Jeffrey Tate

Wie Benjamin Britten mein Leben veränderte

Der Chefdirigent der Hamburger Symphoniker über seine Begegnungen mit dem berühmten Komponisten Benjamin Britten, der in diesem Jahr 100 geworden wäre.

Ich bin 1954 auf das Gymnasium von Farnham gekommen, der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, etwa 60 Kilometer südwestlich von London. Unser Musiklehrer kam mir damals sehr alt vor, aber natürlich war er noch ziemlich jung, er hieß Alan Fluck. Später war er eine der wichtigsten Figuren in der britischen Sektion der Jeunesses Musicales. Ich weiß nicht mehr, wie es kam, aber Fluck war mit Benjamin Britten bekannt. Vielleicht, weil Brittens Lebensgefährte Peter Pears in Farnham geboren wurde.

Wir hatten hervorragenden Musikunterricht bei Fluck. Er gab schon uns Elfjährigen Musik von Britten, Schostakowitsch und Bernstein zu hören, sogar Schönbergs „Fünf Orchesterstücke“. Und er war sehr praktisch veranlagt. Zusammen mit den Musiklehrern zweier anderer Schulen hatte er ein Gemeinschaftsorchester auf die Beine gestellt. In meinem ersten Jahr kam es zu einer Aufführung der Kantate „St. Nicolas“, die Britten für das Lancing College geschrieben hatte, die Schule, auf die Pears gegangen war.

Der heilige Nikolaus soll eine Pastete aus Kinderfleisch essen

Es ist ein wunderschönes Stück, in Deutschland kaum bekannt, und erzählt eine Geschichte des Nikolaus von Smyrna, wie er während einer Hungersnot als Bischof durch Anatolien reist. Man gibt ihm etwas zu essen. Doch Nikolaus ist so hellhörig, dass er das Weinen von Frauen vernimmt. Er erkennt, dass die Pastete, die man ihm gereicht hat, aus dem Fleisch geschlachteter Kinder gemacht ist und erweckt diese Kinder wieder zum Leben. Am Ende der Nummer kommen sie von hinten durch die Kirche und singen Halleluja. Das war mein erstes großes Solo. Wir führten „St. Nicolas“ in der Kirche bei uns auf, ich war einer der drei kleinen Jungen. Vorgesungen hatte ich für die Rolle des jungen Nikolaus, aber die kriegte ich nicht.

Britten kam zur Aufführung. Ich erinnere mich, dass mir sein Name schon geläufig war, seit ich neun oder zehn Jahre alt war. Aber die Musik kannte ich noch nicht. Der Schulchor sang, der Part ist nicht schwer, Britten hatte das Stück ja für Amateurbesetzungen komponiert. Er war ein sehr praktisch denkender Musiker. Britten setzte sich in die erste Reihe, was uns ins Schwitzen brachte, Pears nahm auf der Kanzel Platz. Im zweiten Solo kam ein schrecklicher Moment, weil die Streicher ziemlich durcheinander gerieten und regelrecht auf Grund liefen. Da lehnte sich Pears von der Kanzel herab und sagte sehr ruhig, Britten saß in Hörweite: „Herr Fluck, ich glaube, das machen wir besser noch mal von vorn.“

Abgesehen davon war es ein tolles Erlebnis für uns. Hinterher gab es in der Schule eine Teegesellschaft, und es wurde ein Foto von uns Jungs mit Britten und Pears aufgenommen. Das habe ich zu Hause in London gerahmt stehen. Wie Britten damals auf mich gewirkt hat? Er war sehr nett zu uns Kindern, aber eine besondere Erinnerung an diese erste Begegnung habe ich nicht.

Aber ab da habe ich angefangen, mich mit seiner Musik zu beschäftigen. In England hatte Britten damals den Status von jemandem, dessen Werke man ungeduldig erwartete. Da war immer Vorfreude, ja, Aufregung, wenn etwas Neues von ihm kam. Ich hörte Radio und legte mir eine Schallplattensammlung an, was ich mir leisten konnte, weil ich vom Staat ein großzügig dotiertes Stipendium fürs Medizinstudium in Cambridge bekommen hatte. Von Haus aus hätte ich da niemals studieren können, meine Eltern hatten kein Geld.

