Ernst Deutsch Theater

Die Lach- und Schreibgesellschaft

Die Komödie „Damen im Lift“ von Elisabeth Burchhardt und Dagrun Hintze hat Premiere im Ernst Deutsch Theater. Burchhardt und Hintze pflegen die Tradition der Wiener Kaffeehaus-Schreiber.

Hamburg. Beinahe unglaublich, aber wahr: Eine Norddeutsche und eine Österreicherin sind in Sachen Humor auf derselben Wellenlänge. Da mussten die Lübeckerin Dagrun Hintze und die Wienerin Elisabeth Burchhardt – sie arbeiten beide als Autorinnen, Dramaturginnen und Kulturjournalistinnen in Hamburg – natürlich gemeinsam eine Komödie schreiben. Das Ernst Deutsch Theater bringt ihr Stück „Damen mit Lift“ an diesem Donnerstag zur Uraufführung. Adelheid Müther inszeniert die Katastrophen und Kleinkriege in der Wohnküche einer Seniorinnen-WG.

Die zwei Damen lachen viel während des Gesprächs im Reichshof. Burchhardt und Hintze pflegen die Tradition der Wiener Kaffeehaus-Schreiber und verabreden sich hier oft, um Texte zu besprechen oder auszutauschen. „Quasi unser Arbeitszimmer.“ Vergnügtes Gegacker. Sie begegneten sich nicht etwa im Theater, was (zu) naheläge, sondern bei einer Vernissage auf der Fleetinsel. Beide haben auch mit zeitgenössischer Kunst zu tun. Burchhardts Mann Boran ist bildender Künstler, sorgte für Debatten mit seinem „Minarett-Projekt“, Hintzes Lebensgefährte Mathias Güntner ist sein Galerist. Das war vor zehn Jahren – entdecken die beiden gerade. Grund genug, mit den Sektgläsern unter fröhlichem Kichern anzustoßen. Beide hatten da bereits Theatervergangenheit. Hintze war Regieassistentin und Regisseurin in Lübeck und Kassel, seit 1999 arbeitet sie als freie Autorin. Ihre ersten Stücke brachte sie in Ulm („Intensivstation“, 2009) und Kassel („Die Zärtlichkeit der Russen“, 2011) heraus. Burchhardt studierte am Mozarteum Schauspiel, dann Publizistik und Theaterwissenschaft, assistierte am Deutschen Theater Berlin und im Wiener Burgtheater, war Dramaturgin am Zürcher Schauspielhaus und erklärt die Seelenverwandtschaft: „Es ist die Art, die Welt zu betrachten und alles, was um einen herum passiert, sofort als Material für irgendetwas zu verwenden – und sei es für eine schlechte Pointe.“

Im Stück sitzen die Pointen natürlich präzise. Doziert eine der Seniorinnen, die Yogalehrerin Liz (Jessica Kosmalla): „Mein Meister hat immer gesagt: Sei unterwegs, dann bleibt alles im Fluss.“ Antwortet Mitbewohnerin Hilde (Angelika Thomas): „Wenn es nicht den Bach runtergeht.“ Die Autorinnen bringen vier Frauen und ihre Strategien der Lebensbewältigung auf die Bühne. Will das Duo auf der jüngsten Welle der sexy Senioren über 60 im Kino und Theater mitschwimmen? „Der Verdacht liegt nahe“, bestätigt Burchhardt. „Wir haben aber schon 2008 zu schreiben begonnen, da gab es diesen Trend noch nicht. Offenbar sind mehrere Autoren gleichzeitig auf die Idee gekommen, weil es für Schauspielerinnen dieses Alters wenig gute Rollen gibt.“

Über die eigene Generation oder die Jungen ein Stück zu schreiben, hatten beide wenig Lust. „Unter Mittvierzigern herrscht eine neue Spießigkeit“, findet Burchhardt. „Sie joggen, aber rauchen und trinken nicht. Da haben wir die Älteren im Theater ganz anders kennengelernt.“ Hintze spottet: „Nur keine Exzesse, kein Rausch, dafür ein Balanced Life, das sie als eigene Entscheidung hinstellen, um im neoliberalen System noch besser zu funktionieren. Was so hip erscheint – vom veganen Leben bis zur Wellness –, ist eine neue Normierung und eine Kapitalisierung der Körper.“ In Ellis Sohn Martin karikieren sie den Typus dieses „vernünftigen“ Nichtraucher-Spießers.

Die freundschaftliche und kollegiale „Verfilzung des Schreibens zu zweit“ bringt Hintze auf den Punkt: „Eine ist der anderen Lektor.“ Sie arbeiten zwar zusammen, beackern aber auch eigene Felder. „Für mich geht es darum, schreibend auf verschiedenen Terrains durchs Leben zu kommen“, erklärt Hintze. Die mehrfach ausgezeichnete Lyrikerin, die 2008 zum renommierten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen wurde, verfasst außerdem Essays und Prosa.

Auch Burchhardt hat weniger einen vertikal ausgerichteten Aufstieg als Autorin im Blick, sie sieht in der horizontalen Ausweitung ihre Chance: „Ich bespiele schreibend die Felder, die mich interessieren.“ Mit Hörspielen, Rundfunk-Features, Prosa-Texten, zurzeit mit einem Gastspiel als Dramaturgin bei den Wiener Festwochen. Gibt es Konkurrenz oder Konflikte? Sie blicken sich zum ersten Mal einen Moment schweigend an. Hintze antwortet als Erste: „Findet eine von uns etwas nicht gut, fliegt es meistens raus.“ Sanft, doch bestimmt widerspricht Burchhardt: „Wenn um eine Sache gekämpft wird, dann sportlich. Die besseren Argumente setzen sich halt durch.“

Das Schreiben und die Kunst verbinden das ungleiche Damen-Gespann, bei dem auf Anhieb und aus dem Moment heraus Humor passiert. Auch während des Interviews. „Das morbide Wiener Zeug, das mir manchmal um die Ohren fliegt, bringt mich einfach zum Lachen“, meint Hintze. „Ich bin Herzenswienerin und halte es auch gut aus, wenn man schlechte Witze über Deutsche macht.“ – „Es sind keine Witze“, unterbricht Burchhardt. „Das sind Tatsachenbeschreibungen.“ Wieder Gelächter – einträchtig und herzhaft.

„Damen mit Lift“ Uraufführung , Ernst Deutsch Theater (U Mundsburg), Vorstellungen bis 30.6., Karten unter T. 22 70 14 20