Der Holocaust, wie man ihn noch nie sah

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Hanns-Georg Rodek

Vor Claude Lanzmanns Film „Der Letzte der Ungerechten“ verblasst bei den Filmfestspielen in Cannes das Normalprogramm

Cannes. Er, Thierry Frémaux, so erzählt es der Chef des Festivals in Cannes, habe Claude Lanzmann bekniet, mit seinem neuen Film „Le Dernier des Injustes“ („Der Letzte der Ungerechten“) in den Wettbewerb zu gehen. Lanzmann jedoch habe sich standhaft geweigert. Im Nachhinein muss man dem Regisseur recht geben. Er hätte die Jury in eine unmögliche Position versetzt.

Wie hätte sie einerseits, mit Steven Spielberg an der Spitze, dem Gründer der Schoah-Stiftung, die Goldene Palme an Lanzmann verleihen können, ohne sich dem Vorwurf einer Gefälligkeitsentscheidung auszusetzen? Wie hätte sie andererseits den Hauptpreis nicht an „Injustes“ geben können, dem etwas gelingt, was man nicht mehr für möglich gehalten hätte: den Holocaust so zu beleuchten, wie man ihn noch sah?

So gab es keinen Wettbewerb und keinen roten Teppich für „Le Dernier des Injustes“, aber immerhin die Abendvorstellung im zweitgrößten Saal des Festivals. Die Salle Debussy, in die rund 1500 Menschen passen, war nur zu etwa drei Vierteln besetzt. Es hatte im Vorfeld diverse Bekundungen der Unlust bei Festivalgängern gegeben, schon wieder Konzentrationslager, schon wieder ein Mammut-Film (obwohl mit drei Dreiviertelstunden kurz für den Schoah-Regisseur), und außerdem ein Interview mit einem praktisch Unbekannten, Mitte der 70er-Jahre für Schoah geführt und nun nach 38 Jahren erstmals gezeigt. Resteverwertung, wie es ein Kollege böse formulierte.

Der Unbekannte hieß Benjamin Murmelstein, ein Wiener Rabbiner, der auch 30 Jahre nach Kriegsende noch mit Wiener Akzent redete (und „Injustes“ damit ironischerweise zu jenem Film bei diesem Festival machte, in dem am meisten Deutsch gesprochen wird) und Dinge zu erzählen wusste, von denen kein anderer Mensch mehr erzählen konnte. Er war „Judenältester“ im Getto Theresienstadt, Chef der von den Nazis eingesetzten „Selbstverwaltung“, mit dem Auftrag, das Lager zu organisieren, ruhig zu halten, Befehle umzusetzen.

Die Judenältesten sind eine in der KZ-Geschichte hoch umstrittene Gruppe, und keiner hat den Krieg überlebt, keiner außer Benjamin Murmelstein. In der Tschechoslowakei wurde ihm der Prozess gemacht, der mit einem Freispruch endete, aber viele Juden haben ihm nie verziehen. Murmelstein hat nie seinen Fuß nach Israel gesetzt.

Murmelstein war 70, als er Lanzmann gegenübersaß, Hornbrille, braune Hose, grüne Joppe, klein kariertes Jackett, kämpferisch, weit ausholend, aber doch beim Thema bleibend, für Einwände zugänglich, aber doch felsenfest überzeugt, das unter den Umständen Richtige getan zu haben. Lanzmann, mit seinem gebrochenen Deutsch, lässt ihn weitgehend reden, die kritischen Fragen kommen erst gegen Ende, aber das ist in Ordnung, denn dieser Mann hat etwas zu erzählen, und er will es offenbar auch, zum ersten und einzigen Mal vor einer Kamera.

Es geht, im Kern, immer um den Spielraum, den man in einer katastrophalen Situation noch hat und wie man ihn nutzt: „Ich musste mich mit dem Getto identifizieren, um das Getto zu retten, das die Deutschen liquidieren wollten – und um mich selbst zu retten.“ Murmelstein erweist sich als Fundgrube für Konferenzen, Planungen, Transporte, Umbauten – bis Lanzmann ihm vorhält, er rede dauernd von Organisation, aber nie von dem Leiden und Sterben um ihn herum (wie Eichmann in seinem Prozess, hätte er hinzufügen können, fügt er aber nicht hinzu). „Mit Gefühlen kommt man nicht weiter“, entgegnet ihm Murmelstein.

Was einen fast vier Stunden nicht loslässt, ist die Frage, wie man sich anstelle von Murmelstein verhalten hätte. Und so sehr man sich auch bemüht, man kommt zu keinem Urteil. Am Ende verlassen die beiden die Wohnung und spazieren zwischen Touristen durch die antiken Ruinen Roms, und sie laufen langsam von der Kamera weg. Dann legt Lanzmann Murmelstein den Arm um die Schulter, und es ist ein Heimholen in die Gemeinde der Überlebenden, die Beförderung zum Gerechten.

Vor „Le Dernier des Injustes“ verblasst das meiste aus dem Cannes-Normalprogramm, auch der neue Film von Joan und Ethan Coen. Es wird viel gesungen in „Inside Llewyn Davis“. Der Film spielt Anfang der 60er-Jahre im New Yorker Greenwich Village, wo junge Folkbarden in kleinen Clubs auftreten, immer in der Hoffnung, unter den zwei Dutzend Zuhörern könnte ein berühmter Plattenproduzent sitzen.

Das ist über weite Strecken auf leise Weise komisch, und zum Glück keine „Du musst nur lange genug durchhalten“-Geschichte. Sie beruht lose auf der Autobiografie des Folksängers Dave van Ronk, der nur noch ganz Eingefleischten etwas sagt, und wer darauf wartet, in diesem Village einem gewissen Robert Zimmerman zu begegnen, der dort damals auch die Klampfe schlug, muss bis zur letzten Sequenz aushalten, wenn ein junger Mann (den man nur kurz von der Seite erblickt) mit Bob Dylans nölig-raspelnder Stimme loslegt. „Inside Llewyn Davis“ ist kein Epoche machender Coen wie „Fargo“ oder „No Country for Old Men“, aber ein kleines, feines, tragikomisches Nebenwerk.