Mit letzter Kraft

Das Hamburger Meat-Loaf-Konzert in der O2 World war für den Sänger hörbar anstrengend und gab für die Fans trotzdem viel Grund zum Jubeln

Hamburg. Manchmal kann es durchaus aufregend sein, gegen den Strom zu schwimmen, dann aber auch wieder ernüchternd, manchmal sogar erschreckend. Viele der 50.000 Besucher trotten am Sonntagabend mit verkniffenen Gesichtern aus dem Volkspark. Und das liegt nicht an der intensiven Abendsonne, sondern am HSV, der nach dem Remis in der Imtech Arena gegen die Werkskicker aus Wolfsburg wohl wieder mal nur vom internationalen Fußball-Geschäft träumen darf.

Etwa 7500 erwartungsfrohe Menschen haben den entgegengesetzten Weg in die benachbarte, überdachte Arena im Volkspark gewählt. In der O2 World heißt es schon jetzt, Lebewohl zu sagen. Nicht einem Traum, sondern einem Mann, der mal als eine Art Gesamtkunstwerk des Rock galt. Beim Betreten des Innenraums verteilen Helfer indes Handzettel mit dem Konterfei Rod Stewarts und dessen „Live The Life Tour“ mit dem Konzert am 12. September an gleicher Stätte. Hat der nicht, mit 68 Jahren, jüngst ein neues Album namens „Time“ herausgebracht? Zeit, darüber nachzudenken, bleibt nur kurz, es wird dunkel — und vom Band erklingen The Beatles (!) mit „When I’m Sixty Four“.

Dabei ist Meat Loaf, der Hauptakteur dieses Abends, bereits 65 und auf großer Abschiedstournee. Jener Sänger und Schauspieler, der 1975 als Motorrad-Rocker Eddie im Kultfilm „The Rocky Horror Picture Show“ seinen Durchbruch erlebt hatte. Der mit seinem Mega-Album „Bat Out Of Hell“ und seinem Stil, aus jedem Song eine bombastische Mini-Oper zu machen, Musik-Geschichte geschrieben hat. Obschon Meat Loaf wie in früheren Zeiten grußlos die Bühne betritt, erheben sich fast alle im Innenraum. Auch ein Herr, circa Mitte 50, will seiner jüngeren blonden Begleitung (die seine Tochter sein könnte) mal zeigen, was ein echter Rocker ist — respektive war. Sie sieht auch im Sitzen, auf den beiden Leinwänden links und rechts der breiten Bühne, dass hier einer richtig zu kämpfen hat. Mit sich und den richtigen Tönen. Bei „Life Is A Lemon“ (And I Want My Money back!) geht’s schon los, aber eine Geld-zurück-Garantie gab es beim texanischen Schwergewicht auch früher nicht. Er wirkt aufgedunsen. Meat Loaf war mal ein echtes Bühnen-Tier; jetzt steht dem Rock-Fossil nicht nur bei „Dead Ringer For Love“ Patricia Russo bei, zum Glück alles andere als nur eine Background-Sängerin. Die überaus versierte sechsköpfige Band Neverland Express rockt, wo und was sie kann. Doch Meat Loaf, an den Knien lädiert, schleicht und schleppt sich über die Bühne. Beim Song „Objects“ zittern seine Hände am roten Mikro, als umklammere er eine Stange Dynamit. Wo ist seine theatralische Ironie geblieben? Nach der „Fryin’ Pan“, der Bratpfanne, braucht er 15 Minuten Pause. Rente erst mit 67? Nicht für Meat Loaf, bitte! Dennoch jubeln die Besucher.

Draußen, im Verpflegungsring der Halle, hält sich der Andrang am Merchandising-Stand in Grenzen Ein schwarzer „Bat Out of Hell“-Becher kostet 20 Euro, für T-Shirts zahlt man bis 40 Euro. Oder auch frau: Eine groß gewachsene Blondine im schwarzen Deep-Purple-Outfit zwängt sich in ein lilafarbenes Meat-Loaf-Shirt. M ist zu zu klein, Größe L wird gekauft. 35 Euro, ein Liebhaberpreis.

Der Applaus seiner Jünger wirkt wie Erleichterung und Bewunderung

Etwas für alte Bewunderer ist denn auch der zweite Teil. Meat Loaf, jetzt in schwarzem Gehrock und mit rotem Seidentuch, stimmt mit der Band das Album „Bat Out of Hell“ an, angefangen vom Titelsong bis zu „For Crying Out Loud“. Bei „You Took The Words Right Out Of My Mouth“ ist die Vorfreude größer als der Hörgenuss, auch Patti Russo kann das Lied nur halbwegs retten. Bei der Ballade „Heaven Can Wait“ bemüht Meat Loaf, auf dem Hocker schmachtend, noch mal die ganze Kraft seiner Stimmbänder. Der Jubel seiner Jünger wirkt wie eine Mischung aus Erleichterung und Bewunderung. „Danke schön“, sagt Meat Loaf auf Deutsch. „Danke, dass ihr gekommen seid, um zum letzten Mal einen 65-jährigen Mann zu sehen“, ruft er den norddeutschen Fans zu. Und der Rock-Rentner in spe bekommt noch mal das, was sie im Sport „die zweite Luft“ nennen, im Fall Meat Loafs wohl sogar die dritte. Dass auf den Leinwänden zwischen jedem der Mini-Dramen Statements von alten Weggefährten wie dem Komponisten Jim Steinman eingespielt werden, verschafft dem gealterten Star die nötigen Verschnaufpausen.

„Paradise By The Dashboard Light“ mutiert — auch dank riesiger aufgeblasener Puppen im Bühnenhintergrund — sogar noch zur komischen Oper. „Das Album ,Bat Out Of Hell‘ war das ganze Leben lang ein Kampf“, sagt Meat Loaf. „Es gehört euch!“ Noch einmal kitzelt er den Beifall hervor. Der 65-Jährige weiß, was die alten Fans hören wollen. Neue hat er sich mit seiner Show kaum gemacht. Trotz seines „erst“ 20 Jahre alten Nummer-eins-Hits „I'd Do Anything For Love“: In dem erreicht Meat Loaf fast noch mal ungeahnte Höhen, auch wenn ihn Patricia Russo im Zugabenteil ein letztes Mal rettet.

Nach fast drei Stunden ist der Merchandising-Stand umlagerter denn zuvor. Vor allem T-Shirts der „Last At Bat Farewell Tour“ finden noch ihre Abnehmer. Die Träger können zumindest sagen, sie seien dabei gewesen. Und fast alle Zuschauer gehen und fahren geschafft, aber glücklich in die Montagnacht. Meat Loaf kommt nie wieder. Der HSV gleich nebenan jedoch alle zwei Wochen zum Heimspiel.