Reeperbahnfestival des Jazz

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Tom R. Schulz

Bei der Jazzahead in Bremen feierten Branchenvertreter, Fans und Musiker aus 33 Nationen die Lebendigkeit ihrer Musik

Bremen. Der vor Jahrzehnten von Frank Zappa geäußerte sarkastische Befund, der Jazz sei nicht tot, röche nur etwas merkwürdig, zählt zu den beliebtesten Zitaten, die Spötter über den Gegenstand ihres Missvergnügens anzubringen wissen. Eine aktualisierte, als Frage formulierte Diagnose über den Gesundheitszustand des Patienten wagte kürzlich der britische Jazzjournalist Stuart Nicholson: „Is Jazz dead? Or has it moved to a new address?“ Dass Nicholson mit der Vermutung, der Jazz sei womöglich quicklebendig, aber eben aus dem Mutterland weggezogen (und zwar ins alte Europa), den Nagel ziemlich genau auf den Kopf getroffen hat, ließ sich am Wochenende bei der Jazzahead in Bremen verifizieren.

Neidvoll blickten die wenigen Gäste aus den USA auf das nahezu ausschließlich paneuropäische, eminent wuselige Geschehen in der Messehalle 3, in das sich erstmals auch Anbieter aus Argentinien, Polen und Litauen mischten. Knapp 600 Aussteller aus 33 Ländern verzeichneten die Organisatoren, einen erneuten Zuwachs der seit ihrer ersten Ausgabe 2006 kontinuierlich boomenden Messe um 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „In den USA gibt es nichts auch nur annähernd Vergleichbares“, seufzte eine freie Agentin, die in New York lebt.

Die Forderung nach einer Mindestgage für Jazzmusiker wurde heiß diskutiert

In wie vielen regionalen Eigenfarben der Jazz in Europa blüht, war im Sprachengemisch an den Messeständen zu erleben, vor allem aber in kaum zählbaren Showcases tagsüber, an den Abenden und in der Club-Night. Obschon eine Fachmesse, nehmen die Bremer an der Jazzahead ähnlich aktiv Anteil wie die Hamburger am Reeperbahnfestival. Als Gastland präsentierten die Veranstalter diesmal Israel, das geografisch zwar nicht zu Europa zählt, kulturell und historisch aber starke Verbindungen zum Kontinent hat. Dass die israelische Jazzszene nicht nur aus dem großartigen Kraftkontrabassisten Avishai Cohen besteht, der mit einem Galaauftritt im Trio in der Glocke das Publikum ähnlich in Verzückung versetzte wie vor einem Jahr bei „Sounds of Israel“ im St. Pauli Theater, bewies die Israeli Night am Eröffnungsabend im Schlachthof.

Vor allem das Quartett des mit Kippa auftretenden Sopransaxofonisten Daniel Zamir spielte eine identifizierbar israelische, ungemein rasante, virtuose Musik, deren Melodik sich auch aus Gesängen jüdischer Kantoren speist. Zamir sang auf Hebräisch und blies orientalische Linien im Akkord, seine Mitspieler an Klavier, Bass und Schlagzeug kochten dazu ein herrlich dynamisches Hexengebräu des Jazz, das mehr nach Keith Jarrett in den 70er-Jahren klang als nach Klezmer.

Tief aus der Tradition albanischer Lieder schöpft die seit 20 Jahren in der Schweiz lebende Sängerin Elina Duni, deren Begleittrio aus gestandenen Schweizer Jazzern besteht. Eigenständige Legierungen aus Jazz und Folkloresprachen Südosteuropas waren auch bei Esra Dalfindan’s Fidan und Arifa zu bewundern, zwei Ensembles von Musikern unterschiedlicher Nationen, die sich in den Niederlanden zusammengefunden haben. In den stärksten Momenten ihrer Konzerte wollte man Nicholsons Diagnose zustimmen; wo einst Worksong, Gospel und Blues das melodisch-atmosphärische Fundament des amerikanischen Jazz prägten, bilden hier mit derselben Autorität Hirtengesänge oder alte Widerstandslieder die Grundlage zur Improvisation.

Und wer Paul Desmonds „Take Five“ mit seinem von Anfang bis Ende zuverlässig durchgehaltenen 5/4-Takt bislang für den Gipfelpunkt metrischer Abweichung im Jazz gehalten haben mag, dem fuhren die nahezu immer ungeraden Metren des südosteuropäisch inspirierten Jazz noch ganz anders in die Glieder. Gemächlich mit dem Fuß wippen wie beim guten, alten Swing, das fällt hier schwer. Selbst bei den überproportional vertretenen Klaviertrios aus vieler Herren Länder gab es ein paar begeisternde rhythmische Herausforderungen, vor allem beim Helge Lien Trio aus Norwegen und dem irrwitzig verschachtelten Highspeed-Jazz des Briten Django Bates.

Die Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ) lud im Jahr eins nach der friedlichen Verbands-Revolution – 2012 sorgten engagierte Nachwuchs-Jazzer um die Pianistin Julia Hülsmann und den Saxofonisten Felix Falk mit neuen Ideen für eine spontane Wiederbelebung des zuvor jahrelang untätig gewesenen Vereins – zu einer Podiumsdiskussion über den Stand der Dinge. Dabei erfuhren die Anwesenden nicht nur, dass der Staatsminister für Kultur in Kürze erstmals einen Spielstättenpreis Jazz ausloben wird, bei dem für Clubs mit gutem Jazzprogramm nach dem Vorbild des Kinoprogrammpreises insgesamt eine Million Euro vergeben werden. Falk berichtete auch von der Existenz einer fraktionsübergreifenden „Neigungsgruppe Jazz“ im Deutschen Bundestag, in dessen Plenarsaal das Wort Jazz überhaupt zum ersten Mal 2007 gefallen sei. Man habe die Sitzungsprotokolle nach dem Begriff durchsucht.

Auch die Forderung nach einer Mindestgage für Musiker wurde diskutiert, worauf sofort ein Streit entbrannte. Wird eine Mindestgage nicht schnell zur Höchstgage? Zumindest bei den (auch) mit öffentlichem Geld geförderten der rund 250 Jazzfestivals, die jährlich in Deutschland stattfinden, will die UDJ auf eine solche Vereinbarung hinwirken. Siechen Clubs und kleinen Festivals bräche der Zwang zu einer Mindestgage womöglich das Genick.

Hamburg präsentierte sich wie in den Vorjahren mit seinem Gemeinschaftsstand Jazz Moves. Was, mag mancher nun träumen, wäre wohl, gäbe es auch in der Hamburgischen Bürgerschaft eine Neigungsgruppe Jazz, die sich für die Belange der Musiker und der Clubs einsetzte? Und der innere Stuart Nicholson fragte sich: Wenn das Birdland in Hamburg zumacht, ist der Jazz dann hier tot? Oder sucht er sich nur eine neue Adresse?