James Last

Auch mit 84 ist noch nicht Schluss

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Stefan Reckziegel

Bandleader James Last überrascht beim Tour-Finale in seiner alten Heimat Hamburg mit Hits von Adele und Pink und will noch einmal wiederkommen.

Hamburg. „Was bin ich?“ Ältere, auch nicht ganz so alte Fernsehzuschauer mögen sich noch an das heitere Beruferaten erinnern, zu denen der bayerische Gastgeber Robert Lembke („Welches Schweinderl hätten S' denn gern?“) bis Ende der 80er-Jahre immer drei Menschen mit einer ausgefallenen Profession und einen Prominenten im Studio begrüßte. Bei James Last hätten die Herren und Damen Ratefüchse sofort die Masken aufsetzen müssen. Aber die obligatorische „typische Handbewegung“, die den Bandleader seit Jahrzehnten auf der Bühne ausmacht, die ist auch fast 25 Jahre später noch dieselbe.

Während der linke Arm meist entspannt herunterhängt, lässt Last lässig die rechte Hand arbeiten. So, als würde er Wattebäusche werfen, dirigiert der Altmeister sein 62-händiges Orchester. Dennoch hat er alles im Griff. Die meiste Arbeit ist getan, es ist alles arrangiert. Das Pfingstkonzert in der Hamburger O2 World ist die 22. und letzte Station seiner fünfwöchigen „The LAST Tour 2013“. Dass fast parallel der Eurovision Song Contest läuft — wen interessiert’s?

Weder die mehr als 5000 Besucher, die bei Lasts mutmaßlich letztem Gastspiel den Weg in die Multifunktionsarena auf sich genommen haben. Noch den Orchesterchef selbst, mit fast 100 Millionen Tonträgern der erfolgreichste Bandleader der Welt. James Last, vor fast 70 Jahren unter seinen eigentlichen Vornamen Hans Berufsmusiker geworden, hat in diesem Frühjahr bereits sechs europäische Länder bereist und in der Londoner Royal Albert Hall seine Konzerte Nummer 88 und 89 gespielt – so viele wie sonst kein anderer nicht britischer Musiker. Aber ist Hamburg noch immer „Hansi-Stadt“?

In seiner alten Heimat, in der der gebürtige Bremer mehr als drei Jahrzehnte gelebt und in den 70ern im großen Polydor-Studio in Rahlstedt bis zu zwölf LPs pro Jahr (!) produziert hat, kann sich Last auf seine treue, größtenteils mit ihm gereifte Fangemeinde verlassen. Dass der Wahlamerikaner, in schickem Brokat-Jackett und die grauen Haare zum Zopf gebunden, mit 84 Jahren einer der Ältesten in der Halle ist, vergisst, wer seinen „Happy Sound“ hört. Zwar will die Senioren-Party anfangs nicht vollends zünden, und so manche Mitklatscher liegen – etwa bei der früheren Henry-Maske-Hymne „Conquest of Paradise“ – genau neben dem Takt. Doch was sollen die Jüngeren sagen, denen irgendwann der Tanztee mit Deep Purple blüht? Betreutes Feiern? Das wäre das Letzte. Die Sprünge von „Traumschiff“-Melodie über „Rocky“ bis zur „Hip-Hop-Polka“ bleiben indes gewöhnungsbedürftig. Und tanzende und animierende Bläser und Streicher finden sich nur bei Last.

Manch Älterer mag sich an die legendären 70er-Jahre-Faschingsfeten in der Ernst-Merck-Halle auf dem Messegelände – sie dauerten von abends um acht bis mindestens morgens um vier – erinnern, doch die Zeiten der „Voodoo-Party“, von „Humba Humba a gogo“ oder „Non Stop Dancing 1—10“ sind nun mal passé. „Was ist los, ihr Hamburger, ihr seid doch noch gut drauf!?“, ermuntert der Kapellmeister in seiner typischen nuschelnden Art seine Fans zum Walzer. Erst wenige, dann doch einige Paare mehr tanzen bei den „Geschichten aus dem Wienerwald“ vor der Bühne und weiter hinten im Innenraum.

Das Verblüffende und für viele der Besucher neu: Last versucht auch im hohen Alter, musikalisch am Puls der Zeit zu bleiben. Er und sein Orchester mit dem Hamburger Schlagzeuger Stephan „Stoppel“ Eggert, bekannt von der Rockband Selig, und Ex-Salut-Salon-Mitglied Phoebe Scott (Cello), überwinden wieder mal fast sämtliche Stilgrenzen. Mit den Soul-Sängerinnen um die Wuchtbrumme Ingrid Arthur präsentiert Last die Adele-Hits „Rolling In The Deep“ und das James-Bond-Thema „Skyfall“ sowie eine gelungene Version von „Try“ der US-Pop-Rock-Lady Pink „Waren ja ein paar schöne Lieder dabei“, sagt ein Besucher in der Pause an der Service-Station. Die Souveniers, die eine Verkäuferin mit Bauchladen anbietet, sind indes noch mal um einiges teurer als Arena-Wurst, Burger oder Wrap: Das Hochglanz-Programmheft mit der markanten Schattenschrift kostet 9, „The America Album“ mit teils elf unveröffentlichten Titeln stolze 23Euro. Die CD wird im Heft auch auf Englisch und Dänisch beworben.

Denn, wie im zweiten Teil sichtbarer als zuvor, zum Tour-Finale des Partykönigs sind auch Fanclubs aus dem Ausland angereist. Mit einem deutsch-britischen Banner und einem „Danke, Hansi!“-Spruchband ziehen sie in Polonaisen durch die Halle. Beim „Orange Blossom Special 2013“ schreiten Lasts virtuose Trompeter voran. Ihr Chef hat sich da bereits seines Sakkos entledigt. Noch einmal verblüfft er mit einem Arrangement des Rap-Albums „How I Got Over“ von The Roots., ehe das Konzert mit einem seiner Potpourris („Guten Abend, gute Nacht“, „Auf Wiedersehen“ und „Glad You Came“) nach knapp zweieinhalb Stunden endet.

War‘s das? „Wir haben uns vorgenommen, in zwei Jahren wiederzukommen“, ruft „Hansi“ den Fans zum Abschluss zu. Das, was der gefeierte ewige Partykönig dann noch nuschelnd nachschiebt, verstehen nur Eingeweihte. Aber bei „Was bin ich?“ lautete damals eine der Standardfragen: „Machen Sie Menschen glücklich und zufrieden?“. Die Antwort war fast immer: „Ja.“