1962 habe ich in meiner ersten Studentenbude die Radioübertragung der Uraufführung des „War Requiem“ aus der Kathedrale in Coventry gehört. Ein grässliches Zimmer über einer Bushaltestelle. Ein Jahr später führten wir das „War Requiem“ selbst auf, mit der Cambridge University Music Society. Inzwischen hatte ich ein viel freundlicheres Zimmer, aber in dem Winter war es so kalt, dass das Gas einfror, denn es war Kohlegas, und da ist Wasser drin. In den Weihnachtsferien hörte ich dann eine Aufführung des „War Requiem“ in der Royal Albert Hall in London, die Britten dirigierte. Das war unvergesslich.

Stühle und Pulte schleppen, Karten abreißen, Programme verkaufen

Inzwischen war ich leicht besessen von Brittens Musik, und in den Jahren 1961, ’62 und ’63 ging ich jeden Sommer auf das Aldeburgh Festival, das seit 1948 in Brittens und Pears’ Wohnort Aldeburgh in Suffolk an der Ostküste stattfand. 1961 lud Britten die Cambridge Music Society ein, das Festival mit der „Cantata Academica“ zu eröffnen, ein sehr amüsantes Stück. Dabei erfuhr ich, dass man als Student über eine Stiftung des Prinzen und der Prinzessin zu Hessen Stipendien für Aldeburgh bekommen konnte, Margaret von Hessen war Engländerin. Es gab Freikarten für viele Konzerte, für andere verbilligten Eintritt, dafür musste man Stühle und Pulte schleppen, Karten abreißen, Programme verkaufen. Das habe ich zwei Jahre lang gemacht und unglaubliche Konzerte erlebt – Liederabende mit Britten und Pears, Britten und Svjatoslav Richter als Klavierduo, Richter mit Fischer-Dieskau und der „Schönen Magelone“ von Brahms, Lutoslawskis „Paroles tissées“... Britten hat mich als Pianist ungeheuer beeindruckt. Er war kein Virtuose, spielte aber mit größter Musikalität und einem unwahrscheinlichen Sinn für die Farben des Klaviers.

Am Ende des Festivals 1963 gab er eine Cocktailparty für die Studenten in seinem Haus. Ich erzählte ihm, dass er die letzten zehn Jahre meines Lebens musikalisch dominiert habe. Er erinnerte sich an Farnham, das war sehr nett. Naja, ich war damals 21 und sah ziemlich gut aus, das hat wahrscheinlich geholfen. Er war sehr offen, wir unterhielten uns über Brahms, gegen dessen Musik er eine ziemliche Abneigung hatte. Er sprach von einer Oper, die er schreiben wollte, „Anna Karenina“ mit Galina Wischnewskaja, der Frau von Rostropowitsch. Davon hat er meines Wissens nie eine Note zu Papier gebracht. Auch über Pläne zu einem „King Lear“ sprach er.

Damals war er vital, fast überspannt. Seine Krankheit setzte erst später ein, und sie ist seiner Musik deutlich anzumerken. „Death in Venice“, seine letzte Oper, ist sehr schön, aber seltsam statisch, kein Vergleich zur rhythmischen Intensität des Besten, was er geschrieben hat. Er alterte plötzlich, auf den letzten Bildern sieht er nicht aus wie ein Mann in seinen frühen 60ern.

Das letzte Mal gesprochen habe ich mit ihm 1964, als wir mit dem Philharmonia Chorus die „Spring Symphony“ sangen. Auch da war er sehr zugänglich. Andere haben ihn als sehr schwierigen Menschen beschrieben und ganz schön unter ihm gelitten. Ich glaube, tief im Inneren war er ein unsicherer Mensch.

Das „Nocturne“, das wir am Sonntag aufführen, ist eines meiner absoluten Lieblingsstücke von ihm.

Aufgeschrieben von Tom R. Schulz

Konzert So 26.5., 19.00 Laeiszhalle