Elbjazz Festival

Nils Frahm: Das wohltemperierte Klavier

Der Pianist Nils Frahm versteht Musik als Bewusstseinserweiterung, beim Elbjazz Festival gibt er gleich zwei Konzerte

Golem. Vielleicht ist ja das Schönste, dass man die Mechanik dieses zartbitter verträumten Klangs hört, dass man das ganz vorsichtig Handgemachte spürt. Bei den neun Kabinettstückchen, die der Pianist Nils Frahm für sein Soloalbum „Screws“ aufgenommen hat, ist auch das Entstehungsgeräusch schon Teil des Ergebnisses.

Man hört das Pedal, man hört den sachten Anschlag der Hämmer auf die Saiten, als wäre man in den Nächten dabei gewesen, als Frahm mit sich und seinem Instrument allein war. Ganz bei sich. Die Stücke changieren leise zwischen den dezenten Klangtapetenmustern von Satie und Debussy, sie erinnern an die samtweichen Nocturnes mit oder ohne Gesang von Ryuichi Sakamoto, an die Ambient-Klassiker von Brian Eno, die verhuschten Schönheitssuchen von Keith Jarrett und hin und wieder auch an die karge Schönheit der Exerzitien von Morton Feldman. Schön, das ist das eine Wort dafür, tief das andere. „Musik ist eine Art Bewusstseinserweiterung für mich. Ich habe keine anderen Ansprüche, als möglichst viel von mir preiszugeben.“ Zum Beispiel beim Elbjazz Festival, wo Frahm an diesem Freitag gleich zweimal auftritt: Um 18.30 Uhr im Golem und um 0.30Uhr mit dem Vibrafonisten Pascal Schumacher in der Fischauktionshalle.

Es gibt viele Vielleichts in Frahms vor einigen Monaten entstandener Musik, auf die gern mal das tumbe Etikett „Neoklassik“ geklebt wird (Frahm belächelt das nur), damit das Gegenüber irgendwie so halbwegs weiß, wohin damit. Das größte Vielleicht damals war die Befürchtung, ob es vielleicht immer so bleiben würde.

Denn Nils Frahm hatte seine neun Kompositionen mit nur neun Fingern gespielt.

Nach dem Sturz aus dem Hochbett arbeitete er mit Schrauben im Daumen

Den zehnten, seinen linken Daumen, hatte er sich bei einem Sturz aus dem Hochbett in seiner Berliner Wohnung gebrochen. Der Arzt hatte es ihm verboten, aber Frahm nahm jeden zweiten Abend, mit vier Schrauben im Daumen, jeweils ein Stück auf.

Für normale klassische Pianisten wäre solch ein Unfall erst recht eine Katastrophe, Frahm, 30 Jahre, in Hamburg geboren und sehr klassisch-traditionell am Klavier ausgebildet, blickt heute eher entspannt auf diese Zeit zurück, die dann auch ihr Gutes hatte: „Dass daraus eine solche Platte entstanden ist, hätte ich nicht zu träumen gewagt. War ganz schöne Ablenkung von der Tragödie. Aber die Seele in der Musik kann nicht so leicht gebrochen werden.“ Der existenziellen Schreck war „tatsächlich nicht so schlimm“, erinnert er sich. Pianist zu sein, das fühlt sich für ihn wie ein „Seitenprodukt“ seiner musikalischen Karriere an. „Ich bin völlig entspannt damit, dass es irgendwann auch mal wieder aufhört. Alles, was jetzt noch kommt, ist tatsächlich ein Geschenk.“

Was bislang kam, war eine Karriere auf beiden Seiten des Mikrofons. Frahm, seit acht Jahren in Berlin lebend, spielt nicht nur, er kümmert sich als Produzent auch gern darum, dass andere Musiker und Bands erleben, wie sich ihre Ideale anhören könnten. Seit einiger Zeit betreibt er ein Studio in Berlin, in seinem Lebenslauf findet sich unter anderem auch die dänische Freistil-Band Efterklang.

Pianist ist er also, weil gerade kein anderes Instrument da ist? Fast. „Weil ich mich auf einem anderen Instrument nicht besser und in Echtzeit ausdrücken kann. Mir ist das Klavier als Instrument an sich nicht so wichtig. Ich versuche eher, mir die Dinge vorzustellen, die es noch nicht kann. Als Musiker denke ich, da gibt’s immer noch was zu tun.“ Das Studio ist für ihn eine „Riesenorgel“, immer neue Klangfarben, immer neue Möglichkeiten.

Frahm ist, und das macht ihn schnell sympathisch, ganz leicht neben der Spur, die andere als Trampelpfad fürs vermeintlich so moderne Leben gelegt haben. Kein Radio, kein Fernseher, Vinyl-Fan, eine Schreibmaschine, ganz und gar unvirtuell findet er schöner als einen Computer. Dinge mit Aura sind sein Ding. „Meine Kaffeemaschine schätze ich genauso hoch ein wie meine guten Mikrofone.“ Und: „Ich mache Dinge gern absichtlich verkehrt“, hat er einmal behauptet. An den Tasten macht er sehr viel richtig.

Elbjazz Festival Sa/So 24./25.5., Kombiticket 75,-, Tagesticket je 49,- inkl. Elbjazz-Barkassen und HVV-Ticket; Programm unter www.elbjazz.de