Völkerkundemuseum

Mit Haaren vom Streifenhörnchen gemalt

Im Völkerkundemuseum lässt sich der Künstler Vijay Sharma über die Schulter schauen

Völkerkundemuseum. Hoch konzentriert und ganz in sich versunken lässt Vijay Sharma in seinem improvisierten Atelier den hauchfeinen Pinsel über das handgeschöpfte Papier gleiten. Dann taucht er ihn in einen kleinen Farbnapf, zieht freihändig einen schnurgeraden roten Strich, um gleich darauf dem Gesicht einer Dame mit einem anderen Pinsel Kontur zu geben. Die Schöne reicht einem Papagei etwas, das dieser aufpicken möchte – ein exotisches Motiv.

Dass dem indischen Maler mindestens fünf Besucher bei der Arbeit zuschauen, scheint er zeitweise zu vergessen. Dann wieder hebt er den Kopf, lächelt die Museumsbesucher an und zeigt ihnen, wie zart der Pinsel ist, für den das hauchfeine Haar eines Streifenhörnchens verwendet wurde.

Sharma signiert seine Kopien, um Fälschungsversuche zu verhindern

In der Ausstellung „Blumen, Bäume, Göttergärten – Indische Malerei aus sechs Jahrhunderten“ kann man Vijay Sharma in dieser Woche über die Schulter schauen. Er ist Nationalpreisträger für traditionelle Malerei und in seiner Heimat ein berühmter Meister. Seine kleinformatigen, farbenprächtigen und unglaublich detailreichen Gemälde gleichen nicht zufällig den historischen Miniaturbildern, die in der Ausstellung zurzeit zu sehen sind. „Vijay Sharma ist ein Meister im Kopieren. Seine Werke lassen sich kaum von den teilweise 200 oder 300 Jahre alten Vorlagen unterscheiden. „Aber anders als die alten Maler signiert er seine Kopien, damit sie nicht als Fälschungen auf den Kunstmarkt gelangen“, sagt der Koblenzer Sammler und Indienkenner Ludwig V. Habighorst, der schon seit Langem mit dem Künstler befreundet ist. Doch ist es für einen Maler auf Dauer befriedigend, nur Kopien zu schaffen? Vijay Sharma lächelt, legt den Pinsel beiseite und sagt: „Das Kopieren ist wichtig, um die Technik zu erlernen. Wenn ich das Bild eines alten Meisters kopiere, drücke ich damit auch meine Hochachtung vor dessen Kunst aus. Ich schaffe aber auch eigene Bilder mit Kompositionen, für die es keine direkten historischen Vorlagen gibt.“

Zu Hause ist Sharma in Chamba, einer Kleinstadt, die früher einmal eine Maharadscha-Residenz war und im Bundesstaat Himachal Pradesh liegt. Er stammt nicht aus einer der traditionellen Malerfamilien, studierte die alten Bilder aber schon als Kind im Museum seiner Heimatstadt. Eine akademische Ausbildung hat er nicht genossen, aber sein Talent fiel schnell auf. Er reist nach Nordostindien und lernte bei einem traditionellen Maler. Bald beherrschte er die komplizierte Maltechnik der indischen Miniaturmalerei. Im Museum kann man jetzt beobachten, welche Materialien Sharma benutzt. Dazu zählen farbige Pigmente, die er mit Wasser vermischt, aber auch Mineralien, Panzer von Insekten, winzige Goldplättchen oder Splitter von Edelsteinen.

Viele seiner Kunden sind Sammler und Kenner der indischen Miniaturmalerei, manche kommen aus den USA oder aus Europa. Wer die Geschichten der Bilder tatsächlich verstehen will, muss sich freilich in der indischen Mythologie auskennen. Wie die Heiligen in der europäischen Kunstgeschichte kann man die indischen Helden und Götter an bestimmten Attributen erkennen. Vijay Sharma sind diese Geschichten vertraut, er liest die historischen Texte in Hindi und in Sanskrit und beherrscht sogar Takri, eine fast vergessene Schrift, die früher in Nordindien gebräuchlich war.

Und was ist mit denen, die die Geschichten dieser Gemälde nicht kennen und deren Inhalt daher nicht entschlüsseln werden? „Man kann diese Bilder auf verschiedene Weise betrachten, denn Kunst ist universal. Und selbst in Indien sind die Inhalte und die mythologischen Geschichten vielen Menschen nicht mehr bekannt, trotzdem mögen sie meine Bilder. Man erfreut sich an den Motiven, den Details, an den Farben, der Linienführung und den Formen, auch wenn man den eigentlichen Inhalt nicht versteht“, sagt der Maler, der jetzt das erste auf Hindi geschriebene Buch über diese Kunst in Indien veröffentlich hat.

Auch früher war die Miniaturmalerei eine elitäre Kunst, die sich nur Herrscher und andere wohlhabende Auftraggeber leisten konnten. Diese waren freilich auch in der Lage, die feinen Anspielungen und vielfältigen Bezüge der einzelnen Bildszenen zu verstehen und zu genießen. So hat zum Beispiel das Bild mit der schönen Frau und dem Papagei in Wahrheit eine erotische Komponente. Vijay Sharma lässt sich nicht lange bitten und erzählt schmunzelnd die folgende Geschichte: Eine frisch vermählte Frau führte mit ihrem Ehemann in der Nacht ein Gespräch mit erotischem Inhalt. Als das der einfältige Papagei, der natürlich alles mitgehört hatte, am nächsten Tag vor Publikum ausplauderte, suchte die schöne Frau eine Möglichkeit, die Peinlichkeit zu verhindern. So reichte sie dem Vogel kleine Rubine, die er für Granatapfelfrüchte hielt, was ihn schnell und für immer zum Schweigen brachte.