B-Movie

Unerhört! Musikfilmfestival: Hart, aber herzlich

Das Programm des Musikfilm Festivals Unerhört! beginnt am Freitag mit „Mission to Lars“ und Metallica

B-Movie. Die größte Metalband der Welt und ein 40 Jahre alter Autist aus Großbritannien: Passt das zusammen? Aber ja, jedenfalls in der herzerwärmenden Dokumentation „Mission to Lars“, einem Höhepunkt des Musikfilmfestivals Unerhört!, das vom 3. bis 5. Mai im B-Movie über die Leinwand geht.

Tom Spicer leidet unter dem Fragilen X Syndrom, eine Form des Autismus. Lange schon lebt er in einem Heim, seine Geschwister Will und Kate haben kaum Kontakt zu ihm – aber ein schlechtes Gewissen. Viele Jahre lang haben sie sich aus ihrer Sicht zu wenig um Tom gekümmert, ihn zu selten besucht, doch nun wollen sie etwas wiedergutmachen, indem sie alles daran setzen, ihm seinen Herzenswunsch zu erfüllen. Ein Treffen mit Metallica-Drummer Lars Ulrich. Dass die Band gerade in den USA tourt, ist allerdings schon das erste Hindernis, denn auch wenn Tom immer wieder sagt „Lars treffen“, so ist er doch lange noch nicht bereit, ein Flugzeug zu besteigen. Sein Alltag muss strikten Regeln folgen, muss berechenbar sein, und genau das ist ein Roadtrip auf den Spuren einer Metalband natürlich nicht. Darüber hinaus erweist es sich auch als ausgesprochen schwierig, überhaupt Kontakt zum Management zu bekommen und später tatsächlich in den heiligen Backstage-Bereich zu gelangen.

Eigentlich ist diese Mission also zum Scheitern verurteilt, doch Kate und Will Spicer lassen sich einfach nicht entmutigen. Ob Tom sich im letzten Moment weigert, ein Metallica-Konzert zu besuchen, weil es ihm dort zu laut ist, oder ihnen ein Zwei-Meter-Mann am Eingang zu den Garderoben erklärt, mit ihren Backstage-Ausweisen hätten sie hier keinen Zutritt: Sie bleiben hartnäckig und kämpfen sich auch durch tiefe Stimmungstäler, um dem Bruder seinen Herzenswunsch zu erfüllen. Wie dieses Abenteuer ausgeht, soll hier nicht verraten werden, nur so viel: Nicht nur Metallica-Fans dürfte bei diesem Film das Herz aufgehen. Und Lars Ulrich, der ja einst mit seinem Kampf gegen illegale Downloader viele Sympathien verspielte, sah schon mal schlechter aus.

Hat „Mission to Lars“ (3.5., 17 Uhr) durchaus Mainstream-Potenzial, ist der Rest des Unerhört!-Programms eher etwas für Spezialisten und für Neugierige, die hier geboten bekommen, was sonst nirgendwo zu sehen ist. Etwa die in den 60er-Jahren gedrehten Dokus von Klaus Wildenhahn über den amerikanischen Jazz-Organisten Jimmy Smith (5.5., 19 Uhr), die geradezu improvisiert erscheinen (was natürlich gut mit der Musik korrespondiert) und vor allem Zeitbilder sind, die in eine uns heute schon recht ferne Welt entführen. Tolle Szenen gibt es da, etwa von jungen deutschen Frauen, die die Musiker aus der Ferne neugierig betrachten, sehr hörenswerte Konzertaufnahmen, aber ein paar Längen hat das Material eben auch. Die Sehgewohnheiten haben sich in den vergangenen 40 Jahren eben massiv verändert.

Um Veränderung geht es auch in „How We Entered Europe – The SexA Case“ (4.5., 23 Uhr), das die Geschichte der jugoslawischen Postpunk-Band SexA nachzeichnet, die kurz vor Ausbruch des Balkankriegs nach Holland zog und nun, 20 Jahre später, Bilanz zieht. Gezeigt wird diese Doku im Doppelpack mit „If Nobody Is Playing“ über die mazedonische Underground-Band Bernays Propaganda, die versucht, in der Musikszene Fuß zu fassen.

Hip-Hop-Fans sollten sich außerdem „Sample: Not For Sale“ (3.5., 23Uhr) vormerken, eine Doku von Mike Redmann, in der die Geschichte des Sampling erzählt wird. Im Film kommen unter anderem Afrika Bambaataa, Bootsy Collins und George Clinton zu Wort, im B-Movie wird der Regisseur anwesend sein und Fragen beantworten.

Insgesamt ist Unerhört! also ein Filmfestival mit abwechslungsreichem Programm, dessen einziger Nachteil seine Kürze ist, gab es doch in den vergangenen Jahren wesentlich mehr zu sehen. Aber finanzielle Beschränkungen ließen keine Ausweitung zu, auch wenn das Angebot an sehenswerten Musikfilmen aus allen Genres so hoch ist wie nie zuvor und auch bei „normalen“ Festivals Dokus und Spielfilme längst dazu gehören.

Unerhört! Musikfilmfestival 3.–5.5., B-Movie (U Feldstraße), Brigittenstraße 5, Karten zu 6,-/5,-, Festivalpass 25,-/20,-; www.unerhoert-filmfest.de