Grigory Sokolovs Entdeckung der Langsamkeit

Der russische Pianist vereinte Schubert und Beethoven auf viel bejubelte Weise

Hamburg. Beethoven und Schubert in einem Programm zu vereinen, liegt aus historischen Gründen so nahe, dass man es nur trivial nennen kann. Es bedarf schon einer besonderen Lesart und einer Interpretation, die beide Welten zueinander in Beziehung setzt, um diese Kombination wieder interessant zu machen. Eben dies bot Grigory Sokolov mit seinem neuen Programm, das er am Montag in der ausverkauften Laeiszhalle präsentierte. Dabei bezog der Russe Beethovens Hammerklaviersonate und die Impromptus D 899 sowie die drei Klavierstücke D 946 von Schubert aufeinander.

Die Grundzüge seiner Beethoven-Interpretation stehen für Sokolov offenbar seit Jahrzehnten fest. 1975 veröffentliche er eine Einspielung der Hammerklaviersonate, deren Eigenheiten auch an diesem Abend wieder zu hören waren.

Sokolov bremst diese Monumental-Sonate aus, um das Lyrische an ihr in den Vordergrund zu stellen. Beethovens irrwitzigen Tempoangaben zum Hohn, spielte er etwa das Scherzo so gemütlich, das es etwas geradezu Ländlerhaftes bekam. Das berüchtigte Tremolo – das viele Pianisten zu einem schockhaften Hallo-wach-Effekt nutzen –, leitete bei ihm sanft zum nächsten, „dolce“ (süß) einsetzenden Abschnitt über.

Wo im drängenden Kopfsatz ein Ritardando oder die Anweisung „cantabile“ steht, da führte Sokolov die Musik bis an die Grenze des Stillstands. Und im Adagio sostentuto zelebrierte er die Entdeckung der Langsamkeit. Bei ihm wurde daraus ein Largo, in dem es eines Maximums an Konzentration bedurfte, um von einer Note der Melodie zur nächsten den unendlich lang gesponnenen Faden nicht zu verlieren. Ein entgrenztes Zeitempfinden und „himmlische Länge“, das legte diese Beethoven-Lesart nahe, gibt es nicht nur bei Schubert.

Ganz anders, betont dramatisch war dagegen Sokolovs Zugriff auf Schuberts Musik im ersten Teil des Abends. Wer noch die traumverlorene, beinahe somnambule Schubert-Lesart im Ohr hatte, mit der András Schiff vor zwei Jahren an demselben Ort sein Publikum hypnotisierte, horchte nun fast erschrocken auf. Unübertroffen blieb dabei Sokolovs wunderbare Kunst der dynamischen Nuance im Pianobereich. Über zahllose Zwischenstufen des Leisen und Feinen führte er das Thema am Anfang des c-Moll-Impromptus, bevor er es das erste Mal mit akkordischer Wucht auftreten ließ. Doch die kristalline Perfektion, die sonst das Markenzeichen dieses pianistischen Edelsteinschleifers ist, wurde an diesem Abend auch von flüchtigen Missgriffen getrübt.

Dem Erfolg beim Publikum tat dies keinen Abbruch. Um noch eine der letzten Karten zu ergattern, hatten viele lange vor Konzertbeginn in Warteschlangen von sowjetischen Ausmaßen ausgeharrt. Und der Meister bedankte sich bei seinen Fans mit sechs feinsinnig-delikaten Zugaben, die frenetisch und stehend beklatscht wurden.