Künstler in Kajüten

Mit seinem Projekt Openroom Artisthotel bringt Jan Holtmann seit zwei Jahren Kreative zusammen

Hamburg. „Das Prinzip ‚Ich mache mehr Dreck weg, als ich mitgebracht hab‘ funktioniert zu 90 Prozent“, sagt Jan Holtmann und lächelt entspannt. Wie einer, der weiß, dass Kunstprojekte nun mal nicht perfekt sind, es auch nicht sein sollen. Seit zwei Jahren stellt der Hamburger Konzeptkünstler sein Atelier im Schanzenviertel kostenlos all jenen Kreativen zur Verfügung, die in die Stadt kommen, um an Theaterinszenierungen, Filmaufnahmen, Konzerten oder Ausstellungen zu arbeiten. Und sein Fazit der Aktion ist äußerst positiv.

Openroom Artisthotel heißt seine interaktive Installation in der Bartelstraße. Und dafür hat er gemeinsam mit dem Bühnenbildner Urs Ulbrich auf 40 Quadratmetern fünf hölzerne Kajüten errichtet, die jeweils einen Schreibtisch sowie eine extra Ebene mit Matratze enthalten.

Eine einfache Infrastruktur für krumme Gedanken, ein Ort des Transits

„Begehbare Schließfächer“ nennt Holtmann diese funktionalen Aufenthaltskojen mit ihren runden Ausguckfenstern. Denn das Herzstück ist für ihn ohnehin das gemeinschaftlich genutzte Foyer mit Tisch, Sitzmöbeln und einer Küchennische. Eine einfache Infrastruktur für krumme Gedanken. Ein Freiraum. Ein Ort des Transits. Menschen und Ideen treffen aufeinander, verdichten sich auf kleinster Fläche, reisen weiter. So wie Stephan Wiesinger, der 500. Gast des Openrooms. Der 31-jährige Fotograf ist mit dem Architekten Albert Frisinghelli und dem Sozialarbeiter Thomas Robatscher aus Wien angereist. Im Norden wollen die drei für ein gemeinsames Ausstellungsprojekt großformatige Schwarz-Weiß-Porträts von Menschen im Hafen und am Wasser machen.

„Der Openroom ist einzigartig. Wenn wir für Kunstaktionen in andere Städte reisen, müssen wir bei Freunden unterkommen oder wir betreiben Couchsurfing“, sagt Robatscher, schiebt seine Bastmütze zurecht und setzt Wasser für einen Tee auf. Der Geruch von frischen Sägespänen und Lack für den petrolblauen Fußboden ist mittlerweile aus dem Raum in der Hochparterre verflogen. Das Artisthotel ist eingelebt. Basics wie Nudeln, Reis, Kaffee und Haferflocken, die andere Besucher hinterlassen haben, ruhen auf einem schmalen Regalbrett. „Ich war vor einem Jahr schon mal hier und habe mit anderen Künstlern, die ich hier kennengelernt habe, die Stadt erkundet“, erzählt Wiesinger. Das Foto-Team ist für vier Tage in Hamburg. Wie alle Openroom-Nutzer haben sie sich vorab über die Webseite des Projekts angemeldet, kurz ihr Vorhaben geschildert und im Anschluss von Holtmann einen Zahlencode für die Eingangstür erhalten.

Mit Mitteln der Kulturbehörde läuft das Projekt zunächst bis Ende 2013 weiter

Der Künstler will seinesgleichen weitestgehend alleine schalten und walten lassen, „um eine Zoosituation zu vermeiden“. Eine Initiative, die Vertrauen erfordert. Und – ein wenig – Geld. Als Anschubfinanzierung erhielt das Openroom Artisthotel 21.000 Euro Off-Kunst-Förderung von der Kulturbehörde. Nach Unterstützung von der Hamburgischen Kulturstiftung konnte Holtmann nun mit weiteren Mitteln von der Kulturbehörde eine Verlängerung seines Projekts bis Ende 2013 erwirken. „Der Raum macht einfach Sinn“, sagt Holtmann. „In Bielefeld muss es das nicht unbedingt geben.“ Aber in kreativen Zentren wie Berlin, Köln und München würde er selbst eine solche Anlaufstelle durchaus vermissen. „40 Prozent der Künstler, die den Openroom besuchen, sind international“, erklärt Holtmann, darunter sind Schauspieler, Regisseure, Rockbands, Maler, Tänzer, aber auch schon mal eine Opernproduktion. Auch für die Wiener Jubiläumsgäste heißt es am Ende: sauber machen. „Also die Fenster werden wir jetzt nicht unbedingt putzen“, sagt Robatscher. „Aber wir fegen mal durch.“