrnimmt, riskieren da Unverständnis. Das gilt erst recht, wenn sie sich mit religiösen Themen verbinden.

So wie in der Produktion „On the concept of the face, regarding the son of god/ Über das Konzept des Angesichts bei Gottes Sohn“ des italienischen Theatermachers Romeo Castellucci und seiner Socìetas Raffaello Sanzio, die von heute an drei Tage lang auf Kampnagel gastiert. Castellucci thematisiert Alter, Verfall, grassierende Hilflosigkeit – aber auch mitmenschliche Fürsorge und findet dafür gewohnt ikonoklastische, radikale Bilder. Vor einem ins Gigantische gezogenen milde blickenden Gesicht des Erlösers aus Antonello da Messinas 1475 gemaltem Porträt „Salvator Mundi“ entspinnt sich ein ganz persönliches und doch universelles Drama.

Ein Sohn versucht, seinem offenbar dementen Vater die Windel zu wechseln, doch der Akt der Nächstenliebe entwickelt sich zur Sisyphos-Arbeit, da der Betagte die Notdurft in keiner Weise mehr kontrollieren kann. Die Inszenierung erspart dem Zuschauer die Details der Vorgänge nicht. Ebenso wenig wie die Verzweiflung des Vaters, der, wenn er auch nicht von Gott verlassen ist, doch die Kontrolle über den eigenen Körper verloren hat. Oder die auflodernde Wut des Sohnes. Das Geschehen spielt sich in einer fast existenziellen Ruhe ab. Allerdings mit einem Ultrarealismus und einer Unerbittlichkeit, für die der Theatermacher Castellucci berühmt ist.

Diese Dinge geschehen. Und sie geschehen in einer immer älter werdenden Gesellschaft täglich tausendfach. Meist allerdings im Verborgenen hinter verschlossenen privaten Türen und in Pflegeeinrichtungen, ausgeführt von Angehörigen und Profis. Sie leisten täglich eine heldenhafte Hingabe, die sich so gar nicht mit den polierten Oberflächen und Dynamiken der globalisierten Gegenwart zu vertragen scheint. Und die die Jüngeren gerne so lange wie irgend möglich verdrängen. Entsprechend kontrovers wurde die Inszenierung, wo auch immer sie zu sehen war, vom Publikum aufgenommen.

In Mailand und Paris kochten die Emotionen erzkonservativer katholischer Gruppen hoch. Insbesondere, weil Castellucci die Vater-Sohn-Szenerie irgendwann ablöst durch ein Zitat einer Fotografie von Diane Arbus: Eine Horde Jugendlicher bewirft im Aufbegehren gegen die Zwänge der conditio humana das Jesusbild zu anschwellenden industriellen Klängen mit Handgranaten. Die Jugend revoltiert gegen den Erlöser und gegen seine Schöpfung, die Welt. Auch anlässlich des Berliner Gastspiels bezeichnete Kardinal Rainer Maria Woelki das Stück als „unanständig“. Es diene der reinen Provokation. Wie schon beim Gastspiel von Rodrigo Garcías „Gòlgota Picnic“ ist in Hamburg eher wenig öffentliche Erregung zu erwarten.

Romeo Castellucci hinterfragt die Bedeutung von Bildern

„Ich habe keinen Plan für eine bessere Welt. Ich bin mir bewusst, dass ich manchmal für eine schlechtere Welt zu stehen scheine. Der Eindruck täuscht nicht“, sagt Castellucci. „Weder das Theater noch die Kunst müssen Probleme lösen: Sie müssen diese transzendieren. Meine Arbeiten stehen für die Suche nach den Widersprüchen.“

Viele von Castelluccis Arbeiten waren über die Jahre immer wieder in der Hansestadt zu sehen. Der letzte Besuch liegt allerdings schon gut zehn Jahre zurück. Dem Regisseur, einem der wichtigsten Theatermacher der Gegenwart, der als Stammgast bei allen großen europäischen Festivals ausverkaufte Hallen garantiert, Skandallust unterzuschieben, erscheint absurd. Künstliche Aufmerksamkeit braucht Castellucci nicht.

Der 1960 in Cesena geborene Regisseur fusioniert seit 1981 mit seiner nach dem gleichnamigen Renaissance-Maler betitelten Kompanie Socìetas Raffaello Sanzio – neben ihm seine Schwester, die Autorin Claudia Castellucci und die Dramatikerin Chiara Guidi – große Themen der Menschheitsgeschichte zu einem mit akribischer Dramaturgie und Dutzenden Querverweisen versehenen Bühnenhybrid aus Performance, Bildhauerei und Musik. Castellucci gilt als radikalster Vertreter des nuevo teatro in Italien.

Legendäre Arbeiten wie die „Tragedia Endogonidia“ (2002) oder „Divina Commedia – Inferno, Purgatorio, Paradiso“ (2008) entstanden über die Jahre. Für sein Lebenswerk erhielt Castellucci 2012 den Goldenen Löwen des 42. Internationalen Theater Festivals in Venedig. Zuletzt verband er in „The Four Seasons Restaurant“, das in Berlin gastierte, das Schwarze Loch, Hölderlins Empedokles und Mark Rothko zu einer suggestiven Meditation über Bilder. Ihre Bedeutung, ihr manchmal notwendiges Verstummen, treiben ihn seit Langem um in seiner Kunst. „Die Frage ist: Bis zu welchem Punkt können wir den Bildern glauben? Bis zu welchem Punkt kann ein Bild uns helfen, uns von den Bildern zu befreien?“ Für ihn ist es Kern einer existenziellen Erfahrung, die Verlassenheit des Zuschauers vor dem Bild ist ein kostbares Gut, das dieser mit anderen teilt.

„Über das Konzept des Angesichts bei Gottes Sohn“ liefert da eine gewisse auch die Hamburger Zuschauer polarisierende Erfahrung.

Romeo Castellucci: „On the concept of the face, regarding the son of god/Über das Konzept des Angesichts bei Gottes Sohn“, 30.5. bis 1.6., jew. 20.00, Kampnagel, Jarrestraße 20–24, Karten T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